Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1906)
- Date
- 1906-02-09
- Page
- Seite 64 (sequence 4)
- Language
- German
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WM 64 2. SS wird von den verfa«ynelt«n Delegierten der Wunsch äusgedrückt, daß die verschiedenen Organisationen sich an der Bildung einer Kommission beteiligen, dieldie verschiedenen Länder, insbesondere den Orient, in^ bezug auf sEmrgrationsmö glichkeiten für die russischen Juden!studieren soll. Diese Kommission, für die die Mittel von den beteiligten sOrganisalionen aufzubringen find, soll auch berechtigt sein, vorbereitende Maßregeln in Angriff zu nehmen. Z. Die Konferenz hat die Erklärung der jüdischen Hilfsorganisationen zur Kenntnis genommen, wonach eine Emigration Mittelloser gegenwärtig von ihnen nicht gefördert werden kann, weil erstens die erforderlichen namhaften Mittel fehlen, zweitens, weil zurzeit für rbtefe Kategorie von Auswanderern Emigrationsländer nicht zu Gebote stehen. Die Konferenz erachtet es für nötig, daß diese Erklärung zur Kenntnis der russischen Behörden gebracht werde." * Wie man der „Times" aus Petersburg meldet, hat der Zar eine Deputation der .„Liga russischer Männer" empfangen und dabei folgende Ansprache gehalten: „Ich werde allein die Last der Macht, die im Kreml auf mich gelegt ist, tragen, und ich bin überzeugt davon, daß das russische Volk mir Helsen wird. Ich werde von meiner Macht Gott Rechenschaft'ablegen. 'Danken Sie allen, die sich Ihrer Liga angeschlossen haben. Bald, sehr bald wird die Sonne der Wahrheit über dem russischen Land leuchten und dann werden alle Zweifel verschwinden." Einer der Sprecher der Deputation sagte, daß ihre Parole sei: Orthodoxie, Autokratie und Nationalität, keine Fremden dürften in die Liga eintreten und Juden, selbst getaufte, seien streng ausgeschloffen. „Wir sind überzeugt davon", fügte er hinzu, „daß der gegenwärtige Aufruhr das Werk ihrer Hände ist", und er bäte daher den Kaiser dringend, zum Besten des Landes den Juden keine Gleichheit vor dem Gesetze zu gewähren, andernfalls „werden sie über uns herrschen". Der Kaiser antwortete: „Ich werde darüber Nachdenken." Der Gottesdienst am jfrrjlsgabrnd. Ein Vorschlag von Dr. I. Ziegler-Karlsbad. chwierigkeiten aus dem Wege gehen, oder ihnen kampflustig entgegentreten, beides hat zweifellos seine Zeit und seine Stunde; aber sie nicht sehen wollen, tun, als ob sie gar nicht vorhanden wären, heißt nur sie mehren, vergrößern, und wälzt den Vorwnrs der Feigheit, den Fluch der kommenden Generationen auf jene, die das Haus in Flammen sehen und sich stellen, als sähen sie den Brand nicht. Daß es mit der Heilighaltung des Sabbats schlimm, sehr schlimm bestellt ist, kann wohl kein Mensch leugnen, und doch sehe ich weder Freisinnige noch Orthodoxe — die letzteren schier noch weniger — an der Arbeit, bessernd, rettend einzngreifen. Die Ursachen, die die Möglichkeit der Sabbatheitigung von Jahr zu Jahr erschweren, sind bekannt: das Niederreißen der Ghettomauern, das im allgemeinen sinkende Interesse am religiösen Leben und, last bat not least, die Sonntagsruhe haben eine fürchterliche Bresche geschlagen in die jüdische Sabbatweihe. Und das gerade in einer Zeit, da das moderne Judentum — vielleicht unter dem Einflüsse des orthodoxen Romantikers S. R. Hirsch — im Begriffe steht, dem Sabbat eine noch höhere religiös-ethische Bedeutung zu leihen, als er sie im Bewußtsein des mittelalterlichen Judentums hatte. Gerade wir freisinnigen Juden, die wir den Sonntag zum Teil mitbegehen, haben eben an der Sonntagsruhe die Größe der Sabbatweihe erkennen und verstehen gelernt; ich glaube nicht. daß ein denkender Judeder die Jd^e deS