Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1906)
- Date
- 1906-02-16
- Page
- Seite 81 (sequence 9)
- Language
- German
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— 81 und daß die Vorlesungen zu häufig hintereinander in einer Woche stattfinden. Würden aber statt besten alle diese zerstreuten literarischen Vereine ein einziges geräumiges Lokal haben, wo Vorlesungen von kompetenten Rednern gehalten werden, wie dies in fast allen größeren Städten der Fall ist, so würde sich sicherlich ein zahlreicheres Auditorium einstellen, als jetzt zum Vorschein tritt. Eine ansehnliche Zuhörerschaft pflegte vor etwa zwanzig Jahren im Jews College zu erscheinen, als letzteres noch der einzige Mittelpunkt war, wo hochinteressante Vorlesungen über jüdische Themata von jüdischen und nichtjüdischen Rednern gehalten wurden, deren Namen in der Gelehrtenwelt einen guten Klang hatten. Aber tempora mutantur et nos mutamur in illis. Das Judentum im Lichte moderner Kritik. Ein Vortrag von Rabbiner Dr. K. Werner-München. II. eine sehr geehrten Herren! Lassen Sie mich den zweiten Teil meines Vortrags mit einer bekannten Erzählung beginnen, die von einem meiner Freunde bereits mit unserer bisher erörterten Frage in Beziehung gebrach; worden ist. Im alten Talmud wird erzählt, daß einst ein Mann zwei Frauen hatte — es war ein Mann aus alten Zeiten, kein moderner — und zwar war die eine Frau eine ältere, die andere Frau eine jüngere Dame. Die ältere riß dem Mann, besten Schädel mit grauen und schwarzen Haaren bedeckt war, die Haare aus, die ihr nicht paßten, sie wollte nicht die schwarzen Haare bei ihrem lieben Gatten dulden, damit nicht der Altersunterschied zu sehr auffalle. Die andere, jüngere Dame riß dem armen Gatten wiederum die grauen Haare aus, sie wollte nur die schwarzer; Haare dulden, und auch aus demselben Grunde, damit die Welt nicht über den Altersunterschied spotte. Und der arme Mann ward ganz kahl. So geschieht es auch den Inden in unserer Zeit. Die Affyriologie hat uns die grauen Haare ausgeriffen, sie sagt, wir sind nicht so alt, wie bisher geglaubt worden, die moderne christliche Theologie hat uns die schwarzen Haare ausgerissen, sie sagt, wir sind zu alt und nicht mehr so jung, wir haben keine innere Kraft mehr, und so ist ein kahler Schädel zurückgeblieben, — und da kam nun die Rassentheorie und sagte : der Schädel taugt auch nichts (stürmische Heiterkeit und Beifall), ja, da kam jetzt einer der heftigsten Raffenfanatiker und wollte unfern ganzen Schädel zertrümmern, den armen Schädel, der bereits ganz kahl war. Lasten Sie mich aus dem Scherz zu dem bitteren Ernst zurückkehren. Als am Ende der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts das deutsche Nationalbewußtsein sichtlich erstarkt war und zu gleicher Zeit ein wirtschaftlicher Niedergang das deutsche Volk heimsuchte, waren es natürlich wiederum die Juden, die Schuld an diesem Niedergang haben sollten. Von gehässiger Seite wurde die national erregte und zugleich unzufriedene Stimmung der Volksseele dazu benutzt, eine alte Frage wiederum im neuen Lichte zu beleuchten und zwar in einem Lichte, das nicht der Sonne der Wahrheit entstammte. Man erniedrigte das Judentum zu einer minderwertigen und gefährlichen Rasse. Schon in den Worten: „das Judentum ist eine Rassenfrage" liegt eine grammatikalische Verirrung, eine grundlose Gehässigkeit. Man kann höchstens von der Judenheit, aber nicht vom Judentum als Raffe sprechen; man will aber dem Judentum seine ideale Mission streitig machen, man will unsere ideale Zusammengehörigkeit ableugnen, man will die Bedeutung des Judentums schon durch einen falschen Gebrauch von Worten einschränken und dadurch die Anschauung