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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-02-09 · Heft 6 (9.2.1906) · p. Seite 71

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 6 (9.2.1906)
Date
1906-02-09
Page
Seite 71 (sequence 11)
Language
German
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71 „Nein; meiste Gmädige," antwortete er dann mit der Einfachheit und Treuherzigkeit, die alle" sofort für ihn einnahm, „ich bin ein ganz reiner Jude, der Großvater war ein Jude, der Vater war ein Jud' und ich bin's auch . . ." „Aber was haben Sie denn Jüdisches?" antwortete man verlegen, „Sie tragen weder Peies noch Bekesche . . „Meine Sympathien sind jüdisch, darin steckt's. Ich liebe die Juden und ich verstehe sie -- ich fühle in vielem mit ihnen als Jude — nicht nur als Mensch, für den alle Menschen Menschen sind. . . . , Sie fühlen nicht so für sie wie ich, und Sie können es auch gar nicht. . ." Ach, unsere Konfinen und Tanten! David Gurweiß gefiel ihnen, sie hatten ihn sogar gern; er war Student und unser Kollege, aber mit feinem Judentum konnten sie sich nicht befreunden. Es erniedrigte ihn förmlich in ihren Augen, warf ihn gewissermaßen hinter uns zurück, und das Wort „Jud" in seinem Munde verletzte. Natürlich, wenn er in seinem Herzen Jude geblieben wäre, sogar ein großer Jude, und dabei doch wenigstens zum Protestantismus übergetreten wäre, unsere Schwestern und Tanten hätten sich sofort zufrieden gegeben. Er wäre dann eigentlich kein Russe und eigentlich kein Deutscher, aber doch etwas, wessen sich unsere Tanten und Schwestern nicht geschämt hätten^ Und dabei waren unsere Kousinen und Tanten durchaus keine Scheinheiligen, sie gestatteten sogar eine gewisse Frivolität in der Religion, oft sogar noch mehr. Aber die bloße Form, die Tradition waren stärker; vielleicht kam auch noch etwas anderes dazu. Eine große Rolle spielte vielleicht auch der Umstand, daß „wir" Juden nicht heiraten dürfen, daß David Gurweiß als Jude Student sein konnte, dh. der Kollege ihrer Brüder und Vettern, ja er konnte sogar ihr Freund und ein bewunderter Gelehrter werden, eine Berühmtheit, nur eines konnte er nie für sie werden „der Bräutigam". In ihren hübschen Aeuglein verlor er damit alle Eigenschaften des Mannes überhaupt. Ich hatte eine Tante, namens Zisi, ein durchaus nicht mehr junges Mädchen, in dessen Herzen aber die Zahl der Jahre den flammenden Vulkan nicht hatten auslöschen können. Tante Zisi liebte am meisten ihre Katze, wünschte sich um meisten einen Bräutigam und fürchtete sich am meisten vor dem Tode und Krankheiten, In sehr jungen Jahren hatte sie von einem Artilleristen geträumt; als der grausame Artillerist nicht kam, hätte sie auch einen Offizier von der Infanterie willkommen geheißen . . . noch später wäre sie mit einem Intendanten zufrieden gewesen, dann wurde sogar ein Beamter im Gouvernement etwas Begehrenswertes, und jetzt, wo Offiziers- und Beamtenkreise jeden Reiz fürste verloren hatten, jetzt hätte sie sogar einen getauften Juden nicht verachtet, namentlich wenn er ein tüchtiger Arzt war. Vielleicht irre ich mich auch, aber ich mißtraute ihrer Freundschaft für meinen Kollegen Gurweiß etwas, und ihre „rein mütterliche Fürsorge" für ihn, mit der sie sich errötend und verlegen gegen unsere Neckereien wehrte, hatte entschieden etwas Verdächtiges. „Wie eine Mutter," sprach unsere Tante, und dabei fing ich Blicke auf, die sie ans „den lieben Juden" warf, ach, Blicke, wie sie sie gewiß für den nie erschienenen Artilleristen einst in Bereitschaft gehabt hatte und die jetzt nur Gurweiß nicht merkte. Einmal kam ich zu einer possierlichen Szene, wie meine Tante, „uneigennützig wie eine Mutter", Gurweiß zart andeutete, doch wenigstens