Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1906)
- Date
- 1906-02-02
- Page
- Seite 58 (sequence 10)
- Language
- German
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58 trat Lichtenstein als zweiter Kantor seine Stelle an und fungierte abwechselnd mit Ascher Lion. Letzterer konnte sich nicht lange neben Lichtenstein behaupten, er wurde bald pensioniert und Lichtenstein avancierte zum ersten Kantor. Mit den amtlichen Funktionen Lichtensteins kam frisches, neues Leben in die kulturellen Verhältnisse der jüdischen Gemeinde zu Berlin. Seine imposante, nach Höhe und Tiefe gleich umfangreiche Stimme, seine korrekte Intonation, die kernigen Akzente in seinen Rezitativen, die scharfe und zugleich sangliche Aussprache der Worte, namentlich aber auch der «nächtige Ausdruck in seinem Gesänge, der sowohl durch seine wahrhaft fromme Empfindung als auch durch die Lebhaftigkeit und Wärme seines Temperamentes erzeugt wurde, waren Anziehungsmittel, welche die Synagoge allsabbätlich mit andächtigen Zuhörern füllten, und sogar Andersgläubige nach der Heidereuter-Shnagoge lockten. Selbst die Direktoren der Singakademie, Grell und Rungenhagen, zählten oft zu den Zuhörern Lichtensteins. Die beiden Männer Lichtenstein und Lewandowski') beherrschten den musikalischen Teil des Gottesdienstes und ergänzten sich gegenseitig in ihrer Begabrmg und ihren Leistungen. Lewandowski, ein durch und durch gebildeter Musiker, stellte seine schöpferische Kraft in den Dienst des damals noch spärlich bebauten Synagogengesanges und komponierte sowohl Chorgesänge als auch Rezitativs für den Kantor, und zwar gab er in' den letzteren teils eigene Einpfindungen, teils schrieb er dasjenige nieder, was er aus dem Munde Lichtensteins hörte. Die älteren Mitglieder unserer Gemeinde werden sich der Glanzpunkte des Lichtensteinschen Gesanges erinnern, so vor allem des nistpl an den Freitagabenden, das er teils genau nach Lewandowskis Komposition, teils improvisiert und jedesmal mit außerordentlicher Wirkung vortrug; besonders aber seiner Gesänge am heiligsten Tage des Jahres, ain Jom Kippur, des Kol Nidre, der Hauptstücke des Mussaph und der Neilah. Bei dieser Gelegenheit sei eine Aeutzerung Sulzers über Lichtenstein wiedergegeben. Lichtenstein reiste nach Wien, um die Bekanntschaft des großen Reformators auf synagogal-gesanglichem Gebiete zu machen. Nachdem er Sulzer einiges aus der Liturgie vorzetragen hatte, umarmte dieser seinen Gast und sprach die Worte: „Sie, lieber Kollege, hat Gott fingen gelehrt." Fast vie< Dezennien verwaltete Lichtenstein das Borbeteramt! zur simmerl erneuten Freude der^ Gemeindemitglieder. Eines Tages wurde ihm die Ehre zuteil, zu einer Hoffestlichkeit unter KönigsFriedrich Wilhelm .IV. geladen zu "werden, auf welchem FesteIch eine kleine interessante Szene abspielte. Neben Kantor Lichtenstein war auch Rabbiner Oettinger eingeladen. Die beiden Kultusbeamten konnten, um nicht gegen die Gesetze des Rituals zu verstoßen, nur Obst essen. Als sie über die Weintrauben den üblichen Segenspruch sagten, bedeckten sie sich mit dem Sarnmetkäppchen. Der König befragte den Ebenfalls anwesenden Alexander von Humboldt über das eigentümliche Gebühren der beiden Männer, der jedoch ebensowenig Auskunft geben konnte und «nit der Absicht, von diesen selbst die Ursache ihres Benehmens zu hören, auf sie zuschritt. Die beiden Frvlnmen konnten sich jedoch in ihren Gebeten nicht unterbrechen und es entstand eine kleine, erwartungsvolle Pause. Nach Beendigung des Gebets gab Lichtenstein dem König die gewünschte Auskunft. Lichtenstein war ein streng