Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1906)
- Date
- 1906-02-02
- Page
- Seite 51 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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. -. 51- Im.» Orient wird deutsches Unterricht in einer Reihe, von Schule«; dev Alliance evteilt, nänrlich in den sechs Knaben« und zwei Mädchenschulen in Konstantinopel, in den Knabennnd Mädchenschulen von. Saloniki und Adrianopel, in den Schulen von Rustschuk und in der Knabenschule von Jerusalem. Seit geraumer Zeit ist die Alliance bemüht, diesen Unterrichts allmählich auch nach anderen Zentren des Schulwerks, namentlich in Bulgarien (von der bulgarischen Regierung wurde das Französische für den fremdsprachlichen Unterricht für obligatorisch erklärt) und in der europäischen TürkeiauSzudehnen, und die Alliance hofft, diesen Plan mit Hilfe der beteiligten Gemeinden zu verwirklichen. Die Unterrichtssprache in den marokkanischen Alliance-Schulen ist französisch. Der deutsche Unterricht konnte bei der vor länger denn 40 Jahren erfolgten Einrichtung der Schulen kaum in betracht kommen. Der in der jüngsten Zeit eingetretenen Veränderung, der allgemeinen Situation — darin stimme ich mit Ihrem Herrn Mitarbeiter überein — wird Rechnung getragen werden müssen. Nimmt der marokkanische Handel in Zukunft seine Orientierung mehr nach Deutschland, so wird das in dem Unterrichtsplan der Alliance- Schulen in Marokko selbstverständlich zu berücksichtigen sein. Die Politik hat damit nichts zu tun. Wir werden uns zu Dienern eines einseitigen französischen Interesses niemals machen, und unsere französischen Glaubensgenossen werden uns das niemals zumuten. Wer das Gegenteil behauptet, leistet einer bedauerlichen Legendenbildung Vorschub. Die Alliance Israelite Universelle nimmt Beiträge von den Israeliten aller Länder entgegen und läßt ihr Hilfswerk den Israeliten aller Länder nach Maßgabe des Bedarfs und der vorhandenen Mittel zugute kommen^ Nicht die Wünsche der Helfenden, sondern die Interessen der zu Unterstützenden geben hierbei den Ausschlag. Für ein deutsch-nationales Hilfswerk sind die deutschen Juden gleich ihren christlichen Mitbürgern jederzeit ^opferwillig bereit; die Alliance Isra&ite Universelle darf dafür weder von Paris noch von — Tanger aus in Anspruch genommen werden. Zum Schluß muß ich noch mit einiger Beschämung feststellen, daß Ihr Herr Mitarbeiter den Anteil, der deutschen Juden an den Wohlfahrtsausgaben der Alliance Isra&ite Universelle außerordentlich überschätzt. Die ^deutschen Beiträge zur Alliance haben im Jahre 1904 noch nicht 70 000 Francs betragen, während sich die Aufwendungen der Alliance für ihr Kulturwerk in dem gleichen Zeitraum auf 1410086 Francs beliefen. Ich hoffe, daß sich dieses Verhältnis durch Erhöhung des deutschen Beitrages ändern wird. Die Vorwürfe, die der Korrespondent der „Kölnischen Zeitung" der Alliance macht, sind nicht neu. Sie sind auch schon hundertmal akten- und zahlenmäßig widerlegt worden. Trotzdem kehren sie immer wieder. Und das begreift jeder, der die Verhältnisse etwas genauer kennt. Zum Glück sitzen die Korrespondenten der deutschen Blätter nicht mit in der Konferenz von Algeciras — und dort werden sich die Diplomaten wohl kaum ihr Urteil von der „Kölnischen Zeitung" beeinflussen lassen. Es ist übrigens wichtig, in diesem Zusammenhänge zu konstatieren, daß nach der „Tribuna" der italienische Vertreter auf der Konferenz, Visconti Venosta, beauftragt worden ist, im Namen Italiens die bürgerliche Gleichstellung der Juden in Marokko zu beantragen. Frankreich, England, Deutschland und Amerika werden diesen Antrag unterstützen. Die Aufgaben der Alliance aber werden, wenn erst dieser Antrag angenommen ist, in Marokko noch bedeutsam sich vermehren. Dev Vorschlag, den der oben erwähnte Korrespondent der „Kölnischen Zeitung" in einem zweiten Artikel macht, ist übrigens akzeptabel. Er schlägt vor, daß die deutschen Juden die Errichtung deutscher Schulen der Alliance oder die Erteilung deutschen Unterrichts an ihren Schulen, die Vorbildung von Lehrern für die Alliance-Schulen Marokkos und anderswo in