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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-01-26 · Heft 4 (26.1.1906) · p. Seite 44

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 4 (26.1.1906)
Date
1906-01-26
Page
Seite 44 (sequence 8)
Language
German
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Und doch wie grobkörnig find d andern- Gestalten gesehen und charakterisiert! „Der freche Judenjunge had nicht den Mund-gehalten. . Das ist eben der Grundmangel: Man sucht die Menschen nichts die geschildert sind. Es ist kein Romannur ein Tagebuch, wird man richtig einwenden. Aber, darum! kann der Herausgeberin doch nicht der Vorwurf erspart werden, daß es. dann ihre Pflicht gewesen wäre, ebenso gutwie sie die Namenänderte, auch die Benennungen zustreichen. Oder, weiß sie nichtdaß „Jude" ein Name ist, der die böser: Konsequenzen, zuläßt, zu verallgemeinern!. . .? Allerdings sei konstatiert, daß sie folgende Stellen stehen ließ: „Wenn ich Israelit als Judenjunge bezeichne, will ich. damit nicht sagen, daß man bej einem Juden: überhaupt solche Frechheiten und Unverschämtheiten voraussetzen: kann. Ich habe im Gegenteil grade von Juden immer ein chevalereskes Verhalten konstatieren können." Dieses „will ich nicht damit sagen" ist für das. Buch ^charakteristisch. Die Verfasserin hat ein Tagebuch geschrieben, schrieb, wie es es ihr ums Herz istaber die Herausgeberin, wußte, daß sie es einer Oesfentlichkeit dediziert und hätte mehr Sorgfalt verwenden dürfen. — fibrshgm Igdob Lichtrnttrin. Lum 100. Geburtstage. Von Hauptkantor A. Friedmann-Berlin. ls vor ungefähr 80 Jahren die Berliner jüdische Gemeinde den fortschrittlichen Ideen Moses Mendelsohns auch auf dem Gebiete des Syuagogenkultrrs folgte, waren es die Männer Rabbinatsassessor Dr. Michael Sachs und Oberkantor Lichtenstein, welche auf dem Gottesdienst in der hiesigen alten: Synagoge veredelnd wirkten. Während ersterer durch den Zauber seiner Sprache der Gemeinde das Gotteswort nahe brachte, suchte letzterer den hebräischen Gebeten durch seinen tief ergreifenden Gesang eine höhere Weihe zu verleihen. Nur der Gesang ist es, der der Liturgie das Gepräge des Gottesdienstes gibt. „Der Gesang," sagt Jellinek, „ist die Seele des Gebetes, er allein vermag uns zur feierlichen Andacht, zur Erhebung und Belebung zu entflammen, er hat die göttliche Macht, die Tiefen unseres Herzens aufzuwühlen, daß wir gerührt, und ergriffen werden." So wollen wir in nachstehendem versuchen, die Bedeutung dieses Mannes zu schildern, dem die gütige Vorsehung die Gabe des Gesanges in besonders reichem Maße verliehen hat. Lichtenstein wurde als jüngster von drei Brüdern in Preußisch-Friedland am 5. Sch'wat 1806 von hochachtbaren Eltern, die dem Kaufmannsstande angehörten, geboren. Seine Mutter war eine wegen ihrer Frömmigkeit und Wohltätigkeit weit und breit berühmte Frau. Sein ältester Bruder war Kantor und Schochet in Ortelsburg, der zweite Rabbiner in Schlochau und Preußisch - Stargard. Der jüngste, Jakob, zeigte noch mehr Talent zum Gesang als fein, ältester Bruder, und beschloß, sich diesem Berufe zu widmen. Lichtenstein verließ als 9jähriger Knabe sein Elternhaus und ging , nach Königsberg in Preußen, zu dem dortigen berühmten Chaim Leib Conrad, dem er als Sopranist treue Dienste leistete. Hier blieb er bis zu seinem 15. Lebensjahre und widmete sich nicht allein dem Gesang, sondern lag auch eifrig hebräischen und Musikstudien ob. Besonders pflegte er das Geigenspiel. Infolge seiner tadellosen Führung erhielt der kleine. Lichtenstem dm Gelaubnis-iUl seinem llakmi-Mshi8kch.dst vopbetm zn dürfen- und eMWg mit seinergeBWollW-SMrsnstimmK-nnb