Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1906)
- Date
- 1906-02-02
- Page
- Seite 59 (sequence 11)
- Language
- German
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Wahrlich, der Kantor ehrt sich selber, wenn er an der Stätte, an der ein Lichtensteinamtierte, dessen Melodien zum Vortrag bringt. Bei dieser Gelegenheit sei dem Vorstand der jüdischen Gemeinde öffentlicher Dank für den käuflich erworbenen musikalischen Nachlaß Lichtensteins ausgesprochen. Im Jahre 1878 verlor Lichtenstein seine treue Lebensgefährtin, und von diesem Schlage her datierte sein körperlicher Rückgang. Am 3. Februar 1880 hauchte Lichtenstein bei vollem klaren Bewußtsein, umgeben von seinen zärtlich liebenden Kindern und Enkeln, das Schema Jisroel mit kräftiger Stimme intonierend, seinen edlen Geist aus; der liederreiche Mund, der Tausende für das Gotteswort begeisterte, verstummte für immer. Die Hiobsbotschaft erweckte in der Hauptstadt des deutschen Reiches überall die größte Trauer. Die sämtlichen hier erscheinenden Tagesblätter brachten Nekrologe über den rühmlichst bekannten Oberkantor der jüdischen Gemeinde. Auch der Vorstand der Alten Synagoge gab in einem warm empfundenen Nachruf seinem Schmerze über den Verlust des hervorragenden Mannes beredten Ausdruck. Am Freitag, den 6. Februar, fand die Beerdigung des verewigten Sangmeisters unter einer Teilnahme statt, wie sie größer nicht gedacht werden kann. Die ganze Gemeinde war erschienen, um ihrem würdigen Vorbeter die letzte Ehre zu erweisen. Musikdirektor Lewandowski, der mit dem Verblichenen Leid und Freud im Leben teilte, leitete die Trauergesänge. Unter großer Rührung stimmte der Chor das Lewandowskische aum nb ’2 an. Nachdem die weihevollen Akkorde verklungen waren, hielt Herr Rabbiner Dr. Ungerleider einen tief ergreifenden Nachruf. Sodann wurde der Sarg unter den Klängen des Lewandowskischen 'VS2 '21V zu Grabe getragen. So tritt uns in diesem Gedenkblatt die Gestalt desjenigen Kantors der Berliner Gemeinde entgegen, dessen Amtsantritt eine neue Aera in' den kultuellen Verhältnissen dieser Gemeinde bedeutete. Und wenn sich später ein Geschichtsforscher dieses Stoffes bemächtigen wird, so wird er auch mit Ehrfurcht und Anerkennung den Namen nennen: Abraham Jacob Lichtenstein. Der Jude. Aus dem Russischen von Grigorij Matschtet. V. / E^urweiß war einer der Aerrnsten an der Universität, aber das hinderte ihn durchaus nicht, zu denen zu gehören, die an Wissen obenan standen. Er machte bessere Fortschritte als viele von uns, die über viel Zeit und einen gewissen Wohlstand, ja sogar eine Art Komfort, verfügten und sich eine Menge Bücher und andere Hilfsmittel kaufen konnten. Er überflügelte die meisten, trotzdem er einen großen Teil seines Tages elend bezahlte Stunden geben mußte, die ihn oft von einem Ende der Stadt zum andern hetzten und mit denen er sein ärmliches Studentenleben fristete. Das alles gelang ihm nicht nur auf Grund höherer geistiger Fähigkeiten, hier spielte auch eine von Großvater und Vater ererbte Gewohnheit mit, jene Fähigkeit zur Arbeit, die Ausdauer und das zähe Festhalten, die dem Proletarier eigen sind. Von Kindheit auf war er gewöhnt, die Arbeit zu achten, sie einfach als eine Pflicht des Menschen aufzusaffen. Ebenso nahm er jetzt sein Studium; es war ihm kein Mittel, um das Diplom und damit eine gewisse soziale Stellung zu erreichen. Auch keine Probezeit war es ihm, die von den Gesetzen der Welt auferlegt wird, und die man