zum Protestantismus überzutreten. „Warum?" wunderte sich Gurweiß aufrichtig. „Ach, begreifen Sie denn nicht . , . es kann doch alles Mögliche Vorkommen . . . Gesetzt den Fall, ein Mädchen liebt Sie . : ." ' „Ja, das wäre, eine komplizierte Säche," antworteie Gurweiß nachdenklich, „für den Fäll nämlich, daß das Mädchen Protestäntin wäre. Aber sie würde mich doch lieb gewinnen, sowie ich bin, als „Jude". „Ach! Sie sind unausstehlich," sagte die Tante mit süßein Lächeln. „Was Sie nur immer mit Ihren Juden wollen, warum sollten Sie's denn nicht tun?" „Weil mich das von den Meinen entfernen würde, weil niemand an meine Uneigennützigkeit in diesem Falle glauben würde, weil . . ." „Ach weil, weil... Laffen Sie doch diese vielen Gründe ... Verstehen Sie denn nicht, daß Ihnen das Rechte geben würde, die Sie jetzt nicht haben? . . .". „Rechte?" wunderte sich der ehrliche Gurweiß, „Sie reden von Rechten. Wegen der Rechte, aber dann sind Sie ja eine schlechte Christin, Gnädige. Meiner Ansicht nach, wenn ich damit sogar jemand, sagen wir heilen könnte, selbst Sie, Gnädige, von Schwindsucht oder Krebs." , „Ach," rief die Tante und bedeckte das Gesicht mit beiden Händen. „Von Cholera, Pest, Diphteritis ..." „Ach! ach! ach!" Meine Tante wurde sehr hübsch ohnmächtig, es. war ein bißchen Affektion dabei; aber sie machte es wirklich geschickt. Sie war auch wirklich erschrocken, und der arme Gurweiß rang verdutzt seine Hände, bis ich ihm mit einem lauten/ frischen Gelächter zu Hilfe kam. — - , Es war schon gegen Schluß unserer Universitätszeit, als das kleine Serbien auf seine Fahnen die Worte „Freiheit und Unabhängigkeit" schrieb und tapfer den Krieg gegen das große Türkenreich aufnahm. Man weiß, welch' fieberhafte Erregung damals unsere russische Intelligenz ergriff, man erinnert sich des leidenschaftlichen Enthusiasmus, mit dem damals Publikum und Presse alle Nachrichten vom Kriegsschauplatz aufnahm. Das Mitgefühl und das Interesse für die kämpfenden „Brüder" dräng damals bis in die niedrigeren Schichten des Volkes, das seine schwer erarbeiteten Groschen brachte. Für die Damen der Gesellschaft aber wurden „ces charmants slaves“ ein richtiger Kultus, eine Modesache, die sie alle unwiderruflich mitmachen mußten, wie neue Falten oder Spitzen an ihren Unterröcken. Die Frau Sekretärin und die Frau Oberintendantin, die Fran Kassiererin und die Frau Oberkassiererin, sie alle begannen plötzlich mit ihren rosigen Fingern Charpie zu zupfen und trugen sehr graziös vorn auf der Brust die ungraziösen runden Abzeichen der „Spendenentgegennahme". Allerdings, es dauerte nicht lange und die meisten von ihnen brachten den gleichen Enthusiasmus und die gleiche Herzlichkeit den türkischen gefangenen Offizieren entgegen, ees ebarmants turcs waren an der Tagesordnung, aber was soll ein leidenschaftlich liebevolles Herz tun,, wenn es stets -in Flammen steht und das grausame Leben ihm mitunter nichts anderes zu bieten hat als einen schwarzäugigen Türken? Bei uns Studenten war die ganze Bewegung nicht nur aufrichtiger, sie war auch ehrlicher. Für viele, die sich quälten mit Zweifeln und Skrupeln oder keinen Ausweg für ihre Kräfte fanden, war dieser serbische Aufstand gleich einer Antwort, die ihnen das Leben selber darbot. Die türkische Kugel schreckte weniger als die Wirrnis und Qual in der eigenen Seele, wenn das klare Ziel und der Glaube an das Leben fehlten. Und unsere Begeisterung äußerte sich natürlich auch in anderen Formen als Eharpiezupfen und Spendensammeln. Bei uns meldeten sich die Kameraden als Freiwillige. Die Blüte unseres Volkes ging damals mit einein glücklichen Lächeln zu dem „fremden geladenen Fest" und sie ging eben

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