Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1906)
- Date
- 1906-02-09
- Page
- Seite 65 (sequence 5)
- Language
- German
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65 - das würdewas der jüdische Sabbat war und ist, ich bezweifle es. Jedoch vuch das zugegeben, gibt es Prinzipien, die unmöglich -preisgegeben werden dürfen, ohne das ganze Gebäude ins. Wanken zu bringen, und eines derselben ist der Sabbat. Wie es in der Gotteseinheit für das Judentum kein Paktieren gibt, so auch bezüglich des Sabbatgesehes. - Was also denn? Daß die Sabbatentweihung konstant fortschreitet, sieht jeder; von Jahr zu Jahr mehren sich die Familien, in denen die Sabbatweihe sich stetig vermindert und schließlich gänzlich verloren geht. Dabei gebe ich ohne weiteres zu, daß Tausende, die den Sabbat halten könnten, ihn nicht halten; aber ebenso wahr ist es, daß Tausende ihn tatsächlich nicht halten können. Viele gehen nicht in die Synagoge aus Indolenz, vielen aber ist es einfach umnöglich. Wieviele Angestellte möchten gern zurAndacht, können aber nicht. Da heißt es also, etwas retten, wo nicht alles gerettet werden kann. Geht es nicht, den ganzen Tag der religiös-sittlichen Erhebung und Belehrung zu widmen, weihe man ihr einige Stunden. Eine kleine Ahnung davon beschlich schon mehrere Gemeinden, die nunmehr auf den Freitagabend größeres Gewicht legen und die Predigt auch am Freitagabend halten lassen. Aber der Nutzen dieser Neuerung scheitert an der Stunde des Gottesdienstes. Den ganzen Winter hindurch wird zwischen 4 und 1li7 gebetet. Ja, für wen wurde diese Reform eingeführt? Jene, die Zeit haben, oder sich Zeit nehmen, in diesen Stunden das Gotteshaus zu besuchen, können füglich auch am Sabbatvormittag da sein. Die aber am Sabbatvormittag geschäftlich verhindert sind, sind es am Freitagabend vielleicht noch mehr. — Und doch ist es richtig, den Freitagabend der Sabbatruhe retten zu wollen, nur muß die Neuerung recht angefaßt werden, so daß sie einen wahren Aufbau bedeute. Der Gottesdienst am Freitagabend muß zu einer Stunde abgehalten werden, da jedem möglich ist, in die Synagoge zu kommen, um 7 Uhr. Ich weiß, daß diese Reform dem Gesetz über Kabbolath Schabboth schnurstracks zuwiderläuft, aber es gibt Punkte, über die man einmal hinweg muß. Es ist ein oft gebrauchter Satz unserer Weisen, es sei besser, daß ein Buchstabe des Gesetzes entwurzelt werde, ehe es zur Entweihung des göttlichen Namens komme, oder, positiv gesprochen, um Gott zu heiligen, darf auch ein Gesetz anders gedeutet werden. Geben wir uns doch keiner Selbsttäuschung hin. Von 1000 modernen Synagogenbesuchern halten 800 die Sabbatgesetze nicht, warum sollen wir uns vor einer Reform scheuen, die Tausenden die Möglichkeit gibt, am Freitagabend die Synagoge zu besuchen? Der Segen dieser Neuerung dehne sich aber auch auf die Familie aus. Heute geht der Synagogenbesucher zumeist aus dem Tempel in das Geschäft zurück, oder er geht spazieren, und die Weihe, die ihm Predigt und Gottesdienst gegeben, verflüchtigen sich bis zu seiner Heimkunft. Kommt aber der Vater, der Sohn aus dem Gotteshause direkt in sein Haus, so bringt er unbewußt die Weihe des Tempels mit, überträgt sie auf seine Familie und rettet damit einen Teil der Sabbatheiligung. Daß sodann ein solcher religiöser Freitagabend notwendigermaßen auch den folgenden Tag beeinflußt, die Entweihung des Sabbats vielfach hintanhält, ist sicher. — Darum schlage ich den Gemeinden, besonders den Großgemeinden, eindringlichst diese Reform vor: Verlegung des Gottesdienstes am Freitagabend auf eine Stunde, die jedem den Besuch des Gotteshauses gestattet. Uebrigens ließe , sich ja auch da, um offiziell das alte Religionsgesetz zu erhalten, mancher Ausweg finden. Es könnte durch einen kurzen Gottesdienst in der Dämmerung, der nur aus Mincha, Lecho-daudi und Mizmaur-schir-leiaum- # haschabboth bestünde, allen jenen recht getan werdeW die ein religiöses Bedenken erheben. Um 7. Uhx