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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-02-16 · Heft 7 (16.2.1906) · p. Seite 75

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 7 (16.2.1906)
Date
1906-02-16
Page
Seite 75 (sequence 3)
Language
German
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75 Grand Rabbin Wieder hergestellt werden wird, ist allerdings sehr fraglich. Abgesehen davon, daß Frankreich keinen Mann mehr besitzt, der einen Zädoe Kahn auch nur im entferntesten ersetzen könnte, hat das Grandrabbinat jetzt, da es nicht mehr oie offizielle Vertretung des Judentums gegenüber der Regierungbedeutet, einen großen Teil seines früheren Prestige verloren. So denkt man sich die Reorganisation des Judentums in Frankreich im allgemeinen. Leider wird die Verwirklichung dieses Entwurfs auf große Schwierigkeiten stoßen. Zwar ist man überzeugt, daß keine Gemeinde sich weigern wird, in die geplante gemeinsame Organisation einzutreten. Schwieriger wird es schon mit der Bildung der einzelnen religiösen Genossenschaften und mit dem Eintritt aller Juden in dieselben werden. Nicht nur werden sich Hunderte von Juden finden, die froh die Gelegenheit ergreifen werden, die ihnen bis jetzt vom Staate auferlegte Kultussteuer abzuschütteln, man weiß zurzeit auch nicht einmal genau, wer in Frankreich Jude ist. In den größeren Städten bilden sich daher Komitees, die von Haus zu Haus gehen und die jüdische Bevölkerung feststellen wollen. Eine weitere Schwierigkeit besteht in der Armut der französischen Juden. Die jüdische Bevölkerung Frankreichs besteht längst nicht mehr aus alteingesessenen, seit Generationen im Lande wohnenden Juden, sondern zum größten Teil aus Einwanderern aus Rußland, Rumänien und Galizien, die erst seit kurzem im Lande wohnen und sich daselbst noch keine gesicherte Lebensstellung zu schaffen vermocht haben. So sollen in Paris nicht weniger als 25 Prozent der dortigen jüdischen Bevölkerung so arm sein,, daß sie nicht einen Pfennig für religiöse Zröecke ausgeben können. Gegenwärtig soll es sogar 25 000 Juden in Paris geben, die von den von der Familie Rothschild reichlich subventionierten jüdischen Wohltätigkeitsinstituten regelmäßig unterstützt werden müssen. Zu der Armut kommt noch die Gleichgültigkeit hinzu. So ist in den vier Gemeinde-Synagogen von Paris ein großer Teil der Sitze unvermietet. Alle diese Schwierigkeiten müssen aber und werden überwunden werden. Die wohlhabenden Juden in Frankreich werden in der ersten Zeit für religiöse Ausgaben weit erheblichere Summen als bisher leisten, die weniger Bemittelten zur Anspannung ihrer Kräfte angehalten, die Gleichgültigen und Lauen herangezogen werden müssen. Ueberhaupt muß das französische Judentum erst zur Selbsthilfe erzogen werden. Bisher ruhte die ganze ökonomische Macht und bas politische Ansehen des Judentums in Frankreich zum ganz erheblichen Teil auf den einzelnen Mitgliedern der ebenso großen wie großmütigen Familie Rothschild. Nun werden auch die kleinen Rothschilds herangezogen werden müffen. Das sind alles schwierige Aufgaben, die aber gelöst werden müssen und früher oder später auch gelöst werden. Ist dieses aber einmal geschehen, so wird das französische Judentum verjüngt, dastehen. Der neue englische Kolonialminister hat an den Präsidenten der Jto, Israel Zangwill, das folgende Schreiben gerichtet: Downingstreet, den 26. 1. 