des Volkes trüben. Wo es gilt, uns zu schaden, da ist kein Mittel schlecht genug. Die Raffenfrage ist in gewissem Sinne so alt wie der Kampf gegen die Juden, und daher ist sie uralt. Aber sie ist selten in so gefährlicher Gestalt und mit solch stürmischer Gewalt aufgetreten, wie in der letzten Zeit. Die Bildung unserer Schädel, der Glanz unserer Augen, die Farbe unserer Haare, die Geschichte unserer Abstammung, die Empfindungen unserer Seele, die Leistungen unseres Geistes — all das soll beweisen, daß wir eine minderwertige, ja eine gefährliche Rasse seien. Die Juden sind Semiten, und diese sind eine elende Rasse; die Deutschen sind Arier und diese sind eine edle Rasse; — das ist die uns demütigende Lehre. Semiten und Arier sind ihrem innersten Wesen nach feindliche Gegensätze; — das ist die für uns gefährliche Lehre. Mit solchen Irrlehren will man eine Scheidewand zwischen uns und unseren christlichen Mitbürgern aufrichten. Der Schlachtruf des Raffenkampfes, den die Wildheit stets gegen die Kultur erhob, fand in Chamberlain den gefährlichsten Vertreter. Sein bekanntes Buch, die Grundlagen des XIX. Jahrhunderts, hat eine solch unheimliche Verbreitung gefunden, daß man sich der Besorgnis vor den Folgen nicht verschließen konnte, und wir haben wahrgenommen, daß es in der Tat eine verheerende Wirkung ausgeübt hat. Der edle Mann, der heute die Augen für alle Zeiten geschlossen hat, Heinrich Meyer Cohn, hat in seiner Kritik des Chamberlainschen Buches das richtige Wort gesagt: das Volk liest das gern, was es gern hört. Wenn der Germane als der Edelgeborene gepriesen, der Jude als der Unedelgeborene beschimpft wird, so wird eine solche Behauptung von denen gern und leicht geglaubt, die durch solche Ideen sich gehoben fühlen. Zur Zeit der Sklavenkämpfe in Amerika haben die südamerikanischen Sklavenverkäufer Anthropologen angestellt, die vom Rassenstandpunkte aus Nachweisen sollten, daß die Sklaven keine Menschen seien; was man wünscht, das glaubt man, und was man wünscht, das liest man auch gern. Meine Verehrten! Lassen Sie mich nur in wenigen Worten Ihnen sagen, was der genannte Rassenfanatiker behauptet; seine Ansichten bedürfen keiner ernsten Widerlegung, denn sie sind Phantasien, ohne jede wissenschaftliche Grundlage. Er sagt: Rassensragen können nur von dein Gefühl, vom Instinkt, und nicht von der Wissenschaft, von der Vernunft beantwortet werden. Die Wissenschaft ist für ihn nur ein edles Spielzeug. Alles Große entsteht nur aus reiner Rasse. Wir Juden — so sagt sein Instinkt, und daher muß es wahr fein, so will.er es und daher ist es so — sind ein ganz verderbter Stamm; er kennt genau die einzelnen Prozentsätze der verschiedenen Stoffe, aus denen unser Blut besteht; wir waren eine Mischrasse, eine Bastardraffe; erst zur Zeit des Esra sind wir eine reine Rasse geworden. Er sagt: das Judentum als semitische Rasse strebt nur nach Macht, nur im Willen liegt seine Kraft; das Germanentum als arische Rasse kennt nur Treue; im Gemüte liegt seine Bedeutung. 8io volo, sie .jubeo: weil er es so will, muß es auch so sein. Das Judentum ist nach seiner Ansicht die Lehre von der Macht, und nur nach äußerer Macht, nach Vorteil ist sein Streben gerichtet; seine Religion ist nur ein Minimum von Religion, nur Arithmetik, nur ein abstrakter Materialismus, Monolatrie und nicht reiner Monotheismus. Die messianische Zeit, auf die wir hoffen, ist nicht die Zeit des ewigen Friedens, sondern die Zeit, mit der ^das^Judentum seine Weltherrschaft verbindet; das Paradies, an das wir Juden glauben, ist nur für Juden bestimmt. Unser Gesetz ist nur gegeben, um unsere Macht zu vermehren und alles zu beherrschen. Alles Böse stammt aus dem Judentum. Wenn die