Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1906)
- Date
- 1906-02-02
- Page
- Seite 52 (sequence 4)
- Language
- German
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62 anführenden Offiziere den Gemeinden wie im FeindeSlande förmlich Kontributionen^ auserlegen. So hat in Onikito der Führer einer Militärabteilung von den Juden 1700 Rubel Schadenersatz gefordert, weil1 die '.'Bauern ^einen Monopolladen demoliert haben. Im Weigerungsfälle drohte er den Ort zu bombardieren. Die Kontribution wurde von den Juden pünktlich entrichtet. Wie man aus Petersburg berichtet, erregt dort in Anwaltskreisen eine angebliche Aeußeruug des Justizministers großes ^Aufsehen, der dem Bureau der Rechtsanwälte nahe gelegt haben soll, keine Juden mehr in Vorschlag für die Advokatur zu bringen, er würde sie nicht bestätigen. Der, Patriarch unter den europäischen Fürsten, König Christian von Dänemark, der am 29. d. M. gestorben ist, war ein Freund und Beschützer der Juden, die in seinem Staate seit 1849 volle Gleichberechtigung haben. Die Rabbiner Dr. Wolf und Simonsen in Kopenhagen hat er bei jeder Gelegenheit ausgezeichnet, und viele Juden hatten sich seiner besonderen Teilnahme zu erfreuen. Man hat den König scherzweise den Schwiegervater von Europa genannt, und so war es natürlich, daß von verschiedenen Seiten Versuche unternommen wurden, um den König für eine Intervention zugunsten'der unglücklichen russischen Juden bei seinem Schwiegersohn Alexander III. zu gewinnen. Aber all' - diese Versuche blieben vergeblich. Wie es heißt, soll der verstorbene König in seiner Schlichtheit und Güte jedesmal rundheraus erklärt haben, daß dies der einzige Punkt sei, über den er mit dem Zaren überhaupt nicht reden dürfe, nachdem er es einmal bereits versucht habe, ihn für die Juden milder zu stimmen. Wir wißen nicht, ob diese Version richtig ist — aber in jedem Falle stimmt sie zu dem Charakter des Königs, dem sein Land ein dankbares Andenken bewahren wird. * Während diese Zeilen in den Druck gehen, wird in England die dritte Wahlwoche zu Ende sein. Dieselbe hat das verwirklicht, was die erste und zweite versprochen hat. Die seit 1886 herrschend gewesene konservative Partei liegt zerschmettert zu Boden und eine liberale Partei, so stark und mächtig, wie sie England im Lause des ganzen 19. Jahrhunderts nicht gesehen hat, ist entstanden. Zu den 31 Wahlkreisen, in denen Juden sich um ein Mandat beworben haben, kam in zwölfter Stunde noch der von den Konservativen vertretene Kreis Kent Ashford hinzu, in dem der liberale P. Larrys den Konservativen das Mandat zu entreißen suchte. Bis zum 25. Januar sind in 29 Kreisen die Würfel gefallen, mit dem Ergebnis, daß 14 Juden gewählt und 15 unterlegen sind. Von den bisher konservativen Abgeordneten ist nur ein einziger, nämlich Mr. H.,H. Marks in Tanet, mit einer weit größeren Majorität als im Jahre 1904 wiedergewählt worden, während Oberst Lucas und Louis Sinclair in Suffolk resp. Essex eine schwere Niederlage erlitten haben. Von den. bisherigen liberalen Abgeordneten kehrt Maurice Levy ins Parlament zurück. Von den jüdischen Kandidaten, die sich um ein konservatives Mandat bewarben, ist Herr E. H. Micholls in Montmouthborough gegen eine geringe Majorität unterlegen, während Sir Philipp Magnus an der Londoner Universität nach einem harten Kampf mit 24 Stimmen über seinen liberalen Vorgänger siegte. Es ist dies das erste Mal, daß ein Jude als Vertreter einer englischen Universität in das Unterhaus einzieht. Die Wahl ist auch insofern merkwürdig, als Sir Philipp Magnus