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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-02-09 · Heft 6 (9.2.1906) · p. Seite 70

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 6 (9.2.1906)
Date
1906-02-09
Page
Seite 70 (sequence 10)
Language
German
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'Talmüdlehrer, die die kleinste Satzung rnit heiliger Scheu erforscht und betätigt haben, die Tag' und Nacht Über jedes Wort, jede Silbe der Schrift nachgedacht Haben, wußten, was das Wesen des Judentums ist, wo die Quellen des Judentums rauschen. Gestalten wie Hillel, wie Akiba, wie Ben Asai, wie Simlai, die Vertreter des talmudischen Geistes, sie wußten: das Judentum ist seinem Wesen nach Gotteserkenntnis, Nächstenliebe; sie wußten, daß alle Gesetze nur Wege sind, die zu diesen Hochzielen führen wollen. Das Judentum brauchte nicht von seiner Tochter zu lernen, was Wahrheit und Ethik ist; die Mutter ist die Lehrerin, nicht die Schülerin ihrer Kinder. Man kennt Israels Lehren nicht, man will sie nicht kennen, und man verherrlicht eine andere Religion, um die unsere zu entwerten. „Es wird noch vieles andere, vieles Kleinliche im Judentum gelehrt, nicht nur Gottes- und Menschenliebe; da mußte die neue Religion das Unkraut ausrotten, um die gesunden Pflanzen zu schützen", so ertönt es im anderen Lager. Man stellt die Sittenlehre des Christentums neben den ganzen Talmud und zieht Vergleiche. Will denn aber der Talmud nur ein Sittenbuch sein? Im Talmud ist alles enthalten, was während vieler Jahrhunderte Tausende Wm Lehrern gedacht, erforscht und empfunden haben. Niemals wollte und sollte jedes einzelne Wort im Talmud ein Gesetz oder eine Lehre sein; im Talmud ist Diskussion die Form, in der gelehrt wird; der Inhalt umfaßt Ritualgesetz, Zivilrecht, Strafrecht, Ehegesetz, Dichtung und Wahrheit, Parabel und Legende; auch ein herrliches Sittengesetz ist im Talmud enthalten, und zwar jenes alte Sittengesetz, ans dem auch der Stifter des Christentums seine Lehren entlehnt hat, um sie dann der Menschheit zu verkünden. Es ist ebenso falsch, meine Herren, den Talmud, der für uns nur eine Quelle des Religionsgesetzes, aber nicht das Religionsgesetz an sich ist, nur als Sittenbuch hinzustellen, als wenn Sie ein Konversationslexikon, in dem auch über Ethik geschrieben ist, ein Sittenbuch nennen wollten. Wird denn das Christentum alles, was in der kirchlichen Literatur enthalten ist, als reine Ethik betrachten wollen? Dieser Vergleich würde sehr zugunsten des Talmud ausfallen. Meine geehrten Herren! Hervorragende Theologen der Neuzeit werfen uns vor, daß wir nicht nur zu viel des Schädlichen, sondern auch zu wenig des Edlen lehren. Wir lehren nicht die Feindesliebe, und daher seien wir minderwertig. Den Vorwurf kann jeder Kundige mit Leichtigkeit widerlegen. Wir lehren ein Recht, das auch dem Feinde nicht verkümmert werden darf. Das Judentum gebietet, selbst dem Lasttiere des Feindes zu helfen, keine Vergeltung an dem Feinde zu üben, ihm zu vergeben und feine Schuld zu vergeffen; es gebietet aber nichts Unmögliches, und daher auch nicht die Feindesliebe; der Kampf ist oft eine sittliche Notwendigkeit- Wir lehren der Wahrheit gemäß nur das, was erfüllbar ist. Und was die Lehre von der Feindesliebe hervorgebracht hat, dafür sind wir Juden lebendiges Zeugnis. Meine hochverehrten Herren! Man liest in den modernen Schriften — worauf schon mein hochverehrter Herr Vorredner hingewiesen hat — wir wären überwunden, weil wir in der äußerlichen Gesetzesreligion verharren, während die Tochterreligion das wahre Wesen aller Religion, den inneren Glauben, verlangt. Wir