reichen- Phantäsie: allgWieinen'-Beifalli, DiemArMcherStimmentwiMmg-Lichtensteins ging? außergewöhnlich-. rasch vor sich, so. daß. wir ihnnn seinem-16. Lebens? jahre schomals Baß bei dem berühmten Glogauer Chasav Löwe Men». Him entwickelten sich.seine.gesanglichen FähiMiten und seine Stimme nahm an Umfang? und Fülle zu. Von Glogau ging Lichtenstem nach Posenrhiep-wuiche ex Chasan der WMqjW. und Hatto die? Ehreöfter, vor Rabbi, Akiba Egex vorzubetem Lichtenstein verließ- Posen-!? ging. nach-Frankfurt a. O,, umchei demdortigen-KantoxMwMheimdie Schechitah zu erlernen- Von hier aus, nahm Lichtensteinin Schwedt a. O: die Stelle eines, Kantors und Schächters, anblieb dort bis zum Jahre 1883 und? folgte dann: einem ehrenvollen Rufe als Kantor nach Stettin, w,o er reichlich- Gelegenheit hatte, seine musikalischen Kenntnisse M erweitern und zu vertiefen.. Im Jahre 1834 heiratete. Lichtenstein in Stettin die Tochter des hochgeachteten Lehrers Hirsch Reichart und-lebte, in, glücklichster Ehe. Lichtenstein war in den angesehWstM, Stettiner Familien ein gern gesehener Gast. Besonders, erfreute er sich der Gunst des berühmten Balladenkomponisten, Dr. Earl Löwe, In den Orchesterkonzerten unter-, Leitung Löwes spielte. Lichtenstein oft die erste Geige. Bei Oratorienaufführungenbedachte Löwe dem Gemeindekantor mit Soli-sdie Lichtenstein zum Entzücken, der, Hörer sang. So - wurde Lichtenstein der Liebling der Stettiner Gemeinde, und sein Ansehen im Gottesdienste steigerte sich, vermöge seiner immensen Stimmmittel und hervorragenden musikalischen Begabung, mit, jedem Sabbat. Es ist daher nicht zu verwundern, daß sein Ruf über diese Wirkungsstätte hinaus, verbreitet, wurde und er zu den berühmtesten Kantoren seines. Vaterlandes zählte. Auch in Berlin, der Residenz des-Reiches, regte sich das Bedürfnis nach veredelndem^ Gottesdienste, denn die neue Zeit erheischte neue Erbauungsmittel, Der erste, Schritt zur Neugestaltung der Verhältnisse in der Gemeindesynagoge (Heidereuter Gaffe) war die Berufung, des oben erwähnten Dr, . Michael Sachs aus Prag zum Rabbinatsaffeffov der jüdischen Gemeinde. Mit der Ankunft! des Dr. M, Sachs in Berlin, so schreibt Profeffor Dr. Ludwig Geiger in-seinem Buche ^Geschichte der Juden in Berlin", hielt es der Vorstand für. seine Pflicht, würdige Einrichtungenim Gottesdienste zu treffen, die den Ansprüchen der Vorwärtsstrebenden genügen und die wahrhaft Frommen nicht . verletzen sollten. Ein musikalischgebildeter Chor sollte eingerichtet werden. Chor und Vorbeter sollten der ungeregelten Beteiligung der Gemeinde am Aussprechen der Gebete entgegenwirken- und die vielfachen Mißbräuche in dem Benehmen der Betenden sollten schwinden. Das, was Michael Sachs und der Vorstand wünschten, war bereits im, Wiener Tempel, durch Prediger. Manheimer und Sulzer eingeführt. „In Manheimerwie-- in dem neuen Tempel zu Wien", äußert. Grätz in seiner „Geschichte der.Juden", „umarmte-sich Morgen- und Abendland. Als wären der Wiener Tempel und die Gemeinde von Anfang, an dazu bestimmt gewesen, das Versöhnungswerk zwischen den alten und neuen Formen zu vollziehen, hatte sich für dieselben ein Sangeskünstler gefunden, der mit seinen reichen Stimmmitteln den hebräischen-Gebeten einen fast zauberhaften Ausdruck verlieh und den alten verschnörkelten Synagogengesang in seelenschmelzende Melodien - umschuf." In diesem Sinne wollte auch die Berliner Gemeinde mit Hilfe von Sachs einen zeitgemäßen Gottesdienst schaffen, Aftein gegen die geplante NMerung erhoben die Rabbinatsaffefforen Oettmger- und Rosenstei» Widerspruch. Infolgedessen wandten'

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