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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-02-02 · Heft 5 (2.2.1906) · p. Seite 54

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 5 (2.2.1906)
Date
1906-02-02
Page
Seite 54 (sequence 6)
Language
German
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es nicht, daß Einsichtige in unserer Mitte der Wahlresorm näher treten, und daß man an die Aufstellung einer jüdischen Wahlkurie denkt. Als dieser Gedanke aber von einem wackeren Juden aus der Bukowina in einer Reichsratssitzung in Worte gekleidet wurde, rief ihm ein polnischer Sozialdemokrat zu: „Wollen Sie vielleicht Jargon-Gymnasien?" Hier sehen wir, wie die'großen Anschauungen aufeinanderstoßen. „Eng im Raume stoßen sich die Dinge." Jargon-Gymnasien wollen wir nicht, aber eine Vertretung im Reichsrate wünschen wir auf das wärmste. Und daß die Sozialdemokraten, die von Juden gewählt werden, eine solche Vertretung nicht sind, das wird niemand leugnen können, der beobachtete, wie sich die Sozialdemokraten in jenen jüdischen Versammlungen benahmen, die aus Anlaß der letzten blutigen Ereignisse in Rußland zusammentraten. Da wurde von diesen „Genossen" stets nur auf den russischen Zarismus, als das Grundübel aller Verfolgungen, hingewiesen. Das mag ja richtig sein, aber russisches Elend ist mit jüdischem Leid nicht gleichbedeutend. Es gibt einen besonderen Judenschmerz, und wer dies nicht einsehen will, verschließt sich die sehenden Augen. Wer wird die kümmerlichen Rechte der Juden, falls sie angegriffen oder verletzt werden, im künftigen Reichsrate verteidigen? Darum, jüdische Wahlkurie oder nicht, unsere Konsuln müffen schon jetzt dafür sorgen, daß das jüdische Interesse, die Sache des Judentums, im künftigen Reichsrate nicht Schaden erleide. So meinen wir denn, daß es Sache unserer großen Gemeindevertretungen ist, nicht nur der Koscherfleischfrage, so wichtig diese für manche Kreise sein mag, sondern auch der Wahlreformfrage näher zu treten, zu sehen und zu berechnen, wie sich die Vertretung des Judentums gestalten wird. „Regner c’est prevoir“, „Regieren heißt voraussehen!" Die richtige providentia ift ftit uns notwendig, und wenn die Deutschen auf eine Berücksichtigung der nationalen Minorität dringen, wer ist so sehr Minorität, wie wir Juden? Es ist richtig: wenn die Wahlen kommen, da entdecken sie alle, Tschechen und Deutsche, Nationale und Sozialdemokraten, ihr menschliches Herz; es überfließen die Wahlreden von Liebe zu den jüdischen Mitbürgern, und die jüdischen Mitbürger gehen hin und wählen, wie es die Opportunität oft verlangt, Tschechen, Deutsche, ja sogar nationale Antisemiten und Sozialdemokraten. Wo aber bleiben die Juden? Für diese hat man den Hohnder sich in dem Worte von den Jargonanstalten ausprägt. Man lasse also die Zeit nicht nutzlos vorüberstreichen, damit es dem Juden nicht ergehe wie dem Dichter in der „Teilung der Erde". Im Himmel wollen wir vorläufig nicht wohnen, auch wir bedürfen des Wirkens auf der Erde. Und hier ist es schon vor Nietzsches Zeiten so eingerichtet gewesen, daß die stärkste Faust und die beste Ellbogenbewegung sich Raum erkämpfte. Wir bedürfen dieses Raumes, wir bedürfen seiner für unsere Kinder, die wir nicht zu charakterlosen Memmen heranziehen wollen, die überall weichen müssen, weil sie zufällig in einer anderen Konfession geboren und erzogen wurden. Jede Schwäche von Seiten der Juden wird von unseren Gegnern weidlich ausgenutzt. Darum gilt es jetzt zu zeigen, daß wir eine Vertretung im künftigen Reichsrate haben müssen. Die Verhältniffe mögen in den einzelnen Kronländern Oesterreichs sehr verschiedenartige sein. In