fände dann der Abendgottesdienst statt» dem nur Lecho-daudi und der Sabbatpsalm vorangingen — obwohl die beiden Gesänge ganz gut auch entfallen könnten — und den itt allen Synagogen an jedem Freitagabend die Sabbatpredigt beschließen soll. Dr. Kl. M. Finkrllttin. Von Leon A. Trachtenberg. Berlin, 16. Januar, m 27./9. d. M. starb in Odessa nach langwieriger, schwerer Krankheit eines der hervorragendsten und verdienstvollsten Mitglieder der dortigen jüdischen Gemeinde, der Staatsrat undRitter Dr. med. Alexander Markowitsch Finkelstein. Er wurde in Odessa in den dreißiger Jahren des verflossenen Jahrhunderts von armen Eltern geboren. Dankseinen Fähigkeiten und seiner hohen Intelligenz erwarb er sich eine ehrenvolle Stellung in der Gesellschaft. Er erreichte ungefähr das 70. Lebensjahr. Wir persönlich beklagen in dem Heimgegangenen unfern unvergeßlichen Lehrer und Freund. Nach Beendigung des zweiten Gymnasiums bezog er die medizinische Fakultät der. Charkower Universität, wo er sich den Doktorgrad erwarb. Hierauf ging er nach Cherson, wo er die Tochter des dortigen angesehenen Arztes Dr. Mark Popitsch heiratete, die in Odessa als Vizepräsidentin des jüdischen Wöchnerinnenvereins und Förderin mancher wohltätiger Anstalten segensreich wirkt. Dann trat er als Arzt in den Militärdienst ein und ging nach der Festung Grosny im Kaukasus, wo er viele Jahre hindurch seinen Beruf ausübte. In den sechziger Jahren kam er nach Odessa, wo er sich, weiter im Militärdienst verbleibend, als praktischer Arzt niederließ und bald eine große Praxis hatte. Einen ansehnlichen Teil derselben widmete er der armen Bevölkerung, der er nicht bloß seinen ärztlichen Rat, sondern auch materielle Unterstützung angedeihen ließ. In Odessa wurde er mit dem unvergeßlichen Rabbiner Dr. Schwabacher s. A., dem verdienstvollen Dr. Jonathan Dreh, der die ersten Schritte aus seiner medizinischen Laufbahn ebnete, und dem gelehrten Dr. Leon Pinsker, dem berühmten Verfasser der „Autoemanzipation" innig befreundet. Er war Präsident und Ehrenmitglied der medizinischen, Vizepräsident der balneologischen Gesellschaft, Vorfitzender des Odessaer Komitees der Gesellschaft zur Verbreitung der Bildung unter den Juden, Mitglied des Kuratoriums der jüdischen Handwerkerschulen „Trud" und der Talmud-Thorah. Während des russisch-türkischen Krieges machte er den ganzen Feldzug als Militärarzt mit, und war zu dem Militärfeldinspektor Geheimrat Preselkorn abkommandiert, der ihn sehr hochschätzte. Finkelstein wurde mit dem Stanislaus-, Anna- und Wladimirorden ausgezeichnet, welch letzterer ihm den erblichen Adel gab; außerdem erhielt er den Rang eines Staatsrats. Der Verewigte war^in Odessa außerordentlich beliebt und sehr populär. Er.war dort 16 Jahre lang Oberarzt des Schützenregiments; ferner war er einer der besten Therapeuten und Chirurgen in Odessa. Die lebten Jahre seines arbeitsamen Lebens brachte er im Siechtum zu; er litt an Asthma und an anderen Krankheiten. Die Nachricht von seinem Tode verbreitete sich schnell in allen Schichten der Gesellschaft, und viele Vertreter der intelligenten Kreise, darunter der Präsident der medizinischen Gesellschaft, eilten ins Trauerhaus, um der verwaisten Familie ihre Teilnahme auszudrücken. Der Verblichene war ein schöner Jüngling und ein sehr stattlicher Mann. Er war außer der russischen noch mehrerer anderer europäischen Sprachen mächtig. Er besaß im hohen Grade die Gabe der Rede, und war es ein Vergnügen. ihn sprechen zu hören. Sehr klug, in hohem Maße intelligent, besaß er ein angenehmes, liebenswürdiges Wesen, und als gewandter Weltmann einen feinen Takt; er bezauberte alt und jung. Der hervorragendste Zug in seinem Charakter war die grenzenlose Liebe für das Judentum und das jüdische Volk; mit allen Fasern seines Herzens hing er an seinem angestammten Glauben. Wir erwähnten oben, daß er Vorsitzender des Lokalkomitees der Gesellschaft zur Verbreitung der Bildung unter den Juden war, und