Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1906)
- Date
- 1906-02-09
- Page
- Seite 69 (sequence 9)
- Language
- German
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biblische GotteSbegriff erhebt sich zür Universalität und schließt insich den Realgründsatz alles Seins und den Jdealgründ alles Sollens. Der Gott unserer Propheten ist der heilige Gott; mit Recht sagt ein Forscher: Entweder der Gott des Jesaias, der Gott der Bibel oder gar kein Gott. Das ist unser Besitz, den wir nicht antasten lassen. Ebenso verhält es sich mit dem Sittengesetz. Gewiß haben längst - vor Moses, zur Zeit des Hammurabi, die Menschen einzelne Rechtsgesetze gekannt und betätigt. Die Bibel selbst lehrt es. und unsere Tradition berichtet, daß die noachidischen Gebote den alten Völkern Gesetz gewesen sind. Aber von dem Sittengesetz der Bibel ist das Gesetz Babels so getrennt, wie Himmel von Erde. Dort in Babel sind es einzelne Rechtsbestimmungen, die von uns gewiß in ihrer Bedeutung anerkannt werden, hier in der Bibel aber wird das aus Notwendigkeit herausgeborene Gesetz zur heiligen sittlichen Freiheit erhoben: Dort leuchten in der Nacht einzelne zerstreute Funken der Menschenliebe, hier strahlt die göttliche Sonne der allumfassenden Nächstenliebe. Die Behauptung, daß das Judentum nur eine nationale Nächstenliebe und nicht die allgemeine Menschenliebe gelehrt hat, ist eine Unwahrheit, eine Entwürdigung unseres Bekenntnisses; es empört sich unser Herz darüber mit Recht. Jedes Schulkind weiß, daß die Bibel lehrt: „Du sollst den Fremdling lieben wie Dich selbst", und nicht nur deine Religions- und nicht nur deine Stammesgenossen. Ein zweifacher Maßstab wird angewandt — mit dem einen wird jedes krasse, babylonische Götterbild symbolisch verklärt, mit dem anderen jedes poetische Sinnbild der Bibel materialisiert; auf der einen Seite wird jedes erregte Wort eines erregten Propheten Israels mit ätzender Kritik zersetzt, auf der anderen Seite jeder noch so befremdliche Satz des Neuen Testaments mit ehrfurchtsvoller Schonung behandelt; dieser ganze Kampf kann nicht ein rein wissenschaftlicher und religiöser, sondern muß ein leidenschaftlicher, tendenziöser Kamps genannt werden. Wenn darauf hingewiesen wird, daß der Stifter der christlichen Religion nicht bloß von jüdischem Geiste erfüllt war, daß auch babylonische Kräfte auf ihn gewirkt haben, so wissen wir, warum es geschieht; wenn es in der Bibel-Babelliteratur heißt, daß mit dem Christentum eine wahrhaft neue Religion gegründet worden sei, so wiffen wir auch, wohin all das führen und hinzielen will. Wir merken die Absicht, man will uns unsere Mutterschaft nehmen, aber eine Mutter weiß, wen sie geboren hat; sie weiß das am besten. In dem Streit, den Salomo vyr Zeiten geschlichtet, hat die rechte Mutter sich offenbart, und wir melden uns auch; die Wahrheit wird entscheiden, wer die rechte Mutter ist. Wir lassen die Wahrheit nicht trüben, und die Wissenschaft kommt uns zu Hilfe, die tendenziöse, vorurteilslose Wissenschaft. Wir geben der Bibel, was der Bibel ist, wir geben Babel, was Babels ist. Möge die Wissenschaft vorwärts schreiten, wir werden uns um so mehr freuen, je mehr Rätsel sie löst; wir werden ihr um so freudiger zujubeln, je mehr Errungenschaften sie haben wird. Aber mögen noch so viele babylonische Denkmäler ausgegraben werden, sie werden nichts von biblischem Geiste offenbaren. Es erging einzelnen Assyriologen ähnlich wie änderen Spezialisten; die Liebe zur Spezialwiffenschaft trübt oft den Blick für andere große Erscheinungen und möchte der Geliebten jeden, auch den ihr nicht gebührenden Schmuck geben. Die großen Gegensätze in den Lehren von Gott und Nächstenliebe, wie sie in Bibel und Babel zum Ausdruck kommen, werden nie überbrückt werden können. Hier weht Menschengeist, dort weht