Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1906)
- Date
- 1906-01-26
- Page
- Seite 47 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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unserer Gemeinde ernannten einer von den Herren Nettesten Kommission, welche sich mit der musikalischen Einrichtung sür die Synagoge zu beschäftigen hat, zugleich aufgegeben worden, sich darüber gutachtlich auszusprechen, welche Person sich für jene Anstellung am besten qualifizierte. Die Kommission, zu welcher auch ein Mitglied des Synagogenvorstandes gehört, hat sich nunmehr für Sie entschieden, und da die Herren Aeltesten hiermit einverstanden sind, so hat nur noch die Kommission der Siebenundzwanzig, welche binnen kurzem zusammenberufen wird, über das Gehalt des zweiten Kantors zu votieren, und können Sie nächstdem Ihre Berufung erwarten. Wir finden uns umsomehr veranlaßt. Sie hiervon vorläufig zu Ihrer Maßnahme in Kenntnis zu setzen, als mit der gedachten musikalischen Einrichtung dergestalt vorgeschritten werden soll, daß der neue, aufs vollständigste zu reorganisierende Sängerchor spätestens mit dem Anfänge des Monats Nissan d. I. seine Wirksamkeit in der Synagoge zu beginnen hat. Berlin, 28. Januar 1844. Die Synagogenvorsteher: I. A. Meyer. A. Heymann. Levin Urh. (Schluß folgt.) Der Hude. Aus dem Russischen von Grigorij Matschtet. IV. ^t^anz erregt verließen wir in dichten Haufen das Restaurant und liefen in den Park, um uns zu schießen, wie wir alle schrien. Nur Gurweiß blieb ganz kaltblütig und protestierte noch immer. „Ich habe aber gar nicht die Absicht, Sie zu erschlagen oder selber erschlagen zu werden," sagte er ganz ruhig und vernünftig zu „dem Löwen", aber „der Löwe" achtete nicht darauf und beharrte hartnäckig bei seiner Behauptung. „Das ist mir alles ganz egal . . . Wir duellieren uns. Eine Beleidigung . . . Wir müssen uns duellieren!" Wie wir in den Park kamen und woher die Revolver plötzlich kamen, wahrhaftig, ich weiß es nicht mehr. Der Mond stand ganz hell an dem wolkenlosen Himmel, und die kleine Wiese, aus der wir stehen blieben, war von seinem Glanze beleuchtet genug. In der Ferne rollten ein paar Equipagen über den Fahrweg, aber im Park war alles still. Ein paar Krähen, die unser Lärm aufgeschreckt hatte, fuhren auf und schlugen schwerfällig mit ihren Flügeln das Gebüsch, dann krächzten sie ein paarmal ganz blödsinnig auf und flogen davon. Was wir eigentlich sagten und wollten, war uns wahrscheinlich allen nicht recht klar, ganz nüchtern war niemand unter uns. Abex wir alle, d. h. beide Parteien, machten Gurweiß klar, daß er sich schlagen müsse, er sei beleidigt und gefordert, es sei nun an ihm, sür seine Ehre einzustehen. Aber David Gurweiß blieb noch immer ruhig und protestierte. „Aber das ist ja dumm, zum Teufel! Wer in aller Welt will denn hier totschlagen oder sich totschlagen lasten! Ich will einfach nicht, meine Herrschaften!" schrie er zuletzt eifrig und bewegte lebhaft beide Hände. „Nein, nein, das muß sein," schrien wir alle, namentlich der verwundete Löwe. „Eine Beleidigung, eine solche Beleidigung kann ich niemals verzeihen", lallte er mit schwerer Zunge. Vielleicht wäre es zu nichts weiter gekommen, wenn Gurweiß sich auf den einfachen Protest beschränkt hätte. Aber zürn Unglück kam er auf den Gedanken, sich an den gesunden Menschenverstand zu wenden und wollte den rasenden Löwen mit Vernunftgründen überzeugen. Und als dieser noch immer seine Drohungen stammelte, wandte sich Gurweiß plötzlich mit seiner gewohnten Ruhe gutmütig an ihn: „Ja, aber warum regen Sie sich denn so auf. — Sie haben ohnedies schon eine wunde Nase. — Kommen Sie, wir wollen lieber das Blut abwaschen." Diese ruhige, gutmütige Bemerkung, die ganz so treuherzig klang, wie sie gemeint war, war der letzte Tropfen in eine volle Schale. Alle Löwen betrachteten sie als Ironie, und brüllten über die neue Unverschämtheit. Wieder begann ein entsetzlicher Spektakel, und wir schleppten Gurweiß an die Barriere. „Ich will nicht," rief er die Schultern zuckend, „hol's der Henker, was soll dieser Unsinn?" „Stell' Dich an die Barriere." »Ich spuck' auf Eure Barriere." „Feigling," rief der ganze Chor. „Ich bin kein Feigling, aber ich will mich auch nicht duellieren," antwortete er, „denn ich weiß nichl einmal, wie man schießt." Schon allein seine Ruhe bewies, daß er weit davon entfernt war, Furcht zu haben, aber darauf achtete natürlich niemand von uns. Man schob ihm einen elenden kleinen Revolver in die Hand und zeigte ihm, wie er schießen müsse. Er hörte schweigend zu, legte sogar den Finger an den Hahn und probierte ihn, während sein Gegner mit zitternder Hand nach ihm zielte und noch halbbetrunken schwankte. Aber plötzlich warf Gurweiß den Revolver zu Boden und spuckte aus. „Hol' der Henker diesen Blödsinn. — Meint Ihr, ich werd' einen Menschen totschießen, ich will einfach nicht." „Sie niüsten, — Du mußt," begann der Lärm von neuem. „Aber ich will einfach nicht." Er bewegte noch ein paarmal verzweifelt die Arme und setzte sich dann einfach auf den Boden. Das regte uns noch mehr auf. „Du bist ein feiger Kerl, Gurweiß!" „Ich bin nicht feig, aber ich will einfach nicht. Wenn er schießen will, gut," Gurweiß wies mit dem Finger nach seinem Gegner, „aber ich mache einen solchen Blödsinn nicht." Er saß noch immer in der komischsten Stellung der Welt auf dem Boden im Grase. Sein Gegner hielt noch immer den Revolver in der Hand und zögerte. Die Sekundanten protestierten. „Das, geht nicht. .. Sie haben den ersten Schuß . . . Sie sind gefordert. Stehen Sie auf." „Ich will nicht," unterbrach sie Gurweiß energisch. „Das geht nicht!" „Das ist mir ganz egal, ich gehe überhaupt weg, ich habe diese ganze Komödie satt!" „Dann schießen Sie wenigstens, in die Luft." „Wozu in die Luft, was heißt das in die Luft schießen." „Hinauf, ohne zu zielen!" Gurweiß zögerte, die dumme Komödie begann ihn einfach zu ärgern. Um ihr irgendwie ein Ende zu machen, ergriff er jetzt, noch immer sitzend, den Revolver. - „Nu?" fragte er. „Also schießen Sie." „So?" fragte er und hob die Mündung zum Mond hinauf. Dabei schloß er die Augen. „Auch so, wenn Sie wollen!"