Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-02-02 · Heft 5 (2.2.1906) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 5 (2.2.1906)
Date
1906-02-02
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228690-3228696--62367-3289502
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Berlin, 2. Februar 1906. Der GemeindeLote. Veilage zur „Allgemeinen Leitung de§ Judentums". Korrelpandrnzrn und Nachrichten. Deutschland. Berlin, 29. Januar. Zwei Ernennungen, die eine gewisse Bedeutung haben, fallen in diese Woche: sie werden sicher in weiten Kreisen großes Interesse erregen. Zunächst hat der Kaiser den Senator des Königreichs Italien, Professor der vergleichenden Sprachforschung Graziadio Isaia As coli in Mailand zum auswärtigen Ritter des Ordens pour le merite für Wissenschaften und Künste ernannt. Ueber die Bedeutung Ascolis als Sprachforscher brauchen wir kein Wort zu verlieren. Es ist der zlveite Jude, der Mitglied dieser Ordensklasse wird. Der erste war Meyerbeer, der im Jahre 1842 zum Ritter des Ordens pour le m6rite ernannt wurde. Wichtiger ist die zweite Ernennung: Justizrat Dr. Eugen Fuchs wurde zum Mitgliede der Justizprüfungskommission ernannt. Justizrat Eugen Fuchs ist einer der angesehensten und gesuchtesten Rechtsanwälte am Kammergericht und gehört auch dem Vorstande der Anwaltskammer an. Er ist auf fachwissenschaftlichem Gebiet vielfach helworgetreten, insbesondere seine Arbeiten über Grundbuchrecht sind allenthalben als meisterhaft anerkannt. Sein Kommentar zu den grundbuchrechtlichen Normen des Bürgerlichen Gesetzbuchs ist in zwei Bänden erschienen; der erste, der das materielle Recht darstellt, ist von Fuchs allein, der zweite, über das formelle Recht, von ihm in Gemeinschaft mit Dr. Hugo Arnheim verfaßt. Es ist gegenwärtig das bedeutendste Werk der grundbuchrechtlichen Literatur. 8. Berlin, 28. Januar. Das zur Feier des 200jährigen J-ubiläums der jüdischen Krankenpflege in Berlin eingesetzte Komitee hielt heute Vormittag im Saale der Repräsentantenversammlung seine erste Sitzung ab, zu der sich etwa 120 Damen und Herren eingefunden hatten. Nach Begrüßung der Erschienenen gab der Vorsitzende des Vorstandes des Jüdischen Krankenhauses, Herr Louis Sachs, einen kurzen Ueberblick über die Entwicklung der Krankenpflege in unserer Gemeinde, von ihrem Beginn in einem unbedeutenden Armenhause, das in der Gegend der Landwehr- und Gollnowstraße belegen war, dem segensreichen Wirken der „frommen Brüderschaft", welche zunächst in einem kleinen Krankenhause in der jetzt geschwundenen Schmalen Gasse, späterhin in einem würdigeren, zur Feier ihres 100jährigen Bestehens im Jahre 1803 errichteten Krankenhause *in der Oranienburgerstraße 7/8, dem sogenannten „Jüdischen Lazareth", tätig war und sich eines weithin reichenden, bedeutenden Rufes erfreute, bis zu der am 3. September 1861 festlich begangenen Einweihung unseres jetzigen jüdischen Krankenhauses. Schon seit einer Reihe von Jahren hat sich dieses Krankenhaus aus räumlichen und hygienischen Gründen als unzulänglich erwiesen, und bereitwillig haben die Gemeindebehörden nunmehr die Mittel zur Errichtung eines größeren, den Erfordernissen der Neuzeit entsprechenden Krankenhauses zur Verfügung gestellt. Die 200. Jahresfeier ist um zwei Jahre verschoben worden,, um gleichzeitig mit der voraussichtlich im Herbst d. I. stattfindenden Grundsteinlegung zum neuen Krankenhaus festlich begangen zu werden. Aufgabe desaälioe eingesetzten Komitees soll es sein, diese gemeinsame Feier würdig auszugestalten, ferner in privaten Kreisen reiche Mittel zu sammeln, um der neuen Anstalt erweiterte Einrichtungen, namentlich eine besondere Abteilung für Frauenkrankheiten nebst Entbindungsanstalt, anschließen und unterhalten zu können. Der Vorsitzende schloß mit dem herzlichen Wunsche, daß'dieser Mppell an unsere Glaubensgenossen nicht vergeblich sein möge. Nach der Konstituierung des Komiteevorstandes, der nunmehr aus dem Herrn Louis Sachs als Vorsitzenden und den Herren Moritz Manheimer, Stadtrat Kalisch, Geheimer Kommerzienrat Helfft, Geheimer Sanitätsrat Boas, James Simon bestehen wird, legte auf Grund seiner dreiunddreißigjährigen Tätigkeit als chirurgischer Leiter des Krankenhauses Herr Prof. James Israel in überzeugender Weise