Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1906)
- Date
- 1906-02-16
- Page
- Seite 84 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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84 tapfersten Leute verloren damals ihre Besinnung, keine Vorstellungen halfen mehr, kein Kommando wurde mehr gehört. Gurweiß arbeitete auf einem Verbandsplatz, der, hinter einem Hügel gelegen, die Aussicht vollkommen verdeckte. Nur der Lärm dieser verzweifelten menschlichen Metzelei drang zu ihm. Ein Opfer nach dem andern wurde zu ihm gebracht, und er schritt murrend und schimpfend wie gewöhnlich durch die Reihen der Unglücklichen, stillte das Blut und verband die Wunden, und hatte dabei noch ein gutes Wort und ein trostreiches Lächeln für jeden. Er hatte nur zwei junge Gehilfen zur Hand, über deren Ungeschicklichkeit er tobte. Er selber schien den Begriff der Müdigkeit oder Furcht verloren zu haben, in Schweiß gebadet, über und über mit Blut bedeckt, fuhr er in seiner Arbeit fort, ohne die Hände für einen Augenblick in den Schoß zu legen. Ich war unter den Trägern, aber ich kam nicht einmal dazu, ihm die Hand zu drücken. Wir nickten uns nur Zu, mit jenem guten, kameradschaftlichen Lächeln, das man in Stunden der Gefahr für einander hat. Nicht ein Lächeln der Freude ist es, es liegt Mitgefühl darin und eine gegenseitige Aufmunterung. „Flieht, der Feind!" Ein Stabsoffizier sprengte blaß und atemlos auf einem ebenso erschöpften Pferd heran. Einen Augenblick blieben wir wie eingewurzelt stehen, als aber die beiden Krankenpfleger — es waren Serben — zu laufen begannen, folgten auch wir ihnen unbewußt, unter dem Eindruck dieser panischen Flucht. Es war ein ganz sonderbarer, förmlich herdenmäßiger Instinkt, der uns trieb, und wir sprangen ganz planlos über die verwundeten, röchelnden Menschen. Anfangs bewegten wir uns ganz automatisch, selbst der Schrecken kam uns nicht zum Bewußtsein, aber er wuchs doch mit jeder Minute. Ich weiß noch, wie die Verwundeten zu jammern begannen und uns anflehten, sie nicht zu verlassen, ich weiß noch, wie sie unglaubliche Anstrengungen machten, um mit ihren wunden Gliedern nach uns zu greifen, wie sie sich an unsere Hände und Kleider klammerten. Vielleicht wirkte gerade ihr Schreien so furchtbar auf uns — ich weiß es nicht, ich war wie im Traum — aber wir besannen uns plötzlich und blieben stehen, blaß, zitternd, atemlos .... Wir schwiegen, erstaunt, verwirrt, in banger Erwartung. Wir wußten nicht, was wir tun sollten, und gleichzeitig überkam uns ein überwältigendes Gefühl der Scham, daß wir die Verwundeten hatten verlassen wollen. „Flieht, sag' ich Euch!" wiederholte der Offizier. „Und die Verwundeten?" ermannte sich Gurweiß, er atmete kaum noch, das Gesicht war fast blau vor Erregung und die Augen traten vor. Der Offizier zuckte die Schultern. „Steigen Sie ab!" schrie Gurweiß, der mehr und mehr zur Besinnung kam, trotzdem ein fieberhaftes Zittern noch immer seinen ganzen Leib schüttelte. „Der Feind ist vor der Nase," antwortete der Offizier, noch immer zögernd. „Steigen Sie ab — die sind unglücklicher als Sie und ich — Ihre Hilfe ist hier nötig!" Er wurde vor Angst wütend. Seine Worte und sein Beispiel gaben uns unsere Selbstbeherrschung wieder. Der Offizier stieg vom Pferd, und unter Gurweiß' Rufen „Vorsichtiger", „Langsamer", legten wir die Verwundeten auf den Wagen. Aber es waren so viele. Als der vollbepackte Wagen sich in Bewegung setzte, lagen noch inimer einige auf dem Boden und jammerten laut, daß wir auch sie nicht verlassen sollten. „Eilen Sie," rief Gurweiß fieberhaft erregt dem Offizier zu, „nach einem Wagen!" „Sind Sie verrückt %“ der Offizier kam in Zorn, „ich sagte Ihnen doch: Fliehen Sie." „Ich