Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1906)
- Date
- 1906-02-02
- Page
- Seite 57 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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-57 ihrer Väter treu zu bleiben und festzuhalten an ihren edlen und würdigen Vorsätzen. Dieses beredte Manifest Pulidos an die Judenheit des Orients erweckte überall, wohin seine begeisternden Worte trafen, freudige Zustimmung, und wie ein belebender Hauch zog es Über die Stätten des fernen Ostens, wo die Nachkommen der vor vier Jahrhunderten aus spanischen Landen vertriebenen Juden eine dem Ur-Mutterlande fast ungekannte Existenz fristeten und doch tausende jüdische Herzen warm und freudig Spanien entgegenschlugen. Ehe wir uns weiter mit Dr. Pulido und seiner Kampagne beschäftigen, wird es nun nötig sein, einen Blick auf seine Schützlinge selbst, die spanischen Juden, zu werfen. Abraham Jakob Ljchtenltrm. Lum lflfl. Geburtstage. Von Hauptkantor A. Friedmann-Berlin. II. ichtensteins Probevortrag fiel überaus glänzend aus. Seine hervorragenden Stimmittel wirkten sensationell, und wenn man dazu die Neuheit der Erscheinung bedenkt, so läßt sich begreifen, daß er Eindrücke überschwenglicher Art hervorrief. Um dem Leser die letzteren zu vergegenwärtigen, lasse ich hier Stellen eines Briefes, den Lewandowski an den Schwiegervater Lichtensteins schrieb, folgen : „Herrn Reichardt, Wohlgeboren, Stettin. Außerordentliche Freude gewährt es mir. Ihnen mitteilen zu können, daß Ihr Schwiegersohn, Herr A. I. Lichtenstein, mit dem größten Beifall der Welt hier am vergangenen Sonnabend vorgebetet hat. Die hiesige Gemeinde war sehr gespannt, den weltberühmten Mann, dessen Name in eines jeden Mund wohltönend widerhallte, in seiner ganzen Größe kennen zu lernen. Mit jedem Ton, den Herr Lichtenstein sang, steigerte sich das Entzücken des Publikums und bis nach ‘natPT getrauten sich die Leute kaum zu atmen. Am andern Morgen war der Beifall grenzenlos. Der Vortrag wirkte tief in die Herzen der Leute und der buTiW entlockte Tränen und ergriff sie alle mächtig. Man könnte sehr viel noch hierüber sagen. Es herrscht hier nur eine Meinung und eine Stimme, nämlich die, daß Herr L. die besten Eigenschaften der drei größten Berliner Theatersänger in sich vereinige. Organ und Deutlichkeit von Bader, Zartheit im Gesang und Vortrag von Mantius, und Kraft und Fülle von Zschische. Das hiesige Kantorat wird ihm ohne Zweifel zuteil, und freue ich mich, Ihnen und Ihrer Familie hierzu gratulieren zu können. Nochmals meine herzlichste Gratulation. Ihr ergebenster Louis Lewandowski." Trotz dieses enormen Beifalls verzögerte sich die Anstellung Lichtensteins längere Zeit. Wie jede hervorragende Erscheinung neben Beifall und Anerkennung auch Neid und Mißgunst erweckt, so geschah es auch hier. Einige maßgebende Persönlichkeiten veranlaßten den Vorstand, wenn nicht zur Aufgabe seines Planes, doch zu längerem Bedenken. Um diesem Zustande ein Ende zu bereiten, schrieb ein angesehenes Mitglied der Gemeinde, Herr Lipmann Wulf, folgenden Brief an Lichtenstein: „Wie ich gehört, geben sich die Synagogen-Vorsteher soviel wie möglich Mühe, beim Vorstand Ihre Sache zu betreiben, und es ist wohl nötig, daß Sie 1. ein Attest Ihrer musikalischen Kenntniffe von einem sehr achtbaren, anerkannten Meister,. 