Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1906)
- Date
- 1906-02-02
- Page
- Seite 60 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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60 Und viele andere sonderbare Gedanken schwirren durch den gebeugten Kopf, aber alle kreisen um einen bestimmten Punkt, eine Frage. Es handelt sich darum, wie er seinen Aeltesten, seinen Liebling David, vor allem Elend deS Lebens bewahren, wie er ihn vor der allgemeinen Verachtung retten soll, die unbarmherzig an sein Judentum, an das eine grausame Wörtchen „Jud" geknüpft wird. Freilich, denkt Moische, wenn sein Sohn Rothschild wäre, was Rothschild, wenn er nur ein einfacher Bankier oder ein reicher Kaufmann wäre, die Sache stünde ganz anders. David wäre eben David und niemand würde daran zweifeln, daß er ein Meusch sei, mit Herz, Kopf und Verstand ausgestattet, wie alle anderen. Die besten Leute würden sich um seine Bekanntschaft bemühen und sie würden ihm die Hand drücken und freundlich lächeln. Aber David, des Schneiders Moische Sohn, das ist nicht einmal David, das ist einfach Dad, ein Judenbengel und später ein Jud', über den man sich lustig niachen kann, den man sogar durchprügeln und beschimpfen darf, je nach Laune und Wohlgefallen. Oj! seufzt Moische, ein großes Schiff braucht ein großes Meer, dazu ist's eben ein großes Schiff, und ein kleiner Kahn gehört in einen kleinen Fluß, das ist nun einmal so. Moische seufzt wieder, aber die sonderbaren Gedanken schwirren noch immer durch seinen Kopf! Warum soll David nicht werden ein großes Schiff und schwimmen in einem großen Meer? Hat er keinen Reichtum, flüstert eine beharrliche, aufdringliche Stimme, so mach sein Herz groß, entwickle seinen Verstand, seine Kraft . . . Der Mensch erblühe in ihm in seiner ganzen Schöne und er wird sein den Menschen ein Wohlgefallen, und sie werden sich in ihm freuen ... Ein Gelehrter wird er sein oder ein Doktor . . . und er soll nie wissen, was der Vater und Großvater gelitten haben wegen der Nadel! Die kleine Lampe brennt düster, in der Ofenröhre pfeift der Wind, leise klagt und wimmert der stramm angezogene Faden, und der Schneider grübelt noch immer über seine Arbeit gebückt, und er hört die gleiche Antwort im Wimmern des Fadens und im Heulen des Windes. Moische denkt und denkt, und es waren höchst ketzerische Gedanken in einem dumpfen, engen Städtchen, zu einer Zeih wo nur vereinzelte Juden, reiche Leute, die fast nichts mehr mit ihren Stammesangehörigen gemein hatten, ihre Kinder in christliche Schulen schickten. Er überlegte und grübelte und faßte einen Entschluß. Aus dem feinsten Tuch machte er eine Vizeuniform zurecht, schlug sie säuberlich in ein Tuch und ging nun mit einem tiefen Bückling zu dem Herrn Gymnastaldirektor. „Euer Gnaden," begann er stotternd, „ich Hab immer für Sie genäht und ich nähe für die Kinder von Euer Gnaden, tun Euer Gnaden mir jetzt eine Gnade." „Was für eine Gnade?" frägt der alte Direktor freundlich und wirft einen liebkosenden Blick auf die neue Uniform. Moische räuspert sich und hustet, faßt endlich Mut und spricht es aus: „Ich will meinen Sohn lernen lassen . . . Soll er ein Mensch werden. Euer Gnaden? i Warum soll er kennen mein Elend, warum soll er werden ein unwissender Mensch wie ich? — Nehmen Sie ihn auf. Euer ,Gnaden!.