Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1906)
- Date
- 1906-01-26
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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-0. Jahrgang. Ny. 4. > Berlin, 26. Januar 1906. Nrtlsgr zur „Allgemeinen Leitung deS IudrutumK". korrelpmivknsm und Aachrichtrn. Deutschland. 22 BeEn, 22. Januar. Die Deutsche Orient-Gesellschaft hat in der neuesten Nummer der „Mitteilungen" ihren Mitgliedern über den Fortgang ihrer Ausgrabungen und sonstigen archäologischen Unternehmungen Bericht erstattet. Den Hauptinhalt dieses besonders reich illustrierten 29. Heftes bilden die Darlegungen der Herren Kohl, Watzinger und Hiller über die Ergebnisse ihrer im Aufträge der Gesellschaft in diesem Frühjahr unternommenen Expedition zur Erforschung der Synagogenruinen Galiläas. Da diese kultur- und baugeschichtlich wichtigen Denkmäler Palästinas leider einem schnellen Verfall unaufhaltsam entgegengehen, weil die zerstörende Kraft der Natur durch die noch schneller arbeitende des Menschen unterstützt wird, so hat sich die Gesellschaft mit dieser Unternehmung, die Ernest Renan bereits vor mehr als 40 Jahren als eine dringende Ausgabe der Forschung bezeichnet hatte, ein neues großes Verdienst um die Wissenschaft erworben. Wie hohe Zeit es war, dies Werk in Angriff zu nehmen, zeigt der Umstand, daß manche, von anderen Reisenden noch vor wenigen Jahren an Ort und Stelle gesehenen Bauteile, heute verschwunden sind. Es gelang den Forschern, auf ihrer viermonatigen Reise die Ruinen von elf Synagogen genau zu untersuchen, ihre Grundrisse aufzunehmen und eine große Zahl von hochinteressanten Resten der diesen Monumenten eigentümlichen Ornamentik im Bilde festzuhalten, von der mehrere den Berichten beigefügte Abbildungen Proben geben. Eines der wichtigsten Ergebnisse'der Forschungsreise war die Feststellung der typischen Grundrißform dieser unter römischer Herrschaft und römischem Einfluß entstandenen jüdischen Bauwerke; entgegen den früheren englischen Forschungen, die bei einigen Ruinen drei bis vier Säulenreihen im Innern seststellen zu können meinten, ist bei sämtlichen untersuchten Synagogen ein breites Mittelschiff mit einem Säulenumgang. auf drei Seiten, der eine Empore trug, jetzt mit Sicherheit nachgewiesen worden. Berlin, 21. Januar. Am 28. v. M. fand in der Aula der jüdischen Mädchenschule die erste öffentliche Versammlung des Verbandes der Sabbatfreunde (Ortsgruppe Berlin) statt. Der Vorsitzende, Herr Moritz Posen, eröffnete die Versammlung mit einem kurzen Begrüßnngswort an die zahlreich Erschienenen und erteilte hierauf Herrn Rabbiner Dr. E. Munk, der an Stelle des verhinderten Referenten Dr. Hildesheimer noch in letzter Stunde sich bereitwilligst zur Verfügung gestellt hatte, das Wort zu seinem Vortrag : Was soll und will der Verband der Sabbatfreunde? In großen Zügen entwarf der Redner ein Bild von dem Stande der Sabbatheiligung in unserer Zeit. Gesetzgebung und äußere Verhältnisse, der Wandel außen und Wandel innen hatten es bewirkt, daß der Sabbat der Thora, den unsere Altvordern als köstlichstes Besitztum sich wahrten, unserer Zeit abhanden gekommen ist. In erster Linie in kaufmännischen und industriellen Betrieben, aber nicht hier allein, sondern in sämtlichen anderen Lebensberufen, wie Redner anschaulich an Beispielen dartat. Der Arzt wie der Jurist, der Philologe wie der Staatsbeamte, sie alle haben mit dem Mangel an Rücksichtnahme gegen ihr Streben, den Sabbat zu heiligen, schwer zu kämpfen. Diesen Kampf auszufechten, ist des Einzelnen Kraft zu gering; hat doch selbst schon das unmündige Kind in der Schule mit Schwierigkeiten wegen seines Nichtschreibens am Sabbat viel und oft zu ringen. Diese Kraft des Einzelnen zu stählen durch den Rückhalt, den er bei. Gleichgesinnten findet, das soll und muß Aufgabe des Verbandes der Sabbatfreunde sein. Wie will er aber diesen Zweck erreichen? Allgemein, indem er der mißverständlichen Auffassung des Sabbats als eines Ruhetages im modernen Sinne des Wortes entgegenwirkt, der Erkenntnis vom wahren Wesen des Sabbats in weiteren Kreisen Geltung verschafft und so seinen an der Spitze