kann nicht . . . Verstehen Sie — ich kann nicht!" „Aber wo soll man denn jetzt einen Wagen hernehmen!" „Wo Sie wollen. Eine Fuhre, eine Bahre, was immer." „Fliehen Sie, sagte ich Ihnen schon! „Fliehen Sie selber! Ich — ich — ich" — Gurweiß stotterte vor Zorn — „ich verlaffe die Kranken nicht." Und blaß, zitternd, mit fest zusammengepreßten Zähnen, entrollte er die Fahne des „Roten Kreuzes" unv kauerte auf dem Boden nieder. (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen.! 2lug. Wünsche. Die.Schönheit der Bibel, l. Band: Die Schönheit des Alten Testaments. Leipzig. Ed. Pfeiffer 1906. Es ist eine augenfällige Erscheinung, daß in letzter Zeit das Interesse für die Theologie in den Kreisen der Gebildeten sehr zugenommen hat. Einzelne Werke bekannter Forscher haben hierzu den Anstoß gegeben. Wünsche zeigt uns nun in seinem neuesten Werke, daß die Bibel nicht bloß ihrem religiösen Inhalte nach von grundlegender Bedeutung ist, sondern daß auch die Art, in der ihre einzelnen Teile geschrieben sind, geeignet ist, dem Leser einen wahren Genuß zu bieten. Um das religiöse Leben zu fördern, ist es dringend notwendig, daß die Bibel, die Perlen der Weltliteratur enthält, mehr gelesen wird. Die gewöhnlichen Uebersetzungen regen nicht sehr dazu an, um so mehr aber ist es zu hoffen von einem Werke, das, frei von christologischer Färbung, den ethischen Gehalt der Bibel stets betonend, besonders auf die Schönheit der Gedanken und ihrer Ausführung aufmerksam macht. Wie Herder in seiner Schrift „Vom Geiste der ebräischen Poesie" die Bibel unter dem Gesichtspunkt der Aesthetik stellt, so bemüht sich Wünsche mit Wärme und edler Begeisterung, den ästhetischen Wert der Bibel hervorzuheben und sie möglichst wieder zu einem Volksbuche zu machen. Darum kommt es ihm „mehr auf Herausarbeitung der materialen oder gehaltlichen Schönheit an, wie sie den Inhalt, durch die ganze Gedanken- und Jdeenverbindung zum Ausdruck kommt, als auf die formale Schönheit, wie sie in dem Parallelismus der Glieder und in den verschiedenen zahlreichen rhetorischen Ausdrucksmitteln in die Erscheinung tritt." (Ueber die formale Schönheit der Bibel wird demnächst ein besonderes Werk Wunsches erscheinen.) Die recht zahlreichen Uebersetzungsproben zeichnen sich durch eine wahrhaft edle Sprache aus; nicht ohne Erfolg ist es dabei dem Verfasser möglich gewesen, die Stellung der einzelnen Wörter möglichst dem hebräischen Texte anzupassen. Einzelne Abschnitte des Buches sind von dem Verfasser bereits früher in verschiedenen Zeitschriften veröffentlicht worden. Hier schließen sie sich zu einem Kranze zusammen und geben ein einheitliches Bild von dem Zauber, den die Bibel auf die Phantasie ausströmt. Ob die Naturpoesie des Alten Testaments dargestellt wird oder die Poesie des Todes, ob die Prophetin in ihrer religiös-sittlichen Bedeutung gezeigt wird oder die unvergängliche Schönheit des Psalters, — in all den verschiedenartigen literarischen Denkmälern des israelitischen Altertums findet W. eine Quelle der Erbauung und der Erhebung des Gemüts. So ist es kein Wunder, wenn die Bibel eine befruchtende Wirkung auf große Dichter geübt hat, wenn in der Weltliteratur Epen und Dramen ihre Stoffe der heiligen Schrift entlehnten. Wünsche spricht auch von den Tondichtern, die durch biblische Stoffe begeistert wurden. Der letzte Abschnitt des Buches handelt von der Bedeutung der Bibel für die bildende Kunst. Möge das Werk verdiente Anerkennung finden und weitere Kreise zu eindringlichem und verständnisvollem Lesen in der heiligen Schrift führen. Dresden. Rabb. Dr. Leopold Stein. Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin. Veraniwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.