dar, daß das jetzige Krankenhaus weder an Qualität noch an Quantität den Anforderungen der Gegenwart und der nächsten Zukunft genügt. Er stellte statistisch fest, daß trotz des enormen Wachstums an Seelenzahl seit der Errichtung des jetzigen Krankenhauses die Vermehrung der Bettenzahl eine nur verschwindend kleine gewesen ist, daß, während die Zahl der Aufnahmen in den ersten Jahren nur 337 pro anno betrug, dieselbe bereits im Jahre 1900 die stattliche Höhe von 1745 erreichte, daß eine Vermehrung der Aufnahmen nur möglich war durch eine dauernde unhygienische Ausnützung des Hauses, durch gesetzwidrige Ausstellung überzähliger Betten und durch eine häufig sehr beschleunigte Entlassung nicht völlig geheilter Patienten. Während z. B. in Breslau 180 Betten für 20000 jüdische Einwohner zur Verfügung stehen, entfallen in unserem Krankenhause 175 Betten aus 100000 jüdische Seelen, d. h. ein Bett auf 571 Seelen, wogegen auch die städtischen Krankenhäuser nach Eröffnung des Rudolf Virchow- Krankenhauses ein Bett auf 363 Personen bereit halten können. Die Verpflichtung, ein jüdisches Krankenhaus zu unterhalten, steht außer Zweifel; eine Ehrenpflicht unserer Gemeinde muß es auch sein, den auswärtigen kranken Glaubensbrüdern, die in ihrer Gemeinde keine Hilfe finden konnten, den Weg nicht zu versperren, und schließlich erfordert die behördliche Verfügung, für die verschiedenen Kategorien der Infektionskrankheiten besondere Räume zu schaffen, eine weitere Vermehrung der Bettenzahl. Zur Erreichung der von vielen Seiten erheblich weiter gesteckten Ziele, nämlich zur Errichtung zunächst einer ghnaekologischen und geburtshilflichen Abteilung, ferner einer Augenstation und einer Abteilung für Geschlechtskrankheiten, wird es weiterer großer Mittel bedürfen. Eine erhebliche Verschärfung werden die zu stellenden Anforderungen noch erfahren müssen, wenn der Blick nur aus die nächste Zukunft gerichtet wird, da unsere jüdische Bevölkerung sich in 20 Jahren um ein Drittel vermehrt hat. Der Redner kommt zum Schluß, daß bei der Raumbemessung des neuen Krankenhauses ein Zuwachs um 75 Betten als das nächste Ziel anzustreben sein wird, womit wir noch lange nicht aus der Höhe der Leistungen stehen, die wünschenswert sind und bereits anderwärts Erfüllung gefunden haben. Hat man die Forderung einer Erweiterung und Vergrößerung der Krankenfürsorge in Berlin einmal als eine Pflicht erkannt, so wird man auch die Wege finden, dies .in die Tat umzusetzen. Ueberschreiten die Mittel das, was die Gemeindebehörden nach Sachlage der Steuerbeträge bewilligen können, so wird die private Wohltätigkeit eintreten müssen. Doch, was für die Wiederherstellung der Gesundheit und Arbeitsfähigkeit unserer Volksgenossen aufgewendet wird, das wird reichlich an der Armen-, Siechen- und Waisenpflege erspart werden. Geheimrat Senator wies besonders noch auf die Schaffung einer Station für kranke Kinder hin, an denen in nichtjüdischen Krankenhäusern häufig Proselytenmacherei getrieben wird. Er macht ferner auf den Mißstand aufmerksam, der zunächst in Preußen sich gellend macht, demnächst wohl auch in Deutschland zur Wirkung gelangen dürfte, daß nämlich jüdische Aerzte nicht mehr an staatlichen Anstalten angestellt werden. Nach seiner Ansicht muß ein Krankenhaus der ersten jüdischen Gemeinde außer der Pflege und Behandlung der Kranken die dringende Aufgabe sich stellen, eine Pflanzschule zu sein für Aerzte und jüdische Pflegerinnen, namentlich aber für Aerzte, denen alsdann die Gelegenheit genommen sein wird, sich spezialistisch auszubilden. Die bereitwillige Hilfe weiter Kreise wird deshalb ein dringendes Erfordernis sein. Herr Julius Jacoby, der Vorsitzende des Gemeindevorstandes, machte alsdann noch geltend, daß die zunächst als dringlich geforderte Schaffung der beiden Frauenanstalten einen Aufschub auf lange Zeit erfahren müsse, wenn es nicht gelingen sollte, die Mittel hierzu durch freiwillige Geschenke zu erhalten. Als vorsichtiger Finanzpolitiker unserer Gemeinde wies er nachdrücklich auf die dem Gemeindevorstand obliegende Verpflichtung hin, mit der Steuerschraube behutsam umzugehen und skizzierte dann in kurzen Zügen das Verhältnis der Gemeinde zum Jüdischen Krankenhaus,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.