Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1906)
- Date
- 1906-02-09
- Page
- Seite 67 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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- 67 beü-Tpost'chört: „Er durstenden Freüdenkelch bis zur Neige leeren" rc., am Grabe des im Mannesalter Verstorbenen: „Der Herr hals gutmit ihm gemeint, aus Glanz und Herrlichkeit ist er geschieden" . . rc., und^am Grabe leines Kindes) „Ich habe dich je und je geliebt" . . rc. Er konstatiert als Entschuldigung, daß er diese drei Trostreden von verschiedenen Rednern gehört habe. Ich glaube aber, auch wenn derselbe Redner sie gehalten hätte — und welcher Geistliche wird nicht in seinem Leben schon diese entgegengesetzten Betrachtungen zum Tröste dargereicht haben? — bedürfte es auch keiner Entschuldigung, denn „Die Wett ist voller Widerspruch, Und sollte sichs nicht widersprechen?" sagt Goethe in seiner „Vorklage". Es stirbt der Greis, es stirbt der Mann, es stirbt das Kind... die Welt ist voller Widerspruch. Die Hinterbliebenen bedürfen des Trostes. Der Geistliche ist der Arzt, der den Balsam in die offenen Wunden träufeln soll. Der Trost soll wahr sein. In welchem Mnne wahr? Etwa im naturwissenschaftlichen Sinne? Wenn aber der Leidtragende kein Naturwissenschaftler ist und die Erkenntnis, daß „wir alle nach' ewigen, ehernen, großen Gesetzen unseres Daseins Kreise vollenden müffen" ihm keinen Trost gewährt? Diese Erkenntnis gibt sehr vielen keinen Trost. Wie macht es der Arzt am Krankenbette? Sagt er seinem Patienten zum Tröste: Für Ihr Leiden gibt es kein Mittel, sie müssen sich darüber mit der „Erkenntnis" hinwegsetzen, daß „wir alle nach ewigen, ehernen, großen Gesetzen unseres Daseins Kreise vollenden müssen? Nein! Er täuscht seinen Kranken^ verschreibt ihm ein Rezept und tut so, als ob er sich sichern Erfolg von seinem Medikament verspreche. Ist das Lüge oder Wahrheit? Es ist die Wahrheit der Medizin und der Humanität; der Kranke ist auch seelisch krank und das objektiv unwahre Rezept ist subjektiv die wissenschaftlich -wahre Medizin. 3Po ein Trauernder Trost braucht, da handelt es sich um subjektive Wahrheit. Beim Trösten handelt es sich psychologisch darum, die freundlichen Vorstellungen in den Vordergrund zu ziehen und dadurch die niederdrückenden zurückzudrängen. Am Grabe ,des Greises wird man zum Tröste die Vorstellung von den schönen Seiten des Lebens, am Grabe des Mannes die Vorstellung von den Gebrechen des Alters hervorheben, und am Grabe des zarten Kindes wird man die tiefgebeugten Eltern mit gutem Recht daran erinnern, daß das Leben doch wahrlich nicht in jedem Betracht ein Gut sei. Wer hat nicht schon Tage gehabt, an denen er mit Hiob den Tag seiner Geburt verflucht hat, und dann wieder Tage, an denen er mit dem Psalmisten der Zukunft eNtgegenjübelte: Ich will nicht sterben, ich will leben! Die Religion muß für diese Widersprüche des Gemüts volles Verständnis haben. In der erbaulichen Predigt wird der Redner auf die Relativität des menschlichen Urteils über Glück und Unglück, die darin hervortritt, Hinweisen und vor Uebermut im Glück, vor Verzweiflung im Unglück warnen. Bei eingetretenem Unglück, an offenen Gräbern, wird er mit Recht seine Trostesworte wieder aus dieser Relativität schöpfen. Die Welt ist eben voller Widerspruch in ihren Anschauungen über den Wert des Lebens, und der Prediger sollte an offenen Gräbern sich stellen, als wisse er das nicht? Das Judentum im Lichte moderner Kritik. Ein Vortrag von Rabbiner Dr. K. Werner-München.