mehr oder weniger stöhnend durchmacht, wie es viele Muttersöhnchen taten; für ihn war das Studium einfach eine Pflicht und die Wissenschaft eine Art Kultus. „Das Hab' ich im Blut", sagte er uns oft. wenn wir über seine Ausdauer staunten oder die Zähigkeit bewunderten, mit der dieser schwächliche, schlecht genährte, abgerackerte Organismus an der geistigen Arbeit festhielt. „Das Hab' ich im Blut", sagte er, „unser ganzer jüdischer Stamm ist proletarisch. . . Der Urgroßvater, der Großvater, der Vater, sie alle hockten unermüdlich mit gebeugtem Rücken am Schueidertisch und zogen eine Generation nach der andern mit der Nadel auf. Diese Nadel hat mich zu dem gemacht, was ich bin. — Und ich würde sie in mein Wappen noch aufnehmen, wenn ich eins hätte." Die Nadel in Ehren, aber ich glaube, daß auch der Mensch, der sie jahraus, jahrein in seinen Fingern hielt, der Menschheit zu Nutz und Frommen, ich glaube, daß auch dieser Mensch seinen Wert hat. Sein Vater, sein Großvater und sein Urgroßvater waren nie ins Feld gezogen und hatten nie Gefangene gemacht. Wenn sein Vater irgend jemand unterjocht hatte, so war es vielleicht seine lärmende Kinderschar gewesen, wenn sie mit Nadeln und Faden allzu willkürlich umsprang, statt ruhig zu sitzen und ins Buch zu schauen, wie der väterliche Befehl lautete. Besondere Heldentaten hatte er in seinem Leben nie aufznweisen gehabt. Der alte Moische arbeitete, wie weiland sein Großvater und sein Vater, mit seiner Nadel für das ganze Städtchen, von dem Polizisten angefangen, der die Langeweile der schläfrigen, engen Provinzstadt manchmal mit einem kleinen Ansall auf ein paar jüdische Peies zu vertreiben suchte (es war noch die gute alte Zeit) bis zu den jungen Elegants hinauf, die in engen Beinkleidern und weißen Lederhandschuhen durch die Straßen stolzierten und allen Mädchen zusangen: „Du weißt nicht, wie mein Herz erglüht!" Was die Löwen unserer Gesellschaft ohne den alten Moische mit seinen „Pariser Moden aus Berlin" angefangen hätten, wie die Damen und jungen Mädchen die Kavaliere ohne ihn gefesselt hätten, wirklich, ich weiß es nicht, aber ich glaube, daß seine Nadel mehr als ein Herz gefesselt und mehr als eine Ehe gestiftet hat. Denn die Nadel arbeitete viel, sehr viel. Sie trug nicht viel und schützte die Familie des Schneiders nur notdürftig vor Hunger und Kälte, denn Moische klagte als echter Jude niemals über unnütze Münder und flehte den Himmel um immer neuen und neuen Kindersegen an. Die Kinderschar wuchs von Jahr zu Jahr und Moische freute sich und arbeitete immer eifriger, immer leidenschaftlicher mit seiner geliebten Nadel. Aber wenn die Nadel schlecht vor dem Elend schützte, so gab sie dem Kopf Muße genug, und diese Muße bringt bekanntermaßen den Menschen oft auf sonderbare Gedanken. Und Moische sitzt manchmal noch nach Mitternacht, wenn die ganze Familie schnarcht, gebückt auf seinem Schemel vor dem Tisch. Die Hände legen emsig die Falten des neuen Ueberwurfs für die Frau Intendantin, und sonderbare Gedanken ziehen durch den Kopf und verscheuchen den Schlaf und helfen sogar auf diese Weise bei der Arbeit. Das Lämpchen bxennt dunkel und die Nadel bewegt sich rasch, fast mechanisch in der arbeitsgewohnten Hand; leise und kläglich knirscht der Faden, und Moische denkt, daß es gut wäre, wenn die Menschen einander mehr lieben würden, und daß es besser wäre, wenn man nur nach dem Menschen und nicht nach seiner Abstammung und seinen Verhältnissen fragen wollte.