Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1906)
- Date
- 1906-02-16
- Page
- Seite 80 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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der staatlichen Aufsichtspersonen die Rücksicht auf Fachbildung gegen politische und konfessionelle Rücksichten zuweilen zurücktrete, ist in der Oeffentlichkeit mit oder ohne Grund gelegentlich auch schon behauptet worden. Wäre es da nicht dasZeichen einsichtsvoller Politik, die Angriffsflächen staatlicherEinrichtungen nachMöglichkeitzu verkleinern? Zu einer Verantwortung, die sie kaum tragen kann, sollte die Staatsregierung sich in den Fragen der Rektoren- und Lehrerwahl doch nicht drängen. Hundert Jahre nahezu liegen nunmehr die Anfänge der preußischen Selbstverwaltung zurück. Endlich sollte man die Organe der politischen Gemeinden auf diesem ihren eigensten Gebiete doch für großjährig erklären. Unvergessen soll es. den preußischen Königen der absoluten Zeit bleiben, daß sie die Schöpfer des Gedankens der Staatsschule und des Schulzwanges gewesen sind. Ohne eine genügende Schulbildung ist ein Volk zur Selbstverwaltung nicht reif. Sehen Sie nach Rußland, wenn Sie zweifeln sollten. Wir haben aber die Ueberzeugung, daß erst die städtische Selbstverwaltung zur Bürgertugend und Bürgertreue erzieht, wie keine andere Einrichtung des Staates. Die besten Mitarbeiter, auch die der Regierung, in den Parlamenten, sind durch die Schule der Selbstverwaltung gegangen. Hier, hoffen wir, liegen auch die Heilmittel gegen die Seuche antisemitischer Volksvergiftung. Eine große und blühende Volksschule haben ohne wesentliche staatliche Hilfe nur die großen städtischen Gemeinden in Preußen geschaffen. Nicht zum wenigsten auf ihr ruht die beispiellose materielle und kulturelle Entwicklung unserer Zeit. Und wie sich auf der Schule die Selbstverwaltung, so baut sich auf dieser die Gemeinfreiheit, die Gleichheit vor dem Gesetze auf. Wer im Mitschüler ohne Ansehen des Standes und der Religion den M it strebenden zu lieben und zu achten gelernt hat, wer im Mitbürger nicht den lästigen Konkurrenten, sondern den willkommenen Mitarbeiter am Werke des Gemeinwohls täglich vor Augen sieht, der wächst von selbst in den Gedanken hinein, daß Religion und Abstammung über den Wert des einzelnen im Staat nicht bestimmen. Auf diesen drei Pfeilern, der Schule, der Selbstverwaltung, der Gleichheit vor dem Gesetz, ruht das unerschütterliche Gebäude unseres preußischen und damit unseres deutschen Staatsgebildes. Die Schule ohne gewaltsame Trennung der Lernenden und Lehrenden, die Gemeinde ohne überflüssige Eingriffe in ihre innere Selbstverwaltung auch auf dem Schulgebiet; der Staat ohne künstliche Auseinanderreißung seiner Bürger nach Religion und Abstammung: das find die Ideale einer das historisch Gewordene und die notwendige Entwicklung gleich berücksichtigenden Staatsanschauung. Unser Glück, wir preußischen Juden, ist auf denselben Pfeilern erbaut. Nichts anderes erstreben wir als ihre Erhaltung und Sicherung. Diesem Ziele allein gelten unsere Wünsche auch zum neuen Schulgesetz. Es blüht der Staat und das Judentum, wenn wir beiden die drei köstlichsten Errungenschaften des letzten Jahrhunderts erhalten: Wahre Volksschule, wahre Selbstverwaltung und wahre Gleichberechtigung aller Bürger. £0^ aus London. Von Reverend Dr. Chotzner. s ist die reine Ironie des Schicksals, daß das neue liberale Ministerium, das jetzt in England ans Ruder gekommen ist, gesetzlich verpflichtet ist, die Fremdenbill in Tätigkeit zu setzen, deren Mitglieder recht eifrig dagegen gesprochen haben, als das frühere konservative Ministerium dieselbe im englischen Parlament durchzuführen strebte. Ja noch mehr. Das neue Ministerium hat einen Juden, Mr. Herbert Samuel, in seiner Mitte, dessen Pflicht es sein wird, die Fremdenbill in