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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-02-09 · Heft 6 (9.2.1906) · p. Seite 66

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 6 (9.2.1906)
Date
1906-02-09
Page
Seite 66 (sequence 6)
Language
German
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mm wm. w m erinnern uns einer Episode ans-seiner segensreichen Tätigkeit, -die den ganzen Mann charakterisiert. EineS Tages berief er eine Generalversammlung, in welcher er über den traurigen Zustand der Kasse dieser Gesellschaft berichtete. Der Heimgegangene, in der kleidsamen Uniform eines Obermilitärarztes, mit den silbernen Epauletten eines Obersten, und dem Annen- und Wladimirorden geschmückt, eröffnete die Sitzung mit solgender Ansprache: „Ich selbst bin der Sohn armer Eltern und weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer und dornenreich der Weg der wißbegierigen Jünger ist," und in ergreifenden, zu Herzen gehenden Worten entrollte er ein erschütterndes Bild von der Lage der hungernden Studenten, die beim herannahenden Winter keine Mittel und keine Kleidung besitzen. Der Appell des Vorsitzenden drang natürlich in die Herzen und die Taschen der Zuhörer, und die nötigen Mittel wurden bewilligt. Der Verewigte hinterläßt außer der oben bereits erwähnten Witwe eine Tochter, Frau Elisabeth Kranzfeld, Gattin des Gehilfen des Bezirksfeldchirurgen auf dem Kriegsschauplätze, und zwei Söhne, von denen der eine, Alexander, als Arzt und Privatdozent an der Charkower Universität wirkt, und der zweite, Michel, als Verwaltungsmitglied der Asow'schen Bank in Petersburg lebt. Am 30./12. d. M. fand das Leichenbegängnis des Verblichenen statt; ein sehr zahlreiches Publikum versammelte sich im Sterbehause. Es kamen, um die letzte Ehre dem Verstorbenen zu erweisen, sämtliche Aerzte des jüdischen Hospitals, die einen Kranz niederlegten, die Mitglieder der medizinischen Gesellschaft mit ihrem Präsidenten Dr. Bardach an der Spitze, die Zöglinge der Talmud-Thora, und die Schülerinnen der jüdischen Handwerksschule. Unter den vielen tausend Menschen befanden sich zahlreiche Patienten, des Verewigten, viele seiner Kollegen. Verehrer und Vertreter der Wohltätigkeitsanstalten, an denen der Verblichene Anteil genommen hatte. Beim Vorüberzuge des Leichenkondukts waren viele jüdische und christliche Läden geschlossen. Nach dem Vorträge eines Trauerchorals hielt der Rabbinatsasfessor Pen die Leichenrede, in der er den Entschlafenen als einen dem jüdischen Volke treu ergebenen. Sohn schilderte. Die Aerzte und Freunde trugen den Sarg aus dem Trauerhause. Hierauf wurde derselbe von Vertretern des Volkes getragen. An der neuen Synagoge wurde Halt gemacht und daselbst ein Seelengebet verrichtet. Sodann bewegte sich der Zug nach dem neuen jüdischen Friedhose. Am frischen Grabe hielt der Präsident der Gesellschaft der Aerzte, Privatdozent Dr. Bardach, eine inhaltreiche Denkrede, die wir hier aus Raummangel Leider nicht wiedergeben können. Das russische Judentum erleidet durch den Heimgang Finkelsteins einen herben, unersetzlichen Verlust; Zeit seines Lebens hat er für das Wohl und die Bildung seiner schwergeprüften Glaubensgenossen gewirkt. Ehre sei darum seinem Gedächtnisse! Lur Mychologir des Trottes. Von Dr. I. Gold schmidt-Offenbach. er war nicht schon manchmal in Verlegenheit, wenn er eine Grabrede zu halten hatte! Gefühl und Verstand sind ja nicht selten geschworene Feinde, und diese Feindschaft macht manchen, wenn er am offenen Grabe die Trauernden trösten soll, nicht wenig zu schaffen. Der Verstand sagt: Hier gibt es keinen Trost! Das Gefühl sagt: Hier stehen Trauernde, Tiefgebeugte, die nicht ohne Trost von dannen gehen dürfen! Auf wessen Seite der Redner sich schlägt, er wird der Kritik Nicht entgehen... welcher Kritiker nimmt sich denn die Mühe, sich in die ihm vielleicht ganz fremde Situation zu