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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-02-16 · Heft 7 (16.2.1906) · p. Seite 82

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 7 (16.2.1906)
Date
1906-02-16
Page
Seite 82 (sequence 10)
Language
German
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" '• ' —u -»L-VRW«»ÄW katholische Religion Unduldsamkeiten ausgeübt hat. so hat sie es von uns gelernt; weil er es so will, muß es so sein. Das Judentum kennt nur die Gewalt eines Despoten, nicht die Gnade des Himmels, hat Hölle und Teufel erfunden und die Religion zum Geschäft herabgewürdigt. So geht es weiter; man traut seinen Augen kaum, wenn man liest, was unser Judentum sein soll. Und solche Ansichten werden im Volke verbreitet, und solchen Wahngebilden wird zugejubelt. Den Gegensatz zu den Juden bilden die Germanen, die Blüte der Arier. Große, strahlende Augen, goldenes Haar, die Riesengestalt, der längliche Schädel, das hohe Antlitz usw., das ist der Typus des Germanen. Sie find die Edelsten der Edeln. In ihnen lebt die Ahnung des Unbegrenzten, des Unendlichen; aus ihnen leuchtet die Treue, leuchtet das Gemüt, alles Reine und Hohe. Ariertum und Semitentum, Germanentum und Judentum sind Gegensätze, es gilt einen Kampf auf Leben und Tod. Die Arier sind der Segen, die Semiten der Fluch der Menschheit. So will es Chämberlain, folglich ist es so. Meine Verehrten! Was dem Rasfenfanatiker nicht paßt, das verändert er willkürlich; was seiner Theorie sich nicht willig fügt, das wird mit Gewalt umgeprägt. Wenn Männer wie Schiller, Kant, Bismarck, Richard Wagner von dem Typus, den der Rassenfanatiker für germanisch hält, abweichen, so wird eine erkünstelte Deutung dafür gesucht; wenn Männer wie Dante, Thomas v. Aquino, Franz v. Aquino, Franz v. Assisi usw., die er verehrt, nicht hon germanischen Eltern abstammen, so muß es eben anders erklärt werden. Nur bei den Juden gibt es keine Ausnahme. Natürlich darf Christus kein Jude sein. Bei Delitzsch war es babylonische Kraft, bei Chamberlain arische Kraft, die auf Christus wirkte. Wie eine Ironie auf diese phantastischen Wahnideen nimnü sich die jetzt wissenschaftlich feststehende Tatsache aus, daß es eigentlich eine arische und eine semitische Rasse gar nicht gibt. Der große Sprachforscher Max Müller, der berufenste Sachverständige, sagt: von arischer Rasse zu sprechen ist derselbe Fehler, wie von einer kurzschädligen Grammatik oder einem langschädligen Lexikon zu sprechen. Die Bezeichnungen Arier und Semiten können nur auf Sprachgebilde, nicht auf Rassen Anwendung finden. Die moderne Anthropologie lehrt andererseits, daß in den Adern der Juden gar nicht so viel semitisches Blut rollt und daß die Einreihung der Juden in die semitische Rasse unrichtig ist; die ganze Theorie, die Tausende von unseren Feinden als Dogma erklären, ist daher erschüttert. Aber, meine Herren, gehen wir hier nicht näher auf die wissenschaftliche Seite der Rassenfrage ein; diese ist bereits für ernste Forscher entschieden. Anthropologie, Philologie, Archäologie, Geschichte haben sich vergebens bemüht, das Rasienrätsel zu lösen. Gewiß vererben sich Eigenschaften von Geschlecht zu Geschlecht; aber der Mensch ist nicht nur ein Zuchttier; nicht nur das ererbte Blut, sondern auch der Wille und der Geist schaffen die Persönlichkeit. Das Milieu übt den größten Einfluß auf die Entwicklung aus. Die Menschen geben und empfangen voneinander. Männer wie Virchow, Jean Finot in Paris, Hertz usw. haben in gründlichen Studien dargetan, welch krankhafte Phantasie dazu gehört, solch unerwiesene und unerweisbare Rassenfragen als feststehende Dogmen zu betrachten. Wir wollen es hingestellt sein lassen, welcher Rasse wir Juden angehören; wir Juden sind eine religiöse Gemeinschaft dem Bekenntniffe nach und ein Stamm der Abstammung nach. Wir sind stolz