Deutschland verlangen. Ein solcher Schritt könnte den Anstoß dazu geben, daß die deutsche Sprache, die bisher eine verhältnismäßig geringe Rolle im Weltverkehr spielt, sich den gebührenden Platz erränge. Vielleicht könnte auch die Alliance Landwirtschaftsschulen mit deutschen Lehrern gründen. Zur Erreichung dieser Zwecke soll „gleichzeitig mit der Marokkokonferenz eine Beratung von hervorragenden Vertretern der deutschen Israeliten mit Vertretern unserer Regierung unter Hinzuziehung von in Deutschland weilenden Diplomaten, die die marokkanischen Verhältnisse kennen, über diese Frage veranstaltet werden." Endlich soll Deutschland mit Hilfe der Alliance die Anstellung deutscher Äerzte für die Judenviertel in Marokko durchsetzen. $ * Obwohl nach dem Plan des famosen Bogdanowitsch, des Kommandierenden der schwarzen Hunderte und Organisators der russischen Konterrevolution, sämtliche Judenkrawalle womöglich an ein und demselben Tage vor sich gehen sollten und wirklich in den wenigen Tagen vom 1. bis 10. November vorigen Jahres stattgefunden haben, werden immer noch neue Judenkrawalle gemeldet. In der Zeit vom 30 v. M. bis 21. d. M. wurden die Städtchen Horodistsche, Schornitz, Chodorkow im Gouvernement Kiew, Pißitz, Berschad im Gouvernement Podolien und Dritschin im Gouvernement Minsk ausgeplündert, wobei zusammen 59 Läden ausgeraubt resp. verbrannt, 32 Häuser geplündert und demoliert wurden. In Horodistsche und Shornitz fanden die Räubereien an einem Meßtage statt und wurden die jüdischen Meßbesucher gründlich ausgeraubt. In Dritschin haben die Bauern sämtliche 16 jüdische Häuser des Ortes demoliert. In Chodorkow begann der Krawall angeblich, weil jüdische Kinder ein Heiligenbild zerstört haben sollten, was sicherlich nur eine Erfindung der antisemitischen russischen Telegraphenagentur ist. Sehr charakteristisch war der Krawall in Pissih. Derselbe wurde von hungernden einheimischen Bauern ausgeführt, die sich vorher gegenseitig das heilige Versprechen abnahmeu, „ihren" Juden körperlich ja kein Leid zu tun. Sämtliche Krawalle kamen den Behördon sehr ungelegen, da sie nicht zur rechten Zeit stattfanden und daher völlig zwecklos waren. Die Behörden beeilten sich auch, sie rasch zu unterdrücken, so daß es nirgends zum Blutvergießen kam. Nur in Berschad nahm der Krawall einen ernsteren Charakter an. Hier begoß der Pöbel 29 Läden und zwei Häuser mit Petroleum und drohte jeden niederzuschlagen, der den Brand löschen wollte. Eine weitere Reihe von ganz eigenartigen Krawallen werden jetzt aus den Ostseeprovinzen gemeldet. Urheber derselben sind nicht etwa aufgehetzte Bauern, sondern kaiserlich russische Soldaten, die zur Beruhigung der Bevölkerung vom Zaren ins Land geschickt worden sind. Der Feldzug in dem im vollen Aufruhr stehenden Lande ist sehr beschwerlich, und die Soldateska suchte sich für die erduldeten Strapazen an den Juden schadlos zu halten. So drang gegen Abend des 28. Dezember Militär, bestehend aus Artillerie, Kavallerie und Infanterie, in das von den lettischen Revolutionären beherrschte Städtchen Lievenhof, eine Station der Rigaer Orlower Eisenbahn, und plünderte die beiden jüdischen Großkaufleute Laßnik und Leibowitsch gründlich aus, so daß sie, die früher reiche Leute waren, über Nacht Bettler wurden. Am nächsten Morgen verteilten sich die Soldaten in kleinen Gruppen, die, von Haus zu Haus gehend, alle Gold- und Silbersachen stahlen, den Frauen die Ohrringe aus den Ohren rissen und den Männern die Uhren aus den Taschen raubten. Wo kein Geld zu holen ist, suchen die Kosaken auf andere Weise ihr Mütchen an den Juden zu kühlen. In Glasmanka in der Nähe von Kreuzburg wurden die Juden von den Kosaken zu Krüppeln geschlagen. Ueberhaupt leiden unsere Brüder in allen Orten Kurlands jetzt schwer von dem Militär, da die Pazifizierenden Soldaten alle kleineren jüdischen Gemeinden furchtbar plündern. Auch aus den von der lettischen Revolution ergriffenen Kreisen des Gouvernements Kowno werden unzählige Vergewaltigungen gemeldet. In allen Ortschaften des Kreises Ponjewesch werden die Juden von den Soldaten geplündert und geschlagen, während die