versetzen? Eine solche Kritik brachte ein süddeutsches Tageblatt vor kurzem von einem Herrn A. L., die im ersten Augenblick viel Bestechendes hat, sie möge hier Platz finden : R. I. P. An der Stätte des Todes ist die Seele empfänglich für das gesprochene Wort. Das Ohr horcht auf, es erwartet etwas Ungewöhnliches, etwas -Großes zu vernehmen * die Bahn zum Herzen ist frei für den tiefen Gedanken, für eine erschütternde Wahrheit, für einen erhebenden Zuspruch; an der Stätte des Todes ist die Seele aber auch empfindlich gegen beit abgegriffenen Gemeinplatz, gegen Doppelsinn, Lüge. Gefühllosigkeit oder Schaustellerei — — von der Grabrede soll hier gesprochen werden. Mit diesem ernsten Thema beschäftigte sich kürzlich das „Neue sächsische Kirchenblatt". Was ein jeder von uns so manchesmal empfunden hat. Nah- oder Fernbeteiligter, Gläubiger, Zweisier oder Ungläubiger: in der feierlichen Stunde, da wir den Leib eines Menschen begruben, hat uns das Wort des berufenen Dieners der Kirche nicht Genüge getan. . Hinter dem Pathos einer hohen und schwungvollen Rede empfanden wir erkältend den Mangel innerer Wärme und Teilnahme — das Beziehungslose, Banale,' geschäftsmäßig Nüchterne, oder wir schämten uns in der Seele des Verstorbenen vor dem gleißnerischen Jdealbilde, das von ihm entworfen wurde. Oft auch waren wir wohl verletzt von eineni anmaßenden und lieblosen Totengericht. Ohne Erhebung, ohne Versöhnung, ohne Trost wandten wir gemeinhin den Schritt von den Gräbern ins Leben zurück. Rückhaltlos legt nun ein religiöser und feinfühliger Mahnrufer in jenem Kirchenblatt die Gründe für den nur allzuhäufigen Mißerfolg der Grabsermone dar und bezeichnet die Wege, aus denen ihm zu begegnen sei. Nicht, wie viele und auch wir es wünschen, vermag er sich für das kurze liturgische Gebet vor der offenen Gruft zu entscheiden, auch nicht für das unpersönliche, an eine geeignete Schriftstelle anknüpfende Trosteswort, sondern er will, daß die altherkömmliche Rede ihrer evangelisatorischen Bedeutung halber beibehalten werde! Was er aber entschieden von ihr fordert, das ist lapidare Knappheit der Kunstform und Aufrichtigkeit des Inhalts; sie sei frei von Kanzelton und hohlem Pathos; über Auswahl und Umfang des Persönlichen entscheide der Pastorale Tatt, in ihrem allgemeinen Teile enthalte sie nur, „was in eigenem und-innern Erleben als Wahrheit und als Trost erkannt worden ist." Mit diesem letzten Verlangen, dem Kernpunkt der anregenden Betrachtung, sei hier ein Paralipomenon verbunden: wahr und trostreich zugleich ist die Erkenntnis, daß wir alle „nach ehernen, ewigen, großen Gesetzen" unseres Daseins Kreise vollenden müssen, unwahr und nicht trostreich, zum mindesten für die Mehrheit der Menschen, daß, und zwar stets zu unserem Besten, ein unerforschlicher Ratschluß über früher oder später Sterben entscheide. Was aber gibt man uns in diesem Betracht an den Gräbern zu hören? Ein müder Greis ist zur Ruhe eingegangen — „er durfte den Freudenkelch des Lebens bis zur Neige trinken; der Herr hat's gut mit ihm gemeint." In der Fülle und Kraft der Jahre ist ein Mann um seines Lebens Mittag vom Tode ereilt worden — „der Herr hat's gut mit ihm gemeint; aus Glanz und Herrlichkeit ist er geschieden, ohne des Alters drückende Beschwerde erfahren zu haben!" Im Morgenfrührot seines Daseins ein Kind. — — „Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen in aller meiner Liebe." Diese drei Trostesworte sind nicht tendenziös am Schreibtisch erfunden, sondern sie sind erklungen, wenn auch nicht aus einem und demselben Priestermunde, in der Wirklichkeit des Friedhofes. Kein Vernunftabschluß vermag ste zu vereinigen. In welchem von den dreien wohnt nun die Wahrheit? In-welchem ein Trost? — Ich habe mir darauf .gestattet. Folgendes zu erwidern: A. L. wundert. sich, daß man am Grabe des müden Greises

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