-.." Der alte Direktor schweigt und denkt nach, dann holt er seine Tabaksdose hervor und nimmt eine Prise, ja er reicht sie sogar dem demütigen, staunenden Moische. s' f ^„Du bist ein kluger Mensch, Moische", sagt er, „und Du hast Dir etwas Klnges ausgedacht! . . . Wissen ist Licht, Nichtwissen ist Dunkelheit... Dein David kann zur Schule kommen, laß ihn lernen." So wurde David Schüler und später Student. Allerdings, der alte Moische nähte manche Nadel stumpf und vernähte manchen überflüssigen Faden, aber sein Sohn lernte gut, und er half sogar der Familie trotz des Lernens. Schon in der Schule begann er, von der vierten Klaffe an, selbst für seinen Unterhalt zu sorgen und auf der Universität gelang es ihm sogar, jeden Monat eine kleine Summe von seinem elenden Stundengeld abzuzwicken und nach Hause zu schicken. Das hätte ihn keiner von uns nachgemacht. Für die junge Judenschast seiner engen Heimatstadt wurde der Student Gurweiß das glänzende Vorbild, um das ihre geheimen Sympathien, ihre Hoffnungen und-wirren Vorstellungen von Licht und Befreiung kreisten. Er brachte ihnen neue Begriffe, er weckte das trübe, seit Jahrhunderten schlafende Denken und zeigte den Ausweg aus dem engen, geschlossenen Kreis. Und alles, was früher einmal mit ihm auf der Straße gespielt und sich mit ihm im Staub gewälzt hatte, was mit ihm in Winkeln und Gossen geschrien und gepoltert hatte, mit jenem durchdringend hellen Geschrei, das jüdischen Kindern eigen ist, erwartete jetzt von ihm Rat und Hilfe und Beispiel, denn es war die Zeit in Rußland, wo das Wort. „Student" nicht nur für den alten Moische etwas Heiliges war, der Student war damals die Vorstellung von etwas Reinem, unendlich Hohem. Den einen brachte Gurweiß Bücher und sagte ihnen, wie und was sie lesen sollten, den anderen verschaffte er die Möglichkeit, Schulen zu besuchen, indem er dje Eltern dazu brachte, mit dem alten Vorurteil gegen die andersgläubigen Schulen zu brechen. Er wechselte Briefe mit denen, die eine moralische Stütze brauchten, — er half einfach wo und wie er konnte. Das dumpfe Städtchen begann sich plötzlich zu regen, die Jugend zog in die Schulen, in höhere Lehranstalten, sogar ins Ausland ging sie unter dem Grollen der Alten, und David Gurweiß's Name wurde fast populär.. Der alte Moische war selig. Die Jungen sprachen den Namen stolz aus, mit jenem hellen Lächeln, das nur der Glaube ans Leben und die eigene Kraft gibt. Die Alten nannten ihn mit schlecht verhehlter Angst um gestürzte Götter und zerrissene Traditionen, das Erbstück einer schläfrigen, matten Vergangenheit. (Fortsetzung folgt.) Sxrechsaal. Voreheliche Redaktion! s dürfte Ihren Leserkreis interessieren, daß Professor Peabody von der Harvard University, der dem zwischen Deutschland und Amerika angebahnten Prosessoren-Austausch gemäß an der Berliner Universität über „Soziale Ethik in den ^'Vereinigten Staaten" liest> sich wiederholt im Laufes seiner^fesselnden Vorträge dahin geäußert/chat, die Wohltätigkeitspflege der/jüdischen/Gemeinden in Nordamerikas.werde, sowohl was Organisation als /,was Ausübung der Fürsorge betreffe, von der keiner anderen Religionsgesellschaft beziehungsweise Korporation in den Vereinigten Staaten übertroffen. Ich erwähne, daß Professor Peabody auch evangelischer Theologe ist und kürzlich in der hiesigen amerikanischen/Kirche gepredigt.hat. Hochachtungsvoll Berlin, 26. Januar 1906. S. S. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. DeranIworNich für die lledaktion: Max Bauchwitz in Berlin.