1906. Geehrter Herr! Lord Elgin^rsucht mich, aus Ihren Brief vom 23. d. M. folgende Antwort zu geben: Er empfindet tiefe Sympathie mit dem Volke Ihrer Rasse in seinem jüngsten Unglücke, und versteht vollständig seinen Wunsch, ein Land zu besiedeln, in dem es Sicherheit und Freiheit genießen könnte, und wäre glücklich, wenn es fich als möglich erweisen sollte, irgend einen unbesetzten oder unentwickelten Teil des britischen Reiches ausfindig zu machen, wo, wie Sie es wünschen, eine jüdische Ansiedelung mit guten Aussichten auf Erfolg geschaffen werden könnte. Lord Elgin unterschätzt nicht die Schwierigkeiten verschiedener Art. die der Realisierung dieser edlen Bestrebung im Wege stehen, er wird jedoch seine sorgfältigste und sympathischste Aufmerksamkeit jedem Plan schenken, der ihm vorgelegl werden wird. Ich verbleibe Ihr ergebener Bernard Holland. Der bekannte Beschützer der jüdischen Emigranten in London, Mr. Herman Landau, hat einen Vortrag über Kanada gehalten, dem wir nachstehendes entnehmen: Die jüdische Bevölkerung Kanadas gehört fast mit zu den ersten weißen Bewohnern des Landes. Schon der berühmte General Wolf, der Eroberer von Qnebeck, hatte einen Juden namens Aron Hardt zum Kommissär, und als während der nordamerikanischen Revolution ein Unterbefehlshaber Washingtons, General Montgomery, in Kanada eindringen wollte, befanden sich unter den englischen Soldaten, welche die Invasion zurückwiesen, auch einige Juden. Auch die Gleichberechtigung der Juden in Kanada ist bereits älteren Datums. Sie ist sogar älter als die in England, und 25 Jahre bevor der erste Jude in das englische Unterhaus hineivgewählt wurde, hat schon Quebeck einen Juden in die gesetzgebende Körperschaft geschickt. Auch im föderierten Parlament saß als erster Vertreter von British Columbia ein Jude. Trotzdem und obgleich Kanada um 150 000 englische Quadratmeilen gröber ist als die Vereinigten Staaten von Nordamerika, blieb die jüdische Bevölkerung dieses Landes längere Zeit hindurch sehr gering und betrug zur Zeit der Eröffnung der Pacificbahn kaum 12 000. Nebst dem rauhen kanadischen Winter war es der Mangel an Eisenbahnen, der die Immigranten davon abschreckte, ihren Weg statt nach den ferneren Vereinigten Staaten nach dem Europa weit näher gelegenen Kanada zu nehmen. Mit der Eröffnung der Canadian Pacific Railway nahm die Entwicklung des Landes einen großen Aufschwung, so daß allein längs dieser über Winnipeg zum Pacific ziehenden Linie 5 Millionen Acres Land in Anbau genommen worden sind. Dementsprechend ist auch die jüdische Bevölkerung gewachsen, erreichte int Jahre 1900 die Zahl 16 000 und dürfte gegenwärtig gegen 40 000 betragen. Die Hälfte davon lebt in der Hauptstadt Montreal, genau so wie die Hälfte aller Juden in den Vereinigten Staaten in Newyork wohnt. Es liegt eben etwas im Charakter wie in der ökonomischen Lage der jüdischen Immigranten, was sie zwingt, sich zunächst in einem einzigen Ort anzuhäufen, um sich von da aus langsam und allmählich über das ganze Land zu verstreuen. Außerdem liegt Montreal kaum 250 km vom großen Ghetto in Newyork entfernt, mit dem es durch eine gute Eisenbahn direkt verbunden ist. In wenigen Jahren wird die Grand Trunk Pacific Bahn hergestellt sein und wird etwa 300 Millionen Acres fruchtbaren Landes der Kultttr erschließen. Das von der neuen Bahn durchzogene Gebiet ist so fruchtbar, daß der Boden ohne allen Dünger 20 — 30 Jahre lang reichlich Weizen produzieren dürfte. Nebst den auf der Oberfläche der Erde gedeihenden Naturschätzen gibt es da auch unter der Erde unermeßliche Reichtümer an Eisen, Kohle und sonstigen Mineralien, die, wenn sie erst zutage gefördert werden können, Kanada zu einem an Wohlfahrt mit den Vereinigten Staaten rivalisierenden Lande machen werden. Es wäre daher sehr klug, wenn die Juden beizeiten an eine Besiedlung Kanadas dächten, um so rechtzeitig am Platze zu sein, wenn der große Aufschwung Kanadas beginnen wird. Daß Kanada, dessen Klima gleich dem in Rußland ist, für jüdische Kolonisationszwecke sich ganz besonders eignet, ist schon aus den billigen Lebensmittelpreisen zu ersehen. So kostet beispielsweise überall in Kanada das Pfund Fleisch 5 Pf.,"Weizenmehl pro Büschel etwas mehr als 1 Mark. Dabei sind die Löhne sehr hoch und die jüdischen Einwanderer können schon als Eisenbahnarbeiter 2—2^ Dollars pro Tag verdienen, und so bei ihrer bekannten Sparsamkeit, Nüchternheit und Bescheidenheit sich binnen weniger Monate einen für ihre Verhältnisse sehr ansehnlichen Spargroschen zurücklegen. Auch vom

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