Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1906)
- Date
- 1906-02-02
- Page
- Seite 50 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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weigern, wo sie gefordert werden und dem allgemeinen Interesse nützlich sind. Wir denken nicht dabei an das bekannte Sprichwort: „Der Klügere gibt mach," denn heutzutage ist es viel klüger, nicht nachzugeben. Aber hier kommenganz andere Dinge in Betracht. Der Forscher, den ein innerer Drang zu seinem Fache treibt, wird sich davon gewiß nicht abhalten lassen, weil der preußische Staat ihm den materiellen Lohn vorenttzält. Wir kennen eine große Zahl jüdischer Märtyrer der Wisienschaft, die ihr Leben lang in Not und in Armut zugebracht haben, ohne sich von ihren Forschungen abzuwenden. Und diese Männer bilden den lebhaftesten Protest gegen die Behauptungen wiffenschaftlicher Gigerl, die den Inden jeden Idealismus absprechen. Vorläufig haben diese selbstgefälligen Monopolisten der Ethik nicht den zehnten Teil so vieler Opfer für die Wissenschaft gebracht, wie die jüdischen Gelehrten. Es ist sehr leicht, eine gutbezahlte Profefiur zu haben und dann großsprecherisch die eigenen Tugenden zu rühmen. Was aber die staatlichen und städtischen Ehrenämter betrifft, die die Juden pflichtgetreu und gewissenhaft ausüben, so sind wir gewiß von der Ueberhebung frei, annehmen zu wollen, daß es ohne die Juden nicht ginge. Gewiß würde es gehen, obwohl so viele Arbeit, so große Leistungen in ihrem Wert gar nicht so gering einzuschätzen sind. Aber jedenfalls tun die Juden gut daran, daß sie sich unverdrossen dem öffentlichen Dienste widmen. Denn damit erreichen sie, daß wenigstens jene, bei denen die blinden Vorurteile und die kraffe Selbstsucht die Urteilskraft noch nicht getrübt haben, die Haltlosigkeit aller Faseleien von der Unfähigkeit und der Unwürdigkeit der Juden für öffentliche Aemter erkennen.. Für alle, die sehen wollen, ist es klar, daß es sich hier einfach bloß um eine Brotfrage handelt. Alles andere ist bloß Dekoration, ein schamhaftes Feigenblatt, mit dem man die nackte Selbstsucht zu verbergen sucht. Wenn sie sich damit selbst belügen wollen, so mögen sie es. Bit Woche. Berlin, 30. Januar, iemlich wenig wurde von der Oeffentlichkeit eine Feier beachtet, die anläßlich des 25. Stiftungsfestes des Vereins deutscher Studenten hier stattgefunden hat. Nun ist es allerdings die Rede des Herrn Stöcker nicht, die eine größere Beachtung erheischt, obwohl er sich auch diesmal wieder wahrhaft imposante Behauptungen geleistet hat, wie etwa den Satz, mit dem er die Geschichte der „Berliner Bewegung" einleitete: „Drei Juden regierten damals Berlin!" Aber, wie gesagt, dies alles ist es nicht, sondern vielmehr die Rede eines stud. jur. Kormann, der, wie es heißt, „mit Nachdruck" ausführte, daß die Bewegung, die zu dem Vereine deutscher Studenten führte, „mit einem bewußten Gegensatz gegen das übergreifende Judentum begonnen habe, daß inzwischen der gesellschaftliche Antisemitismus Gemeingut der meisten Gebildeten geworden sei und daß der negativen Tendenz des Antisemitismus bald die positive folgte." Nun denn, hier kann man in der Tat sagen: „Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort." Daß der gesellschaftliche Antisemitismus Gemeingut der meisten Gebildeten geworden sei, ist eine Behauptung, die vielleicht nicht einmal Stöcker gewagt hätte. Es fragt sich nur, wen der junge Herr zu „den meisten Geblldeten" zählt. Die Streber und von Brotneid Angefressenen und etliche alte Herren in Amt und Würden, die nichts vergessen und nichts zugelernt haben, bedeuten noch lange nicht die gebildete Welt. Das bestandene Examen und das Mitessen aus der