früher Rabbiner war. Mit Ausnahme des Rabbiners Dr. Josef Bloch, der einige Jahre hindurch eine , der markantesten Erscheinungen des österreichischen Reichsrats bildete, hat noch kein Parlament auf Erden einen Rabbiner zum Mitglied gehabt. Von den liberalen Kandidaten waren in dieser Woche Herbert H. Raphael in Derby, A. Levy Levery. ein Bruder des Mr. Maurice Levy, in Essex und C. S. Henry in Salop (Wellington), letzterer als liberaler Arbeiter, siegreich. Dagegen sind die Herren Herbert S. Leon in Staffshire und Percy Harry in Kent unterlegen. Ueberall haben es die liberalen jüdischen Kandidaten verstanden, frühere liberale Minoritäten in zum Teil große Majoritäten zu verwandeln. Gewaltiges Aufsehen in ganz England hat die Niederlage des Mr. Louis Sinclair hervorgerufen. Derselbe wurde in Hamburg als Schlesinger geboren, hatte seine Jugend in Frankreich zugebracht und wanderte später nach England aus, wo er sich den an Schlesinger nur sehr wenig erinnernden Namen Sinclair beilegte. Trotzdem er also nach und noch Untertan dreier Reiche war und erst im Jahre 1900 sechs Monate vor seiner Wahl naturalisiert wurde, war er geschnmcklos genug, sich als Vertreter Old-Englands zu gerieren, und heftig die Fremden zu bekämpfen, welche den einheimischen Arbeitern das Brot vom Munde wegnähmen. Mit Hinzurechnung des Uniouisten Walter Rothschild, dessen unzweifelhafte Wiederwahl in Brucks bevorsteht, dürste das englische Unterhaus im ganzen 15 Juden zählen gegen 12 in der letzten Legislaturperiode. Die Vermchluns der Milchen Volksschule. Von Bernhard Traubenberg. ^^^er unermüdliche Realschuldirektor Dr. Adler steht unverdrossen auf der Wacht, um ungesäumt etwaige Sturmzeichen zu signalisieren, die sich der jüdischen Schule nähern. Tatsächlich ziehen jetzt Wolken und Nebelgebilde die Fülle heraus, die sich über der jüdischen Volksschule zu einem undurchdringlichen Dunkel verdichten. Die jüdische Schule geht bewegten, schweren Zeiten entgegen. Vor kaum Jahresfrist habe ich an dieser Stelle «.Nr. 7) im Anschluß an die Adler'sche Schrift: „Das Schulunterhaltungsgesetz und die preußischen Bürger jüdischen Glaubens" über die Entwicklung und die unabweisbaren Forderungen der jüdischen Volksschule referiert. Daß diese Schrift einem wirklichen Aufklärungsbedürfnis entsprang, beweist die schnelle Verbreitung derselben, die nun mit einem Anhang „Der neue Schulgesetzentwurf und die jüdische Schule" vermehrt, in dritter Auflage erschienen ist. Adler weist nun auf die überaus schweren Gefahren hin, die die Zukunft der jüdischen Schule bedrohen. In dem Schulgesetzentwurf sind nämlich Bestimmungen enthalten, die ihr geradezu die Lebensadern unterbinden und sie dem sicheren Untergang entgegenführen. Da stellt sich wieder Adler in den Riß und ruft nicht bloß die Gemeinden und ihre in dem neuen Verbände geschaffenen Vertreter auf die Schanzen, sondern appelliert auch an das Gerechtigkeitsgefühl der Regierung und des Abgeordnetenhausesum die jüdische Schule zu retten, obwohl es klar ist: Wird der Entwurf Gesetz, ist eine Rettung ausgeschlossen. Adler glaubt und hofft noch. Wenn man freilich nach der inneren Berechtigung dieses Vertrauens fragt, so ist die Antwort wenig tröstlich. Die neuen Schulgesetze sind geschmiedet als schneidige Waffe gegen das bedrohliche Ueberwuchern der roten Gefahr und der gesellschaftsfeindlichen Tendenzen, die von der Masse des deutschen Volkes in immer steigenderem Maße Besitz ergreifen. Als Gegengewicht soll nun die ganze Wucht religiöser Dogmatik und staatserhaltender Moral in die Wage