Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1906)
- Date
- 1906-01-26
- Page
- Seite 48 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Ein Schuß ertönte. „Na, also da haben Sie's". Er krümmte sich und warf den Revolver fort. War es nun die ^Wirkung des Schusses, der hell aufblitzte und dann das Echo im Walde weckte, oder irgend etwas anderes, aber wir fühlten uns plötzlich sonderbar ruhig und selbst Gurweiß' Gegner kam zur Besinnung. Ein zweiter Schuß ertönte, ebenfalls in die Luft, dann jubelten wir alle und der Gegner reichte Gurweiß die Hand und sagte würdevoll: „Sie sind ein Ehrenmann." Wenn ich jetzt an diese alte Geschichte zurückdenke, sehe ich auch ganz deutlich unfern gutmütigen, braven, immer gleichmütigen, ruhigen Gurweiß, ich sehe ihn, wie er auf dem Boden kauert und mit zwinkernden Augen in den Mond schießt. Ich höre ihn auch, wie er ruhig auseinandersetzt „ich will nicht" und „was für ein Unsinn" ruft. Er nahm nie irgend eine Pose an und spielte sich nicht auf den Helden heraus, ja er machte sich manchmal sogar in gutmütiger Weise über das Heldentum lustig, ohne zu ahnen, daß seine ruhige, kaltblütige Männlichkeit manchem Helden zugute kommen könnte. Nein, er wollte gar kein Held sein, er fühlte sich als einfacher Arbeiter auf dem großen Felde der Kultur. „Ach du", hänselten wir ihn, „was bist Du denn für ein Jude, was hast Du denn Jüdisches an Dir?" Dann geriet er gewöhnlich in Zorn und begann von seiner Kindheit zu erzählen, oder er redete von seiner Sympathie mit dem verfolgten Namen und seiner Abstammung. „Solange sie „Juden" sind und nicht einfach Menschen wie alle, so lange bin auch ich ein Jud'. Solange man sie verfolgt, stehe auch ich zu ihnen." „Das ist sehr, schön von Dir," antworteten wir, „aber Du mußt doch zugeben, daß Du nichts Gemeinsames mit den Juden hast. Eine große Anzahl Juden saugt das Volk aus und treibt Wucher." Gurweiß sprang wütend auf. „Das ist nicht wahr, das ist einfach eine Lüge," schrie er, blaurot im Gesicht. „Die erdrückende Mehrzahl der Juden sind Handwerker, Menschen der Arbeit, die in entsetzlicher Not leben. Habt Ihr einmal dies Elend gesehen, den Schmutz und, die Armut, wißt Ihr, wie so ein jüdischer Handwerker lebt und wie er sich nährt? Nein, na, dann schweigt auch? Und so ein Arbeiter, so ein elender Bettler strengt seine letzten Kräfte noch an, um seinen Kindern Licht und Wissen geben zu können. Seht doch einmal hin, wieviele gerade aus der ärmsten jüdischen Schicht lernen, nach Wissen streben, mit allen veralteten Traditionen brechen. Die jüdischen Ausbeuter, die Wucherer und Geldsauger, hasse ich ebenso wie Ihr." Auf solche Art verband sich die Liehe zu unseren! russischen Volke, die er mit uns allen teilte, und seine geistige Gemeinschaft mit uns, in seiner Seele zu einem harmonischen Ganzen mit seinem Judentum. Eigentlich war er ein Russe im Geiste, der gleichzeitig seinen Stamm liebte. Öder noch besser gesagt, er liebte den Menschen, wo immer er ihn fand und wie immer er sein mochte. (Fortsetzung folgt.) Ltterarilchr Mitteilungen. Hosfmann, D. Mechilta des^ Rabbi Simon ben Jochai, ein halachischer und haggadischer Midrasch zu Exodus, nach handschriftlichen und gedruckten Quellen rekonstruiert und mit erklärenden Anmerkungen und einer Einleitung versehen. Auf Kosten der „Jüdisch- Literarischen Gesellschaft" zu Frankfurt a. M. gedruckt. Frankfurt a. M. I. Kauffmann, 1905. Die älteste Midraschsammlung ist die Mechilta des: R. Jsmael (im folgenden unter der Chiffre LI. R. J. angeführt), ein aus der Schule R. Zsmaels stammender, halachifche und hagga? difche Erklärungen enthaltender Midrasch zum 2. Buch Moses. Neben dieser M, R, J. aber wird in rabbinischen Schriften