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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-02-16 · Heft 7 (16.2.1906) · p. Seite 83

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 7 (16.2.1906)
Date
1906-02-16
Page
Seite 83 (sequence 11)
Language
German
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83 vergessen können, wollen sie das Unrecht gut machen, das einst begangen worden ist; denn sie haben eingesehen, welchen Segen Juden als treue Bürger bringen können. Ja, Glaubenstreue und Vaterlandsliebe find aus einer Wurzel entsprossen. Es ist tragisch und geradezu erschütternd, daß die Treue zum Glauben unserer Väter vom Staate, der doch durch Treue allein gefestigt werden kann, nicht bloß nicht belohnt, sondern durch Zurücksetzung bestraft und daß die Untreue gegen den Glauben geradezu belohnt wird. Sie werden noch heute von berufener Seite den Kommentar zu dieser Tragödie hören. Meine Herren! Wir find dem Bekenntnis und der Abstammung nach Juden; welcher Rasse wir angehören, das hat die Wissenschaft festzustellen — es ist für unsere Frage belanglos. Aber unser Herz ist reich genug, um ganz Jude und auch ganz Deutscher zu sein. Der Jude. Aus dem Russischen von Grigorij Matschtet. VII. ährend des Feldzugs arbeitete Gurweiß niemals im Lazarett, sondern auf den Verbandplätzen, mitten im Kugelregen. Er war ganz von seiner Aufgabe erfüllt. In der ersten Zeit allerdings klapperte er beim Beginn jeder Schlacht mit den Zähnen, wurde blaß, manchmal fast blau, und zuckte in komischer Weise die Schultern, aber allmählich gewöhnte er sich daran und arbeitete so ruhig wie der erfahrenste Militärarzt. Das Zischen der Kugeln, das er allerdings nicht leiden konnte, und bei dem er in der ersten Zeit immer mit den Augen geblinzelt hatte, hörte völlig auf, ihn zu beunruhigen. „Nu, ttu," brummte er nur, „was für ein Unsinn ist so ein Krieg," und fuhr dabei fort, seine Pflicht zu tun. Mitunter, wenn es soviel Arbeit gab, daß sogar seine prachtvollen Instrumente von dem vielen Menschenfleisch stumpf wurden, vergaß er alles ringsumher und schimpfte und brummte bloß wie ein altes Weib. ^Dann sah und hörte und verstand er nichts mehr, sondern schimpfte bloß auf sich und seine „prächtigen Instrumente" und den „dummen Krieg", und „auf die dummen Menschen, die so dumme Wunden machen," kurzum auf alles, was ihm nur unter die Hand kam. Dabei wiederholte er fortwährend „Teufel". Allmählich gewöhnte er sich so an den Krieg, daß man ihn für den Tapfersten der Tapferen hätte halten können. Mehr als einmal erzählte man mir, wie wütend er werden konnte, wenn der Befehl kam, den Verbandplatz zu verändern, weil er gefährlich wurde oder durch herankommende Kugeln gestreift werden konnte. „Sie stören mich nur mit Ihren Befehlen," schnaubte erden Üeberbringer an, „Kugeln, weiß Gott, ich seh' noch keine". „Eine Kugel sehen!" Armer Freund, er sollte nachher erfahren, wie man „Kugeln sieht", bis jetzt hörte er sie nur, und ihr ziemlich unharmonisches Pfeifen störte ihn nicht im geringsten bei seiner Arbeit. Einmal, während eines heißen Kampfes, brachte man einen serbischen Oberst auf den Verbandplatz, dem der Fuß verletzt worden war. Der alte Mann war ein berühmter serbischer Führer gegen die Türken und Gurweist spezieller Freund. Ausgeregt begann Gurweiß mit Hilfe des Feldschers, der das Bein halten mußte, die Kugel zu entfernen, als plötzlich in der Nähe eine Granate zischend niederfuhr und platzte. Holzstücke und Sand flogen