Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1906)
- Date
- 1906-02-02
- Page
- Seite 55 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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ÄL ftoßetten von 1492 zu beschäftigen, da waren sie schon im WirbÄ der schnell sich folgenden Ereignisse vergessen. Nur ab und zu drang seltsame Kunde von ihnen nach der pyvenäischen Halbinselwenn heimkehrende spanische Reisende von jüdischen Bewohnern des fernen Ostens erzählten, die ein sonderbar altmodisch klingendes Spanisch redeten, und lebhaftes Interesse an ihrer, der Spanier, Unterhaltung gezeigt hätten. Auch der distinguierte Reisende, der im August 1903 mit seiner Familie an Deck eines serbischen Dampfers auf den Wellen des Schwarzen Meeres nach der türkischen Metropole hinüberfuhr, machte jene seltsame Entdeckung spanisch sprechender Bewohner des fernen Orients. Es war Don Angel Pulido aus Madrid, Doktor der Medizin, Ex-Chef des spanischen Sanitätswesens und Senator der Universität Salamanca, der an Bord des kleinen Dampfers auf einen älteren, würdigen Herrn aufmerksam wurde, der tröstend und liebevoll seiner in Trauer gekleideten Frau zusprach; und die Worte, welche die beiden wechselten, waren zum Erstaunen des Gelehrten spanische, heimische Laute und doch so sonderbar anmutend.. Wachsende Neugierde und Anteilnahme drängten die madrilenische Familie, fich dem sympathisch scheinenden Ehepaar zu nähern, und bald entwickelte sich zwischen den beiden Gruppen eine lebhafte, anregende Konversation. -An Deck des kleineil Dampfers hatte fich ein historischer Moment ereignet, der, so unbedeutend er damals erscheinen mochte, weittragende Folgen haben sollte. Don Angel Pulido, der spanische Senator und Gelehrte, reichte dem spanischen Juden Don Enrique Bejarano, dem Weisen des Orients, in aufkeimender Freundschaft die Hand. Es war eine Begegnuilg zweier Männer, vom Zufall gefügt, die in dem lebhaften impulsiven Geiste des spanischen Senators weitschauende Pläne und Gedanken erregte, im Herzen aber des andern, des jüdischen Gelehrten, die freudige Ahnung der Erfüllung längst gehegter Hoffnungen und Wünsche erstehen ließ. Als Pulido sich dann von Bejarano trennte, hatte der Vorsatz in feinem Geiste schon festere Form angenommen, sich mit den Kindeskindern jener ehemaligen spanischen Untertanen näher zu beschäftigen, und die Entdeckung, die er im Orient durch Zufall gemacht, einmal in seinem Vaterlande angekommen, auch praktisch zu verwerten. In den ersten Tagen des Oktober 1903 traf Dr. Pulido wieder in. Madrid ein, und schon am 13. November desselben Jahres sehen wir ihn die ihm bereits lieb gewordene Materie auf die Tribüne des spanischen Senats tragen. Es war eine Interpellation, die Dr. Pulido am Nachmittag des 13. November an den damaligen Minister der auswärtigen Angelegenheiten, Graf von San Bernardo, richtete. Der interpellierende Senator machte dem hohen Hause Mitteilung von ' den Eindrücken, die er im Orient während seiner Reisen empfangen habe, von den tausenden Juden, die dort lebten und die noch heute, nach mehr als vier Jahrhunderten, die Sprache lind Gebräuche ihrer Altvorderen bewahrt hätten. Es existierten sogar, wenn auch wenige Schulen, die sich speziell dem Unterricht in der spanischen Sprache widmeten. An der Spitze der größten dieser Institute stände ein bedeutender Gelehrter, geschätzt und gewürdigt im gesamten Orient, Don Enrique Bejarano, aus dessen Feder ein Gedicht in spanischer Sprache stamme, das, bei einer öffentlichen Schulfeier in Bukarest vorgetragen, den Zuhörern Tränen der Rührung entlockt-habe. So tief empfänden heute noch jene Juden eine wahre Neigung zu dem Lande und dessen Sprache, das sie einst unter dem Drucke des finsteren Fanatismus verlassen mußten. Der Senator las dann dem interessiert zuhörenden Hause jenes Gedicht Bejaranos vor, das eine bedeutende Probe des Spanischen bildet, wie es ähnlich, wie vor vier Jahrhunderten in Spanien, noch heute im Orient gesprochen wird. Wir haben hier versucht, die Verse Bejaranos, ihrem Stile getreu, ins Deutsche zu übertragen: An die spanische Sprache! Dich, o heilige Sprache, bete tief ich an, Mehr als Silber und Gold. Worte, so lieblich und hold Gibt's nicht in andern Zungen» Die je so schön mir geklungen. Kunst und Wissenschaften sind Dir untertan! In Deinen Lauten wir reden, Wenn wir zu Gotte beten, Dem mächtigen Herrn der All-Natur. In Deinen Worten auf seiner Spur! Wenn unser Volk auch in Sklaverei Unter feindlichen Ketten stöhnet, Tröstend ihm finstere Tage verschönet Deine göttliche Melodei. Ein Volk, daß eine solch tiefe Anhänglichkeit an die Sprache seiner Väter bezeuge, verdiene, so hob der Senator hervor, sicherlich, daß die spanische Regierung sich mit ihm beschäftige. Seine Anfrage präzisiere sich daher in den Worten: „Was gedenkt der Minister des Aeußeren zu tun, angesichts der Tatsache, daß im Orient mehr als eine halbe Million Nachkommen ehemaliger spanischer Untertanen leben, um die sich weder die Regierung Spaniens noch seine Gesandten und Konsuln kümmern, während die Königliche Akademie der Sprache mit verschränkten Armen zusieht, wie die Sprache, welche dieses Volk durch Jahrhunderte hindurch mit Liebe gepflegt hat, im Begriffe steht, zu verschwinden?" Auf diese Frage erwiderte zunächst der Senator Graf von Casa- Val encia im Namen der Königlichen Akademie der Sprache, es sei der Akademie nicht unbekannt, daß zahlreiche Gruppen der Juden des Orients noch heute die spanische Sprache kultivierten, und daß die Anregung Dr. Pulidos von der Königlichen Akademie mit Genugtuung ausgenommen und vielleicht in Bälde schon praktische Resultate zeitigen würde. Weiterhin ergriff der Minister selbst das Wort, um auszuführen, er habe mit wahrhaftem Vergnügen den Worten Pulidos gelauscht und erkläre sich mit ihm völlig solidarisch bezüglich der Währung und Förderung der spanischen Sprache unter den Juden des Orients, sei es durch Errichtung oder Unterstützung von Schulen, vor allem aber durch offizielle Ermittelungen seitens der spanischen Regierung über den Status quo der jüdischen Bewohner des Ostens, welche die spanische Sprache bewahrt hätten. Im Anschluß an diese wohlwollenden Erklärungen sowohl des Ministers des Aeußeren, wie auch des Vertreters der Königlichen Akademie der Sprache, entwickelte Dr. Pulido in beredten Worten das Programm seiner bereits in der Madrider Presse begonnenen Kampagne zugunsten der spanischen Juden. Diese Preßekampagne wurde eröffnet in der altangesehenen Revue: „La Ilustracion Espanola y Americana" während der letzten Monate des Jahres 1903 und erregte naturgemäß bei der Bedeutung der sozialen Stellung Dr. Pulidos und der Wertschätzung, welche der leitenden Zeitschrift im ganzen Lande