Anwendung bringen zu lassen, obschon er selber bei verschiedenen Gelegenheiten ihre ungerechte und zwecklose Tendenz öffentlich tadelte. Die besagten Umstände werden daher sicherlich viel dazu beitragen, daß die Aus- 80 - führung des Gesetzes mit einiger Milde und Nachsicht unternommen werden wird. Vor kurzem wurde hier in der Eastend ein jüdisches Institut von Lord Rothschild eröffnet und vom Chief Rabbi Dr. Adler eingeweiht, das für die zahlreichen Glaubensgenoffen, die daselbst wohnen, von großem und bleibenden Nutzen sein dürste. Dies ist das neue „Beth Hamidrasch", worin in erster Reihe Rechtsfälle, die von Zeit zu Zeit unter den armen Juden austauchen, vom Chief Rabbi und seinen Gehilfen in freundlicher Weise geschlichtet werden sollen. Im selben Gebäude befindet sich auch eine reichhaltige Bibliothek von ausschließlich jüdischen Werken, wo auch eine Anzahl von jüdischen Zeitschriften aufliegen, die jüdischen Lesern beiderlei Geschlechts zu Gebote stehen. Ebenso sind daselbst verschiedene Lern- und Vortragszimmer, worin das sie besuchende Publikum geistige Unterhaltungen in abwechselnder Fülle finden wird. Es steht zu hoffen, daß das Institut seinen edlen Zweck erreichen und viele günstige Resultate zum Vorschein bringen werde. — Bekanntlich sind Schiller, Goethe, Dante, Racine und noch verschiedene andere Dichter, die in älterer und neuerer Zeit gelebt, bei der Abfassung ihrer poetischen Stücke von dem Inhalt und der Formschönheit der hebräischen Bibel mehr oder weniger beeinflußt worden, welche letztere sie wohl aus Uebersetzungen gekannt haben. Weit mehr muß dies bei englischen Dichtern der Fall gewesen sein, da England das Land ist, wo die Bibel recht eifrig von jung und alt gelesen wird. Demnach wird man sich nicht wundern, aus einem soeben erschienenen Werke von Dr. Carter, einem englischen Gelehrten, zu ersehen, daß Shakespeare in manchen seiner gediegensten dramatischen Stücke gewisse Situationen und Phrasen verwertet haben soll, die er in der Bibel vorgefunden. Verschiedene andere Schriftsteller haben früher schon denselben Gegenstand behandelt, aber am ausführlichsten tut dies jetzt Dr. Carter, und höchst interessant ist eine in seinem Büche gemachte Bemerkung, daß nämlich der Geist Shakespeares vom Inhalt der Bibel in hohem Grade durchdrungen gewesen sei. Daraus folgt nun, daß, da Shakespeare seinerseits bekanntlich die gesamte Weltliteratur bedeutend beeinflußt hat, die Bibel direkte und indirekte Vorteile aus literarischem Gebiete zum Vorschein gebracht haben mußte. — Der hier unter dem Namen „The Maccabaeans“ bestehende jüdische Verein veranstaltete jüngst ein Bankett, das von verschiedenen nichtjüdischen Gelehrten, die auf dem Gebiete der allgemeinen Wisienschast sich ausgezeichnet haben, besucht wurde. Einige von ihnen, worunter sich auch der Herzog von Northumberland befand, hielten dabei kurze Reden, worin sie manche schmeichelhafte Bemerkungen über die Erfolge machten, die gewisse Mitglieder der jüdischen Rasse zu verschiedenen Zeiten in Wissenschaft und Kunst erzielt haben. Sir Henry Roscoe nannte die Namen von sechs lebenden jüdischen Gelehrten, die im Bereiche der Chemie und der Physik allgemein als große Autoritäten gelten. Solche öffentliche Anerkennung der Leistungen mancher unserer Glaubensgenossen auf ungewöhnlichen Gebieten des geistigen Wirkens und Schaffens tragen viel dazu bei, das alte und abgedroschene Märchen aus der Welt zu schaffen, demzufolge die Juden nur dem Mammon huldigen und für höhere Ideale weder.Sinn noch Neigung haben. — Die lokalen jüdischen Literaturvereine haben bereits ihre Tätigkeit begonnen, aber, wie im vorigen Jahre, so hört man auch jetzt allgemeine Klagen über die stets zunehmende Apathie der Mitglieder. Der Grund davon ist vielleicht der, daß nämlich zu viele solcher Vereine uder Vereinchen hier existieren