orthodoxer Jude, aber ein sehr humaner Mann und aush Eine ausführliche Biographie Lewandowskh's siehe in meiner Schrift „Äer synagogale Gesang", Berlin, C. Boas Nachfolger. gezeichnet durch einen seltenen Wohltätigkeitssinn. Er war auch ein liebevoller Gatte und zärtlicher Vater. Sein Haus war Künstlern aller Konfessionen" stets ein gastfreundliches, und wurde in demselben so mancher „Künstlerabend" abgehalten, der ungewöhnliches musikalisches Interesse bot. In fein Haus kamen unter anderen die damals noch nn Knabenalter stehenden Herren William Wolf und Fabian Rehfeld, die gegenwärtig bei unserer Gemeinde in rühmlicher Weise als Chordirigenten amtieren. Beide waren nämlich Mitglieder des Chors. William Wolf war neben Lichtensteins zweitem Sohne Max Sopranist, Rehfeld Altist. Im Jahre 1859 feierte das Lichtensteinsche Ehepaar unter großer Teilnahme der Gemeinde das Fest der Silberhochzeit. 1876 konnte Lichtensteiu in voller Rüstigkeit seinen 70. Geburtstag begehen, und 1877 blickte er auf eine 50 jährige Amtstätigkeit zurück. Anläßlich dieses Jubiläums schrieb Lewandowski an Lichtenstein folgenden Brief: Berlin, den 18. Oktober 1877. Herrn Obervorsänger A. I. Lichtenstein Wohlgeb. Verehrter Freund! Eine freundliche Mitteilung brachte mir die^Gewißheit, daß Sie Heute vor fünfzig Jahren zu in ersten Male als wohlbestallter Vvrbeter und Vorsänger, an den heiligen getreten find. Ein halbes Säkulum! Wenn Sie diese Vergangenheit in der Erinnerung durchlaufen, welch eine Kette glücklicher und — wovon wohl kein Sterblicher verschont bleibt — auch trüber Ereignisse müffen heute vor Ihre Seele treten. Als hilfloses Kind in die Welt Hinausgetrieben, hat Ihnen Gott durch die wunderbare Gabe des Gesanges ein Mittel verliehen, welches Sie vor bitterer Not nicht nur geschützt hat, nein, das Sie in eine Stellung und Wirksamkeit geführt, die nur Wenigen beschieden ist. Sie sind seit 33 Jahren Obervorsänger, in der größten und gebildetsten Gemeinde Deutschlands, in welcher Sie, nach jüdischer Auffassung, als *VD5£ frStP alle Gebete der Gemeinde zu dem Einigen Gott vermitteln und empor senden. lieber Ihre Begabung und Leistung habe ich wohl nicht nötig zu sprechen; beide sind von je erkannt und bis ans den heutigen Tag anerkannt worden. Daß leider die »Naterielle Ausbeute in keine«« Verhältnis zu Ihren Leistungen steht,, das, verehrter Freund, teilen Sie mit allen denen, die der Wissenschaft und der Kunst in treuer ui«d reiner Hingabe ihr ganzes Leben gervidinet haben. Sie dürfen sich deshalb wohl beruhigen, und wenn es eine Genugtuung für manche Unbill gibt, so ist sie in den Worten: -porr waTr “p&m un?r njn -rv beseligend und beruhigend in «nenschenwürdigster Weise ausgedrückt. Was ich Ihnen in alter Treue, als Ausdruck meiner Teilnahme, entgegenbringe,ist in der Notenbeilage ausgesprochen. Dieses Gebet ist der Inbegriff all meiner Wünsche. Möge es Gott erhören und sie erfüllen zum Heile der Gemeinde, der Familie, und zu«n Trost für diejenigen, die bei eintretender Verlegenheit und Not sich «nit Zuversicht an Sie wenden. Ihr Lewandowski. Schon 1870 gesellte sich den« Führer unter den deutschen Kantoren Arnold Marksohn aus der hiesigen Gemeinde „Schocbare hattow" zu. Kantor Marksohn s. A. war eine musikalisch tief beanlagte Natur. Durch seine große Stimme, reiche Phantasie und edle Gesangsweise gewann er die Herzen der Beter. Lichtenstcin und Marksohn pflegten kollegiale Geselligkeit, und spielten oft zusammen Violinduette. So oft Marksohn am Sabbat vorbetete, erfreute er die Gemeinde mit den populär gewordenen Lichtensteinschen Melodien.