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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-02-09 · Heft 6 (9.2.1906) · p. Seite 68

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 6 (9.2.1906)
Date
1906-02-09
Page
Seite 68 (sequence 8)
Language
German
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«8 Vertreter der deutschen Judenheit stch hier versammelt haben. — Es ist wie eine Ironie der Kulturgeschichte, daß gerade wir, die zuerst das gleiche Recht für alle Menschen gelehrt, durch die Verleugnung dieses Grundsatzes zu leiden haben; aber so mancher hat die Segnungen seiner Entdeckung an sich selbst nicht erfahren. Es liegt in der Natur der Menschenseele, daß sie ihre unedlen Triebe, ihre unlauteren Gesinnungen zu rechtfertigen sucht, daß sie auch den traurigsten Verirrungen eine gewisse sittliche Berechtigung verleihen will. Der Mensch will nicht schlecht sein, auch wenn er gesunken ist. Auch unsere Gegner bemühen sich, ihre Gehässigkeit gegen Juden und Judentum als berechtigt, ja als notwendig hinzustellen. Jedes Jahrhundert, ja, man kann sagen, fast jedes Jahrzehnt, hat einen eigenen Antisemitenkatechismus, eine eigene Lehre, die den Kampf gegen uns rechtfertigen will. Was die wilde Leidenschaft geboren, soll dann von der Vernunft gebilligt werden. . Auch unsere Zeit hat einen eigenen Katechismus geschaffen, in dem alles niedergelegt ist, das sich gegen unsere Rechte, gegen unsere Ehre und Lehre wendet. Lassen Sie uns zuerst die Waffen prüfen, mit denen gegen unsere Lehre, gegen unsere Religion, gegen unseren heiligsten Besitz gekämpft wird. Meine Herren, wie Sie auch im einzelnen in der Anschauung über politische, soziale und religiöse Fragen getrennt sein mögen — hoch steht Ihnen Ihre politische,. hoch Ihre soziale Ehre, am höchsten steht Ihnen allen die religiöse Ehre, die Ehre des Bekenntnisses, für das unsere Väter gestorben sind. In früheren Zeiten waren es besonders orthodoxe christliche Geistliche, welche sich aus Fanatismus gegen uns wandten. Diese Zeiten sind größtenteils vorüber. Der wirklich gläubige Christ findet in seinem Dogma seine Seligkeit und seinen Frieden und erkennt zumeist in unserer Religion voller Ehrfurcht die Grundlage des eigenen Bekenntnisses. Natürlich bestätigen Ausnahmen die Regel. Aber jetzt bekämpfen uns gerade bedeutende liberale Theologen und Gelehrte der anderen Konfessionen; diese find mit uns Juden in den G'rundlehren der Religion einig; sie glauben an denselben Gott, den Einzigeinigen, den wir seit Jahrtausenden gelehrt haben und lehren, sie verkünden dieselbe Menschenliebe, die wir seit uralten Zeiten der Menschheit verkündet haben. Sie geraten in einen inneren Zwiespalt, denn sie sind in der Anschauung groß geworden, daß das Judentum minderwertig, daß es nur eine Religion zweiten oder gar dritten Grades sei, und jetzt erkennen sie nach Ablehnung der von ihrer Kirche überlieferten Dogmen kraft ihrer Forschung und kraft ihres Denkens, daß sie innerlich Juden sind, daß sie innerlich den Glauben an Gott, den Einzigeinigen, zu dem wir beten, und die allumfassende Nächstenliebe, die die Menschheit von uns empfangen hat, heilig halten. Um von diesem sie quälenden Zwiespalt befreit zu werden, haben sie zwei Methoden gefunden. Die eine'Methode will uns die Mutterschaft der großen Lehren absprechen, die andere Methyde will uns unsere Existenzberechtigung für die Gegenwart überhaupt streitig machen. Die eine sagt: wir sind nicht so alt, wir haben die großen Wahrheiten nicht zuerst gelehrt, sondern von anderen Völkern entlehnt. Die andere sagt: nachdem die Mutter eine Tochter geboren hat, ist sie gestorben; die Mutter hat kein Recht mehr zu.lehren, kein Recht mehr, zu wirken. So werden die beiden Perlen, das ehrwürdige Alter und die ewige Jugend, aus