des Statuts stehenden Zweckbestimmungen „Aufklärung über die Bedeutsamkeit des Sabbats zu verbreiten" gerecht zu werden sucht. Im besonderen sodann durch ideelle und wirtschaftliche Unterstützungen, die der Förderung der Sabbatrnhe im Erwerbsleben dienen, sowie durch zweckmäßige Bekämpfung der da und dort hervortretenden Bestrebungen, sei es in der Gesetzgebung, sei es in der Verwaltungspraxis, sei es in einer antisemitisch angehauchten Tendenzwissenschaft, welche die Beobachtung und Verbindlichkeit zur Sabbatheiligung zu erschüttern droht. Aber nicht nur nach außen, sondern mehr noch bleibt uns im Innern zu tun, wo es gilt, die Erkenntnis zu festigen: Mag für den Christen der Sonntag der gegebene Ruhetag sein, der Jude hingegen, derben Sabbat verloren hat, vermag auch in der Sonntagsruhe kein gleichwertiges Ersatzmittel zu finden, da ihm an diesem Tage immer das fehlen wird, was ihm den Sabbat zum wahren Sabbattage stempelt: Die Weihe der Religion, die Erholung von Seele und Geist in der Vertiefung und Beschäftigung mit deren Lehre. Nicht hohe Beiträge erzielen, sondern alle diejenigen, denen es ernst ist mit dem Wunsche, sich und ihre Kinder und ihre Nächsten für den Sabbat zu retten, zu einer festen Phalanx zu sammeln — das will der Verband der Sabbatfreunde. — Reicher Beifall dankte dem Redner, als er mit einem warmen Appell an die Erschienenen, sich selbst dem Verbände anzuschließen und stets eingedenk zu sein, in ihren Kreisen für denselben zu werben, schloß. Nach kurzer Pause, in welcher zahlreiche Anmeldungen zum Beitritt erfolgten, nahm der zweite Referent, Herr Eli Lazarus, das Wort zu seinem Referat: „Was hat der Verband bisher erreicht, was kann er erreichen?" Die vorgerückte Stunde zwang ihn, das reiche Material, welches ihm zur Verfügung stand, in kursorischer Weise zu verwerten. Er konnte darauf Hinweisen, daß der Verband trotz der Kürze seines Bestehens doch bereits auf allen Gebieten, die er für seine Tätigkeit und für die seine Tätigkeit in Anspruch genommen, bereits erfolgreich gearbeitet hatte. Der heutige Tag sei der erste Geburtstag des Verbandes und schon habe derselbe über 500 Mitglieder und bestehen in allen Teilen Deutschlands von Frankfurt a. M. bis Kempen, von Stuttgart bis Königsberg bereits Lokalkomitees, deren rühriger Tätigkeit die Reichshauptstadt nicht nachstehen dürfe. Die Stellenvermittlung sei in rationeller Weise zentralisiert worden und habe durch den Verband neue Impulse erhalten und gegeben; auf dem Gebiete der Assoziation seien, wenn auch tastend, Versuche gemacht worden. Auf dem Gebiete der Gesetzgebung habe der Verband namentlich hinsichtlich der Sonntagsruhe gemeinsam mit dem Verbände der deutschen Juden die Abwehraktion der drohenden Gefahr unternommen; ebenso habe er auf dem Gebiete der Schulgesetzgebung und Schulverwaltung bereits Erfolge zu verzeichnen. Das Organ des Verbandes, „Der Sabbath", wird sämtlichen Mitgliedern allmonatlich unentgeltlich zugestellt und trägt Anregungen und Aufklärung weit in die Lande hinaus. — Mit Dank an die Referenten und an die Anwesenden schloß der Vorsitzende die Versammlung, die durch ihren würdigen Verlaus der Sache des Verbandes Freunde zu werben durchaus geeignet war. — Aehnliche Versammlungen werden demnächst in verschiedenen Stadtteilen Berlins abgehalten werden. s. Berlin, 14. Januar. Die Freifrau Julie von Cohn- Oppenheim hatte in ihrem Testament der Stadtgemeinde Berlin die Summen von 50 000 und 100 000 Mark vermacht; die erstere sollte für wohltätige Zwecke, insbesondere Werke der Nächstenliebe (Krankenpflege, Armenunterstützung, Förderung der Erziehung usw.) Verwendung finden, die letztere für die Zwecke des Tierschutzes. Die Gemeindebehörden haben beschlossen, daß die Zinsen der 50000 Mk. zu laufenden Unterstützungen an Hilfsbedürftige, ohne Rücksicht auf Alter, Geschlecht, Berus und Religion, verwendet werden sollen. Die Stiftung hat die landesherrliche Genehmigung bekommen. Ueber die Verwendung des für den Tierschutz ausgesetzten Kapitals liegt ein Beschluß noch nicht vor. — Das vom Kommerzienrat Hermann Frenkel auS Anlaß feiner Silberhochzeit gestiftete Kapital von