wollen und sollen weiter dieser Gesetzesreligion in Wahrheit Treue halten. Thorah heißt Lehre und nicht Gesetz. Unsere Lehre weiß aber, daß für den Menschen das Wahre und Gute nicht bloß gedacht, sondern auch betätigt werden muß; die Thorah kennt die Menschennatur und weiß: andächtig schwärmen ist leichtem: als Wlich handln. Ideen, Pie nicht eine bestimmte praUffche Äusgestaftung erhalterp verflüchtigen und verändern - sich Leicht; mancheDogmenatiderer Konfessionen beweisen es. Der Gottesglaube und die Nächstenliebe sollen nicht nur als Hochgedanken in der Seele leben, sondern auch in lebendiger Wirklichkeit sich bewähren; daher haben wir auch religiöse Gesetze, die uns heilig find, und wir brauchten erst nicht von unseren Gegnern uns sagen zu lassen, daß Gesetzesübungen auch entarten können, daß die Gesetzesreligion auch zu einer technischen Religion herabsinken kann. Dagegen haben unsere Propheten bereits geeifert, unsere Talmudlehrer ihre warnende Stimme erhoben; dagegen protestiert jeder wahrhaft fromme Jude, der sein Religionsgesetz mit hingebender Gewissenhaftigkeit ausübt; er weiß, daß die Ausübung der religiösen Vorschrift nur dann religiös ist, wenn sie, von edlem Geiste getragen, den Menschen edler und weiser macht. Keine Theorie ohne edle Praxis, keine Praxis ohne edle Theorie; hören wir ja jetzt auch immer vom praktischen Christentum, daß nicht nur mit überlieferten Glaubenssätzen und frommer Gesinnung sich begnügt, sondern auch an die Tat seine Forderungen stellt. Ein praktisches Judentum hat es stets gegeben, dieses hat stets die Wahrheit vor Entstellung geschützt und den Willen gestählt und gestärkt; dieses brauchte erst nicht erfunden zu werden; wir haben es von unfern Ahnen ererbt. Niemals hat das Judentunr gelehrt, öäß es die allein" seligmachende Religion sei. Uns gehört der Satz an: die Edlen aller Religionsgemeinschaften sind Bürger einer anderen, höheren, unsterblichen Welt; es liegt uns fern, irgend ein Bekenntnis antasten zu wollen, denn wir wißen, daß Toleranz das Weihemal jeder edlen Religion sein soll. Nicht um andere Religionen anzugreifen, nein, um ungerechte Angriffe abzuwehren, haben wir hier in dieser ansehnlichen Versammlung uns mit einzelnen Grundlehren, die das Judentum vom Christentum trennen, befaßt. Wir wollen nicht Juden sein, die nur die Konsequenz der Geburt aus sich nehmen, wir wollen nicht Juden sein, meine Herren, die nur aus edler Pietät der alten Fahne treu bleiben, wir wollen nicht Juden sein, die nur aus sittlichem Trotz vor dem uns bedrohenden Gegner Stand halten: wir wollen vielmehr aus Ueberzeugung Juden sein; die wirklich moderne Kultur hindert keinen denkenden Menschen, Jude, ganz Jude zu sein. Wir haben eine Ethik, die in ihrer Reinheit von keiner anderen übertroffen werden kann, wir haben ein Bekenntnis, das dem modernen Bewußtsein voll und ganz entspricht; wir glauben an den einzigeinigen, rein geistigen Gott; der modernste Mensch kann der treueste Jude sein. Der Jude. Aus dem Russischen von Grigorij Matschtet. VI. ielleicht war es gerade dieses Bewußtsein seiner.Nützlichkeit und seiner Unentbehrlichkeit für andere, was Gurweiß' Sympathien für die Juden kräftigte. Denn er kannte sie von kleinauf, er begriff ihre Schmerzen, ihre Wünsche und Hoffnungen, und sie waren ihm näher und verständlicher als anderen. Und grade deswegen protestierte er wohl so eigensinnig und leidenschaftlich, wenn unsere Schwestern und Tanten und Mütter ihm ewig voxhielten, daß er gar nichts, aber auch rein gar nichts Jüdisches an sich habe.;..ü~a^äiaiaaaia^afe

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