vom XIII. bis zum XVI. Jahrhundert auch eine Mechilta des R. Simon ben Jochai (im folgenden M. R S.) angeführt. Ein längeres Stück daraus ist nach einer alten Handschrift in der Mechilta-Ausgabe, Wilna 1844, veröffentlicht worden. Aber erst 1870 hat der rühmlich st bekannte Rektor Friedmann am Wiener Beth Ha-Midrasch in der Einleitung zu seiner Mechilta-Ausgabe das Vorhandensein einer von unserer M. R. J. verschiedenen M. R. 8. überzeugend nachgewiesen und mit Recht angenommen, daß die Bezeichnung, dieser Midraschsammlung mit dem Namen des R. Simon ben Jochai nicht den Urheber angebe, sondern nur von den Anfangsworten -p tm\ herrühre. Weiter führte der treffliche I. Levy in seiner dem Jahresberichte des Breslauer jüdisch-theologischen Seminars beigegebenen Arbeit „Ein Wort über die Mechilta des R. Simon" (Breslau, 1889) den Beweis, daß Al. R. S. zum großen Teil im Sammelwerke Midrasch Ha-gadol (handschriftlich in Berlin und Newhork) enthalten!ei und nicht der Schule des R. Simon, sondern der des Chiskija ben R. Chija angehöre. Ein weiterer Fortschritt ist die von D. Hoffmann in fortlaufenden Artikeln, in der Zeitschrift 1901 bis 1904 versuchte Rekonstruktion der Al. R. S., eine vorläufig abschließende Leistung aber ist das vorliegende trefflicheBuch, zu dem die Auffindungvon 12 Bll. aus der AI. R. 8. die äußere Veranlassung gegeben hat. Auch dieser wertvolle Fund stammt aus den von Schechter gehobenen Schätzen der sogenannten Genisa in Kairo. So war wenigstens ein Teil der M. R. 8. in der ursprünglichen Gestalt wieder aufgefunden und für die Wiederherstellung des übrigen Textes dieser Mechilta aus Midrasch ha-gadol und anderen Zitaten ein neues, wertvolles Hilfsmittel gewonnen. Die ausgezeichnete Gelehrsamkeit und anerkannte Gewissenhaftigkeit Hoffmanns hat auch in dieser, seiner neuesten Arbeit, auss glänzendste sich bewährt. Sowohl die vorausgeschickte Einleitung als auch - die Textesausgabe und die erläuternden Bemerkungen zeigen den Meister der Forschung aus dem Gebiete des halachischen und haggadischen Midrasch. Auch Al. Marx, der gelehrte Schwiegersohn des Verfassers, hat durch Mitteilung von abweichenden Lesarten aus zwei Handschriften des Midrasch ha-gadol einen wertvollen Beitrag zur Verbesserung des Textes geliefert. Sowohl dem Verfasser für seine gediegene Arbeit als auch der „Jüdisch- Literarischen Gesellschaft", auf deren Kosten die Drucklegung erfolgt ist, gebührt herzlicher Dank. Das Buch, das den Text eines verloren geglaubten Midrasch aus dem Ende des 2. Jahrhunderts in möglichst genauer Wiederherstellung uns bietet, ist eine wertvolle Gabe. Dr. N. Porges. Sprechsaal. Geehrter Herr Redakteur! u dem interessanten Aufsatze des Herrn Professor Dx. L. Geiger „Wilhelm von Humboldt über die jüdischen Frauen Berlins" (Allgemeine Zeitung des Judentums 1905. Seite 620 ff.) sei hiermit auf das Werk von Otto Berdrow, Rahel Varnhagen, Ein Lebensnnd Zeitbild, Stuttgart I960 (457 S.) hingewiesen, welches im 4. Kapitel „Salon" (S. 62 ff.) eine, nähere Schilderung des von Henriette Herz mit Karl de la^Rvche und ihrer Schwester Breuna gestifteten „Tugendbund.es" enthält. Nach Humbolds Worten, die Berdrow S. 67 anführt, war der Zweck dieser Vereinigung: „Beglückung durch Liebe." . W. von Humboldt fühlte bald, nach Berdrows Worten, „daS Lächerliche und Ungesunde des Treibens" und nach seiner Verheiratung (1791) stellte erden brieflichen Verkehr mit den Tugendbundfreundinnen allmählich ein. Nach Varnhagens Bericht soll er „später sich häufig sehr scharf und mokant über die Herz geäußert haben." Hildesheim, im Januar. Dr. A. Lewinsky. Druck und Verlag von Rudolf Mo ff« in Berlin; Verantwortlich für die nedaktion: Mr? Bauchwitz in. Berlin.