Gottesgeist, hier Menschenkunst, dort Sinaihöhe; im Reich der Bibel atmen wir die heilige, göttliche, himmlisch-herrliche Lust. Die babylonische Gefangenschaft der Bibel ist. um mich eine« Zitats zu bedienen, als beendet anzusehen. Meine Verehrten! Die andere Methode, die in unserer Zeit zu Angriffen gegen unsere Religion angewandt wird, geht von einem scheinbar entgegengesetzten Gesichtspunkte aus, kommt aber zu demselben Ziele. Man bestreitet nicht unser Alter, man gibt zu, daß das Judentum die älteste Kulturreligion ist, man bestreitet aber, was viel bedenklicher ist, für die Gegenwart unsere Existenzberechtigung, unsere ewige Jugend, unsere nie alternde Kraft. Man kann es nicht fassen, daß wir schon seit Jahrtausenden das lehren, was jetzt das moderne Christentum als Fundament seiner Weltanschauung verkündet und verkündet wissen will; und weil man es nicht begreifen kann, stellt man die uns tief verletzende Behauptung auf: Es ist nicht wahr, daß das Judentum den reinen Gottesglauben und die reine Menschenliebe lehrt, es ist nicht wahr, daß die Mutterreligion überhaupt noch lebensfähig ist. Und welche Mittel werden angewandt, um dies zu beweisen? Ein junger Gelehrter sagt mit Recht: die modernen Gegner des Judentums wollen Historiker sein und sind in Wirklichkeit Apologeten oder Ankläger; das, was sie für ihr dogmenfreies Christentum erklären, deuten sie in den Ursprung desselben hinein; das, was sie. in ihrer Voreingenommenheit für unser Judentum halten, betrachten sie als das wirkliche Judentum. Unsere Gegner müssen zugeben, daß das Judentum Gotteseinheit und Nächstenliebe verkündet, daß die edlen Lehren des Christentums bereits von den alten Rabbinern gelehrt wurden. Aber die „Brunnen waren verschüttet, Sand und Schutt war über die Quellen gehäuft, das Wasser war verunreinigt", da mußte erst eine neue Religion kommen und die Brunnen ausgraben und die Quellen reinigen. Sie sagen ferner: gewiß lehrte das Judentum viel Gutes und Wahres, aber wie vieles andere wird noch außer Gott und Menschenliebe vom Judentum gelehrt; alles stand bei ihm auf derselben Fläche, die kleinste Satzung ward gleichwertig den höchsten Lehren betrachtet; da kam die neue Religion, hat das Zuviel ausgerottet und das wahre Wesen der Religion verkündet, erklärt und veredelt. Mit diesen Schlagworten wird gegen uns gestritten; zur Begründung dieser Hypothesen werden glänzende Bücher geschrieben, stilistisch berückend und formvollendet; sie verwirren die Anschauungen unserer unerfahrenen Jugend, und selbst Männer, die mit Kenntnissen nicht genügend j ausgerüstet sind, lassen sich oft von solchem Schein blenden. Es ist bedauerlich, daß Schriften, die mit gründlichem Wiffen und mit ehrlichen Waffen unsere religiöse Ehre und Lehre verteidigen, wie die Schriften von Eschelbacher, Güdemann, Bäck usw. auch in unserer Mitte so wenig gelesen werden, während die Arbeite» von Harnack und anderen, die unser religiöses Bekenntnis mit Scheingründen antasten, eine ungeheure Verbreitung gefunden; die Herzen der Jugend werden vergiftet, wenn ihnen kein Gegengift geboten wird. Mit Büchern von Harnack und ähnlichen in der Hand kommen unwissende Jünglinge und sagen: wir können nicht Juden bleiben, denn die jüdische Religion lehrt längst^überwundene Wahrheiten, und ferst die neue Religion lehrt in Reinheit Gott, erst die neue Religion lehrt in Lauterkeit Menschenliebe. Dieser gehört die Zukunft, denn sie lebt; dem alten Judentum gebührt höchstens Pietät, denn es ist tot! Meine Herren! Ist es aber wirklich so? Waren die Brunnen verschüttet, waren die Quellen getrübt? Was die Bibel lehrt, wiffen viele, und was der Talmud lehrt, meine Herren, das; wissen die Kundigen. Die wirkliche Talmudlehre ist die frömmste, ist die edelste. Man muß den Talmud verstehen, um ihn beurteilen zu können. Auch die