unserer Krone herausgebrochen. Meine hochgeehrten Herren! Wir sind hier keine Versammlung von Gelehrten, die über wissenschaftliche Fragen zu entscheiden haben; aber wir sind eine Versammlung von Männern, die logisch denken und die - unbestrittenen Resultate der Wissenschaft beurteilen können. Es liegt «ns hier fern, wissenschaftliche Probleme zu lösen; noch ferner liegt es uns, die Religion des Christentums anders als mit gebührender Ehrfurcht zu betrachten. Aber dagegen müssen wir Protest erheben, daß zur Erhöhung einer anderen Religion die unsere erniedrigt wird. Vor einem Jahrhundert glaubte man, daß MoseS jn die Schule ägyptischer Priester gegangen sei und von der geheimen ägyptischen Priesterkaste die Wahrheiten empfangen habe, die in der heiligen Schrift gelehrt werden. Der edelste der deutschen Dichter hat diesem Irrtum in der „Sendung Mofis" ein Denkmal gesetzt. Heute wird diese Anschauung von allen Kundigen als eine völlig unhaltbare Hypothese zurückgewiesen und nicht mehr ernst genommen. Die ägyptische Religion des Todes und die biblische Religion des Lebens sind Gegensätze, die einander ausschließen. Vor einigen Jahren erscholl es wie ein Donnerrus: Eine neue Wahrheit ist gefunden, die Bibel ist entthront, der Sinai ist Babel, die Bibel hat kein Recht mehr auf den alten N»hm; Babel ist die Mutter der Kulturreligionen und nicht das Judentum. Die moderne Kulturwelt, so hieß es, müsse ihre Ansichten über die Bibel und das Judentum revidieren. Meine hochgeehrten Herren! Es gibt einen Kanon, der heißt: Jeder Behauptung, die gegen das Judentum gerichtet ist, wird von vielen zugejubelt. Wenn wir nicht nur die Vertreter des Judentums, sondern auch die berufenen Assyriologen fragen: Was hat denn diesen Sturm hervorgerufen, daß mit einem Mal die Kulturwelt daran gehen sollte, dem Judentum die Krone des ehrwürdigen Alters vom Haupte herabzureißen?, so ist die Antwort vom wissenschaftlichen Standpunkte aus hierauf schwer zu finden. Die Psychologie könnte sie geben. Man glaubt so gern, was man wünscht, man hört so gern, was man will, der Wunsch ist der Vater des Gedankens — und man will so gern die Bedeutung des Judentums entwerten. Mit welchem Zauberworte war denn das Gewitter herausbeschworen worden, das einzuschlagen drohte? Daß die Bibel nicht weltentrückt auf einer einsamen Insel geboren und nicht losgelöst war von Beziehungen zu Assur und Babel, das wußte jedermann; daß gewisse Widerhalle in der Bibel aus Assur und Babel sich bemerkbar machen, das sagt die Bibel selbst. Daß aber die Grundlehren der Bibel von der Weltanschauung Babels durch eine ewige Kluft getrennt sind und daß das Judentum die Mutter der anderen Kulturreligionen ist, das ist die Wahrheit, die unantastbar ist. Sehen Sie — um nur ein Beispiel anzusühren — man glaubte, daß eine gewaltige Entdeckung gemacht worden sei, als es hieß, der Name Gottes, wie ihn die Bibel überliefert, solle auf einigen alten, verwitterten babylonischen Tontäfelchen gefunden sein. Nun, die Wissenschaft hat diese Annahme als haltlose Hypothese bereits widerlegt. Wenn es aber nicht Hypothese, sondern Wahrheit gewesen wäre, was wäre damit bewiesen? Es wäre nur eine Bestätigung unserer Bibel gewesen, die da lehrt, daß längst vor Moses der Name Gottes verkündet worden war von Abraham, von Malkizedek und von anderen. Es ist betrübend, daß selbst ein berufener Vertreter der assyriologischen Wissenschaft sich nicht scheute, in die Welt hinauszurufen, daß der Gott des Judentums zwar höher stehe als die babylonischen Götter, aber doch ein Nationalgott und von menschlichen Schwächen nicht frei sei. Dagegen müssen wir protestieren. Der Gott des. Judentums ist im Gegensatz zu den Nationalgöttern der Heiden der Einzigeinige; der

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