Stgatskrippe machen noch länge nicht die Bildung aus. Im übrigen haben sich Studierende sonst der Fortschritte in der- Wissenschaft Und nicht der Fortschritte im Haß gerühmt. Das mindeste, was man von ihnen sollte verlangen können, ist, daß sie in ihren Jahren nicht schon das Wort vergeffen haben sollten, das vor mehr als 2000 Jahren der griechische Dichter seine Antigone sagen läßt: Nicht mitzuhaffen, mitzulieben bin ich da! * Die „Kölnische Zeitung" hat von ihrem Korrespondenten aus Tanger einen langen Artikel über das Thema: Deutschland und die Alliance Isräelite in Marokko erhalten und in ihrer Nr. 57 abgedruckt. Die Behauptungen dieses Artikels dürfen gerade jetzt, wo die Marokkofrage im Vordergrund steht, nicht unbeachtet und unwiderlegt bleiben. Dies ist denn auch alsbald geschehen. Namens der deutschen Konferenzgemeinschaft der A. I. U. hat Herr Geh. Kommerzienrat Ludwig Max Goldberger der Redaktion der „Kölnischen Zeitung" das nachstehende sehr wichtige Schreiben zugehen lassen: An die vereheliche Redaktion der Kölnischen Zeitung Köln a. Rh. In Nr. 57 Ihres geschätzten Blattes vom 17. Januar spricht sich Ihr Mitarbeiter von Tanger aus über „Deutschland und die Alliance Isräelite in Marokko." Er nennt die Alliance rühmend eine „Kulturträgerin" und erwähnt zustimmend eine Reihe anerkennender Aeutzernngen über das „schöne Werk" der Alliance Isräelite Universelle speziell in den von ihr eingerichteten und teilweise unterhaltenen Schulen in Marokko. Er betont, daß die französische Sprache die Unterrichtssprache in diesen Schulen fei, und bemerkt mit Mißfallen, daß die hierin liegende Förderung französischer Interessen in Marokko aus Beiträgen der Alliance Isräelite Universelle betrieben werde, von denen „ein sehr großer Prozentsatz" aus Deutschland, von deutschen Juden, alljährlich stamme. In Sperrdruck wird hervorgehoben, daß deutsche Interessen durch deutsches Geld geradezu geschädigt würden, und daß es eine einseitige Bevorzugung französischer Interessen sei, „wenn derjenigen Bevölkerungsklasse Marokkos, die auf Jahrhunderte hinaus das kaufmännische Vermittlungsglied bilden wird, den Juden, mit deutscher Hilfe der Weg in andere Länder gewiesen, wenn den jüdischen Kaufleuten Marokkos eine Brücke zu nichtdeutschen Ländern geschlagen wird, wo wir nach dem Grundsatz der Gleichberechtigung eine solche nach Deutschland führende Brücke ebenfalls beanspruchen können und müssen." Als Vorsitzender der deutschen Konferenzgemeinschast der Alliance Isräelite Universelle bitte ich um die Erlaubnis, die Ausjührungen Ihres Herrn Mitarbeiter? in einigen Punkten zu berichtigen und zu ergänzen. Die Alliance Isräelite Universelle hat in Marokko, wie überall in der Welt, zum Zweck, für die Gleichstellung und den moralischen Fortschritt der Juden zu wirken und denjenigen, die in ihrer Eigenschaft als Juden leiden, eine wirksame Hilfe angedeihen zu lassen. Das Mittel zu diesem Zweck wird in der Hauptsache in der Organisierung eines guten Schul-, Handwerks- und Landwirtschafts-Unterrichts und in der Bereitstellung der hierfür benötigten Subventionen gesunden. Das ist so sehr der Fall, daß man der Alliance schon den Namen eines'großen Schulvereins beigelegt hat, aus welchen sie stolz ist. Selbstverständlich hat die Alliance Isräelite Universelle bei der Einrichtung von Schulen in fremden Ländern die Förderung der Bevölkerungsteile im Auge, für die sie die Schulen einrichtet und unterhält. Diesem Ziel paßt sich der Schul- und Unterrichtsplan an. Ebenso selbstverständlich ist, daß. der beteiligten Bevölkerung, der eine Erleichterung der Schullasten seitens der Alliance zugewendet wird, hinsichtlich der Unterrichtssprache ein Mitbestimmungsrecht zusteht.