auf, und der erschrockene Feldscher ließ das Bein los und fiel atemlos zu Boden. „Sind Sie erschlagen?" schrie Gurweiß ungeduldig, ohne sich umzudrehen, und noch immer mit der Wunde beschäftigt. „Nein . . . aber . . . aber. . antwortete der Feldscher und rang noch immer nach Atem. „Warum haben Sie also das Bein fahren lassen?" „Aber die Granate, Herr Doktor, die Granate..." „Zum Teufel, ich spreche ja gar nicht von der Granate, sondern vom Bein." Der Verwundete erzählte später, daß er bei diesen Worten, trotz seiner Schmerzen, herzlich lachen mußte. Er wollte einen heiligen Eid leisten, daß Gurweiß das Platzen der Granate nicht einmal gemerkt hatte. Kein Wunder, daß er in der ganzen Armee populär wurde und daß ihn alle liebten, die einmal mit ihm in Berührung kamen. Ein alter Garibaldier, ein Draufgeher und Bärbeißer, wiederholte immer „6orpo di Baceo", wenn er von ihm sprach. In freier Uebertragung mußte das natürlich soviel heißen als „fescher Kerl", aber dies Oorpo di Baeeo/gefiel uns allen so gut, daß wir alle Spitznamen aus der Schulzeit und den Universitätsjahren fahren ließen und ihn einfach 6orpo nannten. Das Wort wurde bald von allen angenommen, und viele hielten es in ihrer Naivität für einen Eigennamen, so daß die Soldaten anfingen Gurweiß „Doktor Korpo" zu nennen, wobei sie das fremde Wort in ganz schauderhafter Art deklinierten. Gurweiß selber nahm ihn ebenso gleichmütig hin, wie alle früheren Bezeichnungen. „Ne, Brüder, gegen „Korpo" sind doch alle anderen Aerzte nur Stümper," hörte ich manchmal die Soldaten und Unteroffiziere reden, die sich unter unserer Freiwilligenschar befanden. „Ein großartiger ist er.. . er schimpft immer, aber wie er verbindet. .. bloß den Teufel ruft er immer an .. ." „Na ja, das ist schon wahr. . . aber was ist da viel zu reden, einfach eine Gewohnheit und fertig... ein Prachtjunge ... er hat überhaupt keine Angst." „Weil ihn^auch nie eine Kugel holt! Sie fliegen nur immer so um ihn herum und keine tut ihm was... Er muß so'n Wort kennen." Aber er kannte nicht so'n Wort und die Kugel holte ihn doch. .. Es war schon gegen Ende des Krieges, als die Türken, infolge eines unverzeihlichen taktischen Fehlers des Stabes, wie man damals sagte, die Armee aufs Haupt geschlagen hatten und wütend ihre zerstreuten Abteilungen verfolgten. Der Rückzug artete schon in Flucht aus, aber man kämpfte doch immer noch, und die Freiwilligen, die in der Avantgarde waren, deckten wie immer mit ihren Bajonetten die Hintermänner. Die Türken drängten schon von allen Seiten, und mehr als einmal schon schien der Rückweg abgeschnitten." Die Panik war entsetzlich, jede Ordnung aufgelöst... Die ganze Armee bildete nur noch einen einzigen riesigen Haufen: Artillerie, Fußtruppen, Gepäck, alles drängte und stieß sich in wilder Furcht. Die allgemeine Verwirrung stieg von Minute zu Minute. Aus der Hölle selber schien das Schreien und Stöhnen zu kommen, die Verzweiflung und die Furcht feierten ihre Orgien, und der Tod ersetzte die Freude bei diesem Fest. Die Granaten pfiffen und stöhnten, sie flogen bald hier, bald dort auf, erfüllten die Lust mit einem eigentümlich heiseren Laut und fielen dröhnend auf die Erde oder mitten in blutige Menschenmassen, wieder verwundend, tötend, vernichtend — die Kugeln summten wie Bienen, wenn sie im hellen Sonnenschein um einen blühenden Strauch schwirren, und streckten einen Menschen nach dem andern nieder,. Die kaltblütigsten,

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