2. ein Attest von einem achtbaren Rabbiner, daß Sie so viele hebräische Kenntnisse besitzen, wie ein Chasan in einer großen Gemeinde nötig hat, einsenden. Säumen Sie nicht, die genannten Atteste so schnell wie möglich dem Vorstande einzureichen. Ihr Lipmann Wulf. Bezüglich eines musikalischen Zeugnisses wandte sich Lichtenstein an Dr. Karl Löwe, den bekannten Lieder- und Balladenkomponisten, dem er einige liturgische Gesänge vortrug. Der Gesang Lichtensteins wirkte geradezu begeisternd auf den Kornponisten. Löwes Tochter schildert in der Zeitschrift „Hallelujah" unter dem Titel „Kantor Lichtenstein und Löwes Oratorium „Das hohe Lied", den Besuch bei ihrem Vater ausführlich und erzählt darin: „Gleich anfangs hatte Papa den Vortragenden einigemal erstaunt angesehen, bis er ebenso wie die andern Zuhörer sich in tiefe Gedanken verlor. Als der Gesang verklungen war. erhob er sich und ging, immer noch schweigend, an dem Sänger vorüber an sein Schreibpult. Bald aber wandte er sich nach dem Sänger um, und ihm einen versiegelten Brief überreichend, sagte er: „Nehmen' Sie dies lieber Lichtenstein. Geben Sie es in Berlin ab und ich will von Herzen wünschen, daß Sie die gute Stelle der dortigen Synagoge erhalten, denn ich wüßte nicht, wie ein Mitbewerber Sie übertreffen könnte. Ihr Gesang hat mich außerordentlich überrascht und einen Entschluß in mir zur Reife gebracht, den ich wohl lange Zeit gehegt, aber mir bis heute immer noch nicht ganz klar gemacht habe. Während Ihres Vortrages trat die ganze Herrlichkeit des „Hohen Liedes" vor meine Seele, dieses Gedichtes, von Gott selbst gemacht, wie Goethe sagt. Der Text liegt bereit da, trotzdem schob ich seine Komposition hinaus. Nun aber hat sich alles in mir gestaltet. Wenn wir beide es erleben, so sollen Sie bald von dem Oratorium hören. Reisen Sie glücklich! Tief bewegt von seinem Gefühl der Dankbarkeit empfahl sich Herr Lichtenstein und noch längere Zeit drehte sich unsere Unterhaltung um seine Gesangsweise, wie sie an Glanz und Reichtum des Geistes uns.fast noch nie vorgekommen war." — Der Brief, den Löwe Kantor Lichtenstein für den Berliner Vorstand einhändigte, hatte folgenden Wortlaut: „Der Kantor an der hiesigen israelitischen Gemeinde, Herr I. A. Lichtenstein, ist mir als ein sehr geschickter Mann im Gebiete der Musik vielfach bekannt geworden. Derselbe hat als erster Violinist seit einer Reihe von Jahren in dem Orchester des hiesigen Instrumental- Vereins, wie auch in den großen Konzerten fleißig und mit Sachkenntnis mitgewirkt. Er besitzt eine vorzüglich schöne Stimme, eine seltene Koloratur und schlägt einen herrlichen reinen Triller. Dabei kommt ihm für eine gelungene Ausführung seiner Gesänge ein wohlanständiges Aeußere sehr zu Hilfe, so daß man mit wahrer Freude seinen Kunstleistungen zuhört. Auch hat derselbe ganz hübsch für seine Zwecke komponiert. Dieses Zeugnis stelle ich auf Verlangen des Herrn Lichtenstein hiermit gern ai!9r und spreche nur mein Bedauern aus, daß wir diesen gescheiten Mann möglicherweise entbehren sollen. Stettin, den 22. Dezember 1844. Dr. Loewe, Musikdirektor, ordentliches Mitglied der^Königl. Akademie der Künste in Berlin, Ritter des r. A. O." Diesen Brief Karl Loewes, ebenso! ein Zeugnis über erlangte hebräische Kenntniffe, reichte Lichtenstein dem Vorstand der jüdischen Gemeinde zu Berlin ein und seine definitive Anstellung wurde beschlossen. Ostern 1845