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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-02-02 · Heft 5 (2.2.1906) · p. Seite 56

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 5 (2.2.1906)
Date
1906-02-02
Page
Seite 56 (sequence 8)
Language
German
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66 entgegengebracht wurde, in der öffentlichenMeinung Spaniens begreifliches Aufsehen. Und Dr. Pulido ging in den ersten 'Monaten des Jahres 1904 noch einen bedeutenden Schritt weiter. Er veröffentlichte ein kleines Merkchen über die bereits aktuell gewordene Angelegenheit der spanischen Juden, welches im Frühling 1904 unter dem Titel: „Los Israelitas Espaö o les" im Buchhandel erschien. Man muß sich der Geschichte Spaniens wohl erinnern, um diese Tat Pulidos, mit einem Buche über die Juden an die breite Oeffentlichkeit zu treten, in ihrer ganzen Bedeutung bemeffen zu können. Man ist nirgends vielleicht weniger schreib- und redefaul, als in Spanien. Und Pulido mußte sich sagen, daß er mit der Publikation einer so warm gehaltenen Verteidigungsschrift der Juden einen sehr gewagten Schritt unternehme. Er mußte erwarten, daß Dutzende spitziger Federn sich in Schmähschriften gegen den Protektor der jüdischen Rasse ergehen würden, daß man ihn in Presse und Parlament hämisch angreifen und gar in den Kot ziehen könnte. Aber nichts von alledem geschah. Das Merkchen wurde in allen Kreisen Spaniens überaus wohlwollend ausgenommen, und sein Erscheinen bedeutet in der Geschichte der spanischen Juden einen bemerkenswerten Moment, der gar nicht genug gewürdigt werden kann. Man verzeihe uns, wenn wir hier scheinbar mit ein paar Gemeinsätzen diesen so enorm wichtigen Part der Spanisch-Jüdischen Frage abzufertigen im Verdachte .stehen, wir behalten uns. jedoch vor, in einem besonderen Artikel dieser Serie auf das hochbedeutsame Kapitel, die Aufnahme der Pulido'schen Kampagne in Spanien selbst, eingehend zurückzukommen. Hier möge uns gestattet sein, nur möglichst sachlich die Fakta zu referieren. Was Dr. Pulido mit der Herausgabe seines eben zitierten Merkchens bezweckt resp. bezweckt hat, das sagt er selbst in der Widmung, die in der Uebersetzung lautet: „Dem Minister des Aeußeren!" „Der Kgl. Akademie der Sprache!" „Den Handeskammern Spaniens!" Und „Der Vereinigung der Schriftsteller Spaniens!" „In den folgenden Seiten ist ein Problem von nationalem Jntereffe skizziert. Möge dessen Auseinandersetzung dazu dienen, daß die erwähnten Institutionen das patriotische Werk unternehmen, eine spanische Bevölkerung zu erobern, die über der Erde zerstreut lebt, und damit beizutragen zum Wachsen und Gedeihen unserer sprachlichen, literarischen und kommerziellen Interessen! Angel Pulido." Ich sah das intereffante Werk — und auch das ist ein charakteristisches Zeichen — im Schaufenster des bekannten Buchhändlers Fernando Fe in der San Jeronimo- Straße liegen, und es erregte natürlich mit feinem bedeutsamen Titel meine Aufmerksamkeit, als ich einmal dort vorüberging. Es mußte damals schon eine große Auflage verkauft worden sein, denn der Buchhändler erzählte mir, es seien nur noch wenige Exemplare zu haben. Es wird unnötig sein, zu konstatieren, mit welcher Ungeduld ich meinen für drei Pesetas erstandenen Schatz heimwärts trug. Den Eindruck, den die Lektüre dieses brillant geschriebenen Werkchens auf einen Juden machen nruß, ist unbeschreiblich. Es ist geradezu bewundernswert, mit welcher Wärme dieser katholische, spanische Senator für die verfolgte, überall geschmähte, jüdische Rasse eintritt. Welche Fülle von edler Menschenliebe, wahrhaft klassischer Toleranz und doch wieder stolz-patriotischem Geiste bergen die einfachen Worte, in die Pulido seine erhabenen Ideen kleidet! Und wie das Werk ist, so