darauf, gleichviel welches Blut in uns rollt, Nachkommen der Männer zu sein, die der Menschheit das Höchste gebracht haben; wir sind stolz darauf. Nachkommen der Propheten zu sein. Aher diese Zugehörigkeit zu einem Bekenntnis und zu einem Stamme — was hat sie mit der vollen Zugehörigkeit zum deutschen Baterlande zu tun? Hat nicht das deutsche Land viele Stämme in sich aufgenommen, bevor es ein einheitliches Gefüge wurde? Sind nicht die Slawen, die Kelten und viele andere Stämme in Deutschland eingedrungen, und sind deren Nachkommen nicht jetzt die besten und treuesten Deutschen? Ist denn Deutschtum und Christentum identisch, gehen denn Deutschtum und evangelische oder katholische Religion vollständig ineinander auf? Was hat das eine mit dem andern zu tun? Meine geehrten Herren! Ist nicht der Engländer ganz Engländer und der Deutsche ganz Deutscher, und beide sind zum großen Teil Germanen der Abstammung nach und Christen der Religion nach? Die Nachkommen der Slawen könnten Deutsche werden und wir nicht? Die Nachkommen der Heiden konnten Deutsche werden, und wir sollten es nicht können? Meine sehr geehrten Herren! Lazarus hat die Frage über die Zugehörigkeit zur Nationalität klar und gründlich behandelt und mit Recht gesagt: die Sprache ist das objektive Moment der Zugehörigkeit zum Volke und der Wille das subjektive Moment. Wir sprechen deutsch, und es waren auch Juden, die der deutschen Sprache ihre leisesten Geheimniffe abgelauscht haben und mit Recht klassische Schriftsteller genannt werden können. Ich erinnere Sie nur an Berthold Auerbach, der dem deutschen Volksgemüte so nachempfunden hat, wie kaum ein Zweiter; ich erinnere an Moses Mendelssohn, dessen formvollendeter Stil von den Besten seiner Zeit bewundert worden ist; jede deutsche Literaturgeschichte kann Ihnen noch eine ganze Fülle von Beweismaterial hierfür geben. Und was wir im Innersten sind, das wissen wir doch am besten; unser Herz kennen wir doch am besten. Wir wollen Deutsche fein! Wir wollen dem deutschen Vaterlande angehören. Wir wollen treue Staatsbürger sein — und der Wille führt zum Volke, das Herz ist die Brücke, die mit der Gesamtheit verbindet. Aber nicht bloß die Sprache und der Wille sind die Merkmale, durch welche die Volksgemeinsamkeit erkannt wird, auch Pflichterfüllung gewährt das Heimatsrecht. Seit Jahrhunderten wohnen unsere Väter in Deutschland, seit Jahrhunderten haben sie an deutscher Kultur mitgearbeitet. Als ihnen die Rechte gegeben wurden, haben sie mit Freudigkeit dieselben zum Segen der Gesamtheit nutzbar gemacht; sie haben ihr Leben dem Vaterlande geweiht, mit dem Tode auf den Schlachtfeldern ihre Treue bewiesen. Da hat man auch nicht gefragt, ob das Blut semitisch oder arisch ist; da hat der Jude gezeigt, daß Pflichterfüllung ihm sein Recht gegeben hat, ganz Deutscher zu sein, wie die Staatsbürger der anderen Konfessionen. Unsere Sprache, unser Wille, unser Gefühl, unsere Taten — alles legt Zeugnis davon ab,, daß wir ganz Deutsche sind. Meine hochgeehrten Herren! Es gibt zwei ergreifende, lebendige Beispiele, welche von der Treue künden, mit der die Juden ihrem Vaterlande ergeben sind, die russischen und spanischen Juden. Noch heute sprechen die ersteren, deren die Ahnen aus ihrem deutschen Vaterlande vertrieben wurden, die deutsche Sprache, noch heute sprechen die letzteren, deren Ahnen aus ihrer Heimat verbannt wurden, die spanische Sprache. Die Nachkommen der Flüchtlinge haben das bittere Unrecht vergessen, das ihre Väter erduldet, und nur die Liebe für die frühere Heimat im Herzen bewahrt. Unlängst haben wir erlebt, daß spanische Staatsmänner die spanischen Juden zurüüberufen wollten; sie haben eingesehen, welche treue Bürger einst haben flüchten müssen, und an den Nachkommen der Flüchtlinge, die heute noch das Land der Ahnen nicht

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