*) ..... I. ochaeehrte Herren! Hochgeehrte Vertreter der deutschen Judenheit! Sie haben soeben aus berufenem Munde gehört, was der Verband will, was er soll und was er mit Gottes Hilfe auch können wird. Wir sind dem Ruse des Verbandes mit gemischten Gefühlen gefolgt. Wir beklagen das Verhängnis, daß wir uns noch immer gegen die Unhilden wehren müffen, die uns zugefügt werden; wir danken aber auch für die Gnade, daß wir alle wie ein Mann zusammenstehen, wo es gilt, das Höchste, das wir besitzen, unsere religiöse Ehre, zu wahren und — wenn es sein muß — für dieselbe mit aller Macht zu kämpfen. Meine verehrte Herren! Jetzt, da ich diese hochansehnliche Versammlung vor mir sehe, fällt mir die Lehre des Talmud ein, daß wir Gott auch für die Heimsuchungen preisen sollen. Es gibt nichts absolut Böses aus dieser Welt; jedes Verhängnis hat seine Gnade, und jede Gnade hat ihr Verhängnis. Wir gleichen jener Blume, die duftet, wenn sie getreten wird. Wie die Wellen des Meeres nicht bloß Schlamm an das Gestade werfen, sondern auch Wertvolles, so ist es auch mit der feindlichen Kraft gewesen, die uns vernichten wollte: sie hat uns wiederum zusammengeführt, und manche, die früher dem Judentum fern standen, haben sich auf sich selbst besonnen. Der Kampf hat uns gestählt. Wir sind besser, wir sind stärker, wir sind frömmer geworden; das haben unsere Feinde bewirkt, die das Böse wollten und doch auch manches Gute wider ihren Willen geschaffen haben. In der erregten Stimmung, die unS heute in der ersten Verbandsversammlung erfüllt, ist die Gefahr vorhanden, daß das Herz den Kopf besiegt, daß die mächtige Empfindung stärker ist als die besonnene Ruhe. Lassen Sie uns diese Klippe vermeiden; lassen Sie uns mit der Ruhe, die eine gerechte Sache erfordert, auf den Kern unseres ganzen Kampfes eingehen und gerechte Kritiker unserer ungerechten Kritiker sein; lassen Sie uns mit Besonnenheit und Ueberlegung prüfen, aus welchem Arsenal unsere Feinde ihre gegen uns gezückten Waffen herholen. Es ist natürlich, daß in der kurzen Frist, die mir zu reden hier vergönnt ist, nur das Wichtigste hervorgehoben werden kann. Ist ja die heutige Versammlung nur eine programmmatische, die die großen Gesichtspunktebeleuchten soll, und werden ja mit Gottes Hilfe andere Versammlungen die einzelnen Punkte vertiefen, erweitern und noch mehr begründen. Es ist auch selbstverständlich, daß Ihnen, den berufenen Vertretern der Gemeinden, vieles wird gesagt werden, das Sie bereits wisien. Aber, meine Geehrten, es könnte durch das Schweigen vielleicht manches Mißverständnis erzeugt werden, und Sie wissen, unsere Gegner find scharfsinnig, wo es gilt, aus unserem Reden oder Schweigen so manche Schlüsse zu ziehen, die uns vollkommen fern liegen; daher wird Ihnen manches gesagt werden, das zwar zur Sache gehört, das sich aber wie selbstverständlich ausnimmt. Nur eins wird nicht besprochen werden, was unter aller Kritik ist, das widerstrebt mir, vor einer solchen Versammlung auch nur anzudeuten. Daß wir, bieder Menschheit den Dekalog gegeben, nicht Kannibalen, nicht Be- . trüget von Religionswegen sind — das erst vor Ihnen zu beweisen, wäre eine Verletzung der Ehre der Männer, die als *) Dieser Vortrag, den uns Herr Dr. Werner freundlich st zum Abdruck überlassen, wurde aus der ersten Hauptversammlung des „Verbands deutscher Juden" am 30. Oktober v. I. gehalten. Die Red.