Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1906)
- Date
- 1906-01-26
- Page
- Seite 46 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Ich sehe allerdings, daß es bei der Bauart der hiesigen Synagoge kaum einen solchen Platz gibt, und doch ist es in mannigfachen Beziehungen nicht nur wünschenswert, sondern fast unerläßlich, daß für die Beamten und Fungierenden, die zunächst an der Abhaltung des Gottesdienstes beteiligt sind, ein abgesonderter Raum vorhanden sei, wie dies denn auch in Wien und Dresden bei dem Neubau, in Prag bei dem Umbau der Synagoge gefühlt und in angemessener Weise berücksichtigt worden ist." Der musikalische Teil des Gottesdienstes in der Heidereutergasse entsprach wenig den Intentionen Sachs', der schon in Prag, wie wir aus dem Gutachten ersehen haben, bei einem geregelten Gottesdienste amtierte. Ja, der Kultus lag damals, wie es Lewandowski in einem Aufsatze berichtete, sehr im argen. Das Bedürfnis nach Organisation machte sich durch das Auftreten Weintraubs in Berlin besonders fühlbar. H. Weintraub, der später berühmte Kantor der Königsberger Gemeinde und Königlicher Musikdirektor, ging nämlich auf Kunstreisen. „Nachdem er", so schreibt Lewandowski in einem Artikel „Zwei Kantoren aus Alt-Berlin", „die jüdischen Gemeinden in Polen und Rußland im Fluge durchwandert und erobert hatte, erweiterte er seinen konzertierenden Sabbatkultus über die Grenzen seiner Heimat und kam nach vielen vortrefflichen Leistungen in den Gemeinden der Provinz Posen, eines schönen Tages mit seinem singenden Orchester nach Berlin. Weintraub hatte nur eine Empfehlung und zwar an L. I. Lewinstein, sie genügte aber, um ihn der ganzen Gemeinde zuzuführen. Lewinstein, Inhaber der ersten und größten Kattunfabrik in Europa, war ein sehr reicher und frommer Mann, von großem Einfluß, seltener Energie, und von echt jüdischer Herzensgüte. Um der Gemeinde eine Probe von den vortrefflichen Leistlingen Weintraubs vorznführen, veranlaßte er ihn, in seiner Privatsynagoge vorzubeten. Noch heute ist inir der Eindruck, den ich durch das musterhafte Ensemble empfing, frisch und lebendig in der Erinnerung. Mordechaj Perez, später Kantor in Kopenhagen, der Neffe Weintraubs, bis vor wenigen Jahren Kantor in Frankfurt a. M., und andere hochbegabte Mitglieder waren die treuen, vortrefflich geschulten und schlagfertigen Sänger seiner Kapelle. Mit jeder Piece, diein derkleinen Synagoge des Lewinstein zum Vortrag kam, stieg die Begeisterung der Gemeinde, und ich muß bekennen, daß ich Aehnliches von Juden nie gehört habe. Einzig in ihrer Art waren die Vorträge von Rossinischen Ouvertüren, welche in unnachahmlicher Vollendung von diesen Menschenstimmen exekutiert worden sind; man war entzückt, begeistert, hingerissen. Die Empörung des Gemeindevorsängers Lion und die von seinem Standpunkte gerechte Entrüstung über Entweihung des öffentlichen Kultus, die vielfachen Jntriguen, Schmähungen usw. haben es dennoch nicht verhindern können, daß Weintraub an zwei Sabbaten in der Gemeindesynagoge den Gottesdienst leitete. In den echt-jüdischen, polnischen Phantasien hat sich Weintraub vor Beginn des Freitagabendgottesdienstes auch als Violinist von der besten Seite empfohlen, und ohne Virtuose zu seinverstand er es, diesem Instrument die gemütvollsten. Töne zu entlocken! Mit diesen Konzertkulten begann aber auch für Berlin eine neue Aera. Ascher Lion, voller Neid über die Erfolge Weintraubs, hat seinen ganzen Einfluß geltend gemacht, um durch das chorische Element den Gottesdienst zu reorganisieren. 1840 ließ der Vorstand die Sulzersche Partitur aus Wien kommen. Mit dem Ankauf der Wiener Partitur hatte, das große Werk, die Reorganisation des Gottesdienstes, begonnen. Der erste ernste Schritt zur Bildung eines Chores war getan. So mangelhaft das musikalische Verständnis des Ascher Lion auch gewesen ist, erkannte er dennoch, daß nach den glänzenden Erfolgen Weintraubs der neu zu bildende Chor nur dann auf die Teilnahme der Behörden und der Gemeinde rechnen könne, wenn seine Leistungen denen des Weintraubschen Gesangorchesters gleichen oder annähernd ähnlich sich entwickeln werden. Um das möglich zu machen, hatte Ascher Lion alle nur erdenklichen Mittel ersonnen. Sein erstes Vorhaben, dem Weintraub die besten Kräfte für den Berliner Chor wegzuschnappen, ist nur in einem Falle gelungen: der Tenorist Mosche Mirkin blieb in Berlin. Diesem ersten Stein zum Bau folgten nach und nach die noch fehlenden Steine, und nach kurzer Zeit waren die Stimmen für ein gemischtes Doppelquartett beisammen. Die ersten Uebungen gingen gut von statten. Die Sopranisten und Altisten lernten leicht und schnell, der Tenor und der Baß waren in sicheren Händen. Nach vieler, Monaten ernster Studien war der Chor genugsam eingeübt. Die Resultate unseres Fleißes wurden in einem Freitagabendgottesdienst der Gemeinde zur Beurteilung vorgeführt, und ich muß dem Chor das Zeugnis geben, daß er, in Rücksicht auf die Neuheit, gute Leistungen zu verzeichnen hatte." Die Erinnerung an den Jakobson'schen Tempel trat lebendig vor die Seele des Ascher Lion und seine Rezitative trugen den Charakter eines ganz modernen Kantors. Die Gemeindebehörde, überzeugt von der Notwendigkeit, den Chorgesang beim Gottesdienst stabil zu machen, und sichtlich von den Leistungen des Chores erfreut, gewährte die Mittel zur Besoldung eines ständigen Chorpersonals. Fortdauernder Fleiß, das Bemühen, gute und begabte Knabenstimmen zu gewinnen, die Erweiterung der Männerstimmen, hatten schon nach ganz kurzer Zeit dem Chore eine künstlerische Bedeutung verschafft. Es wurden bereits schwierigere Piecen aus der Wiener Partitur geübt und trefflich ausgeführt. Die zunehmende Schwäche Lions machte oft Vertretungen notwendig; Mirkin und der Synagogendiener Seelig Joseph, ein in der Schule des alten Aron Beer, des Vorgängers Lions, gebildeter Naturalist, taten dies nach besten Kräften. Die Leistungen der Vertreter genügten der Gemeinde durchaus nicht, und die Gemeinde drängte den Vorstand, neben dem Obervorsänger Ascher Lion einen zweiten Kantor etatsmäßig anzustellen. Es wurde eine zweite Kantorstelle geschaffen und mehrere Bewerbungen gingen ein, darunter auch die des hier erwähnten Kantor Weintraub. Der Vorstand aber richtete sein Augenmerk aus Kantor Lichtenstein in Stettin, dem ein großer Ruf voranging. Unter dem 28. Januar 1844 wurde an Lichtenstein voni Synagogenvorstande folgendes Schreiben gesandt: „Nachdem wir die Anstellung eines zweiten Kantors an der hiesigen großen Synagoge als notwendig dargetan, ist