JudentuürS Är sW ausgenommen hat, sich des Schmerzes erwehren kann über den Verlust des Sabbats. Und je mehr sich das Staatsgesetz deS Sonntags bemächtigt, je mehr er der allgemeine bürgerliche Ruhetag wird, um so krassergestaltet sich der Unterschied zwischen ihm und dem Sabbat für uns Juden. Die biblische Gesetzgebung hat in unvergleichlicher Kraftfülle in, Sabbat das Ruhegesetz mit der Gottesweihe verbunden. „Und der siebente Tag sei ein Sabbat dem Herrn deinem Gotte"; „keinerlei Arbeit sollst du an ihm verrichten" (Ex. 26, 9) ist eine harmonische Einheit geworden, wie sie die Menschheit Nur in ihrer naiven Genialität zu schaffen vermag, die nachzuahmen die scharfsinnigsten Drakone sich vergebens bemühen werden. Nur ein theokratisches Volk konnte die israelitische Sabbatweihe hervorzaubern zu einer Zeit, da Gott allein der Gesetzgeber seines Volkes war, das die Vorschriften des Herrn ohne Murren und Zögern als heilige Bestimmung" hinnahm. Ans dieser theokratischen Grundlage hat dann das jüdische Volkstun: die Sabbatweihe ausgebildet, mit der , sich die Sonntagsweihe des Christentums niemals hat messen können. Man pflegt gerne von protestantischer und vielfach auch von jüdisch-freisinniger Seite über die strengen Sabbatgesetze zu lächeln, die angeblich die Gottesweihe ertöten, und. tut sich was zugute aus den auch dem jüdischen Schrifttums nicht fremden Satz des Evangeliums „der Sabbat ist um des Menschen willen da, und nicht der Mensch um des Sabbats willen" (Mc 2, 27, Mechilta zu 31, 13). In Wahrheit aberZfgibt es kaum etwas Poetischeres und Erhebenderes als die altjüdische Sabbatruhe, die nur ein Ziel kennt: Gott an diesem Tage dienen, an Gott und seinen Lehren sich laben. Sie hat nichts mit Theatern, mit Museen und Wirtshäusern zu tun, will nichts von Ausflügen und Konzerten wiffen, sie verlangt von dem Menschen, daß ^wenigstens an diesem einen Tage in der Woche mit seinem Innersten sich beschäftige, der Sabbat sei ein Tag, an dem fder Mensch nichts anderes liebe und begehre als Gotteshaus, Lehrstube und Familie. Das jüdische Familienleben besaß im Sabbat eine seiner mächtigsten Säulen, und das Verbot, am Ruhetage nicht weiter als 2000 Ellen vom Hause sich zu entfernen, war für das Judentum von den segensreichsten Folgen begleitet: Losgelöst von seinen Alltagssorgen und Alltagsvergnügungen erhob sich der Jude aus seiner düsteren Erdensphäre in die reinen Gebiete der Gottesnähe, um an religiös-ethischer Selbstzucht Stab und Stütze sich zu schaffen für die Mühen und Irrungen der Woche. Wer dies einsieht, begreift auch, warum eine Verlegung des Sabbats auf den Sonntag, warum überhaupt jeder Wochentagsgottesdienst nie und nimmer für den Sabbat Ersatz bieten kann. Was soll denn erreicht werden? Eine religiös-sittliche Weihe. Die ist aberin dem Augenblicke ausgeschlossen, in welchem das stabile Religionsgeseh vor dem ewig labilen Staatsgesetz abdiziert. Und dann, hat denn die eine Stunde Gottesdienst die Sabbatweihe geschaffen, und nicht der ganze Tag mit seinem religiösen Schmelz, mit seiner sittlichen Innigkeit, mit seiner Nichtbeachtung der Außenwelt und den nahezu ausschließlich seelischen Freuden? Meint man vielleicht, daß unsere Jugend religiöser wird, wenn sie Sonntags in die Synagoge aus ein Stündchen geht und dann den Rest des Tages — sonntäglich begeht? Aus dem sozialen Ruhetage wird für uns Juden niemals „ein Sabbat dem Herrn." Ich stehe keinen Augenblick an, anzuerkennen, daß ein einheitlicher religiös-wirtschaftlicher Ruhetag unendlich wertvoll wäre, aber selbst wenn der Staat unsere Sabbatruhe voll und ganz für den Sonntag zum Gesetz machen wollte, selbst wenn der Sonntag Sabbat hieße, ob er damit