Galizien sind sie anders, anders in Böhmen, Mähren und Schlesien, anders in den Alpenländern. Heben wir zum Beispiel Wien mit seiner jüdischen Bevölkerung von 160 000 Seelen heraus. Ist es nicht möglich, ja notwendig, daß diese Bevölkerungszahl, in der sich übrigens die steuerkräftigsten Elemente befinden, eine Vertretung im Reichsrate besitze? Gerade Wien sollte einen jüdischen Abgeordneten habender Lueger und Genossen sich entgegenstellt mit dem; Mute des Wortes, mit der Tapferkeit der Tat. - Vertritt Vielleicht der' »rote" Ellenbogen die Juden? Er stammt von jüdischen Eltern^ aber eine Judenfrage gibt es fürihn nicht, er lacht darüber, wenn man von Judenschmerz, von Judenelend spricht; für ihn gibt es einen Zarismus, aber er will nicht einsehen, daß -wir Juden unter diesem Zarismus am meisten zu leiden haben. Diese Herren Menschheitsschwärmer haben es soweit gebracht, daß Herr Lueger selbst zaristische Anwandlungen bekam. Er bezichtigte alle Juden revolutionärer Handlungen, bezeichnete sie als Sozialdemokraten und Umstürzler, und drohte ihnen, er werde gegen sie zaristisch Vorgehen. Das ist doch so etwa der Inhalt der Rede, die er in Donaufeld bei Wien hielt. Da wäre es nun notwendig, wenn dem Herrn mit den zaristischen Allüren jüdische Vertreter sich entgegenstellten. Fern sei es uns, es nicht zu würdigen, daß sich besonders die Judenschaft Wiens wie ein Mann erhob, um ihrem „Bürgermeister" — er gefällt mir aber gar nicht — gehörig zu antworten. Aber auch im Reichsrate wäre es notwendig gewesen, dem Herrn Lueger eindringlich zu sagen, daß Oesterreich doch kein Boden für seinen Zarismus ist. Auch in Mähren, um ein anderes Beispiel anzuführen, bedürften wir eines jüdischen Vertreters, der unfern Gegnern schlag- und tatkräftig sich entgegenstellt. In Mähren gingen die Juden bis jetzt meist mit den Deutschen; seitdem aber Deutschtum und freie vorurteilslose Gesinnung, leider, nicht mehr gleichbedeutend find, kann es geschehen, daß die jüdischen Wähler ihre Stimmen für nationale Antisemiten abgeben — deutsche Volkspartei nennen sich die Edlen jetzt bei uns, sollten aber „verschämte Rassenantisemitenpartei" heißen. Es soll in der mährischen Landeshauptstadt geschehen sein, daß die Juden hingingen und Antisemiten wählten, die ihnen freilich in der Maske der Deutschen entgegentraten. Wir fassen zusammen: Dort, wo die Juden bei den Wahlen den Ausschlag geben, haben sie das Recht, von ihren Vertretern zu verlangen, daß sie sich nicht allein vor den Wahlen um die jüdischen Stimmen bewerben, sondern auch allen Angriffen, die auf Juden unberechtigt unternommen werden, stets äbwehren. Die Juden aber mögen schon jetzt dafür sorgen, daß ihr Haus treu und ehrlich von denjenigen bestellt werde, denen sie ihr Vertrauen geschenkt haben. Iwri. Sie Spsnilch-Ijidilche Frage. Von Siegwart Al. Nutzbaum-Madrid. II. er Zufall spielt im Leben oft eine gar merkwürdige Rolle. Oder mag es vielleicht eine Fügung der Vorsehung sein, was wir kurzsichtige Menschen Laune des Zufalls nennen? Genug, ein schier geringfügiges Geschehnis war es, das den Keim legte zu jener großartigen Kampagne, die ein bedeutender spanischer Zeitgenosse im Laufe von nun zwei Jahren erfolgreich geführt hat, und jene Episode, die er im Jahre 1903 erlebte, wurde ihm der Anlaß, den Herbst seines Lebens einem arbeitsreichen Feldzug zu weihen, zum Wohle der spanischen Juden. Zwei Dezennien waren verflossen, seit in Spanien die letzte philosemitische Regung, kaum aufgetaucht, ohne bleibende Folgen wieder zerronnen war. Man hatte nicht einmal vermocht, sich eingehender mit den Abkömmlingen jener Ver-

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