auch der Mann, der es schuf. Als ich später Gelegenheit fand, diesen würdigen spanischen Gelehrten persönlich kennen zu lernen, erfüllte mich die ruhige, sachliche Art Pulidos, seine hohen Gedanken und Pläne zu entwickeln, förmlich mit einem Gefühle rein ster Ehrfurcht, die ich auch heute noch für den hervorragenden Gelehrten empfinden muß, nachdem er mir längst ein hochgeschätzter Freund geworden ist. Wie schlicht und frei von jeder selbstischen Ueberhebung oder weitschweifigen Uebertreibung spricht der edle Senator stets von der Entwicklung und RealisterungderSpanisch-JüdischenFrage,deren intellektuellen Urheber er stolz sich nennen darf! Inwieweit die spanischen Juden ihn zu ihren größten Wohltätern zu rechnen haben, wird die Zukunft lehren; die Publikation des zitierten Werkes, das Eintreten Pulidos für^ die Juden in Preffe und Senat genügt aber schon allein, um zeitlebens den aufrichtigsten Dank der gesamten Judenheit verdient zu haben, und ihm einen Ehrenplatz unter den großen Männern in der Geschichte des Judentums zu sichern. Das Buch Pulidos blieb, seiner weiteren Bestimmung gemäß, nicht auf Spanien beschränkt. Schon bald nach seinem Erscheinen, im Frühjahr 1903, gingen die ersten Exemplare über die. Grenze des Landes und trugen frohe Botschaft nach den Stätten des Orients, wo eine starke jüdische Bevölkerung spanischen Blutes lebte, und also auch nach Marokko, u - Es war sicherlich eine glückliche Idee Pulidos, seinem Lande die jüdische Materie mundgerechter zu machen, indem er sie mit nationalen Interessen verquickte. Diese Interessen sprachlicher und kommerzieller Natur sind es auch, welche itt den ersten Schriften des Senators eine scheinbar dominierende Stellung einnehmen, in Wirklichkeit aber nur den positiven Untergrund zu den judenfreundlichen Plänen des Verfassers hergeben sollen. Die Madrider Blätter, in denen Pulido weiterhin seine Ideen entwickelte und die dann selbst auch zur Affäre Stellung nahmen, waren besonders der republikanische „El Liberal“, die ministerielle „Espaöa“, der liberale (und heute ministerielle) „Diario Universal“, der republikanische „El Pais“ und die freikonservative „Correspondentia de Espagna“. Die Zitierung nur dieser Hauptblätter soll natürlich nicht bedeuten, daß nicht auch andere große Zeitungen, wie z. B. der „lmparcial“ und der „Heraldo“, ihre Spalten diesem Sujet geöffnet hätten. Eine wertvolle Bereicherung des ersten Pulidoffchen Werkes bildet auch die Wiedergabe einer umfangreichen Korrespondenz zwischen dem Verfaffer und anderen hervorragenden judenfreundlichen Spaniern einerseits, wie. auch Vertretern des Judentums andererseits. Diesen wahrhaft internationalen Briefwechsel hat Pulido geschickter Weise zur Unterlage der von ihm ausgestellten Statistik über die heute existierenden spanischen Juden benutzt, während die Schreiben selbst uns interessanten Aufschluß über spanisch-jüdische Verhältnisse des Orients und Marokkos darbieten. Pulido tritt somit in seiner Kampagne nicht nur als Politiker, sondern auch als geschichtlicher Forscher auf, und das Judentum verdankt ihm historisch wertvolle Daten, die er mit einem außerordentlichen Fleiß und wahrer Hingabe gesammelt hat. Dieses Feuer der Begeisterung für die Sache der Juden hat den verdienten Senator auch inspiriert, selbst und persönlich sich den Vertretern der von ihm verteidigten Rasse zu nähern, und so richtete er schon im Februar 1904 eine Botschaft an die Vereinigung „Esperanza" in Wien, die sich aus spanisch-jüdischen Jung-Akademikern 'zusammensetzt und die Pflege der spanischen Sprache auf ihre Fahne geschrieben hat. In beredten Worten fordert der Senator die jüdische studierende Jugend auf, der Sprache und den Traditionen

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