Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1906)
- Date
- 1906-01-26
- Page
- Seite 43 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228690-3228695--62344-3289478- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
43 Messias sie aus den Gräbern erwecken und in das Land ihrer Väter zurückführen werde, wo Tod und Not für Ewig ein Ende haben. Als man ihnen aber in ihre verzweiflungsvolle Lage, in die end- und hoffnungslosen Leiden, die sie in Rußland zu erdulden hatten, die Aussicht brachte, sie werden noch bei lebendigem Leibe in Pälästina einziehen, so bekannten sie sich zum Messias im Frack, statt der wallenden Nebelgewänder, und hielten nun an dieser Hoffnung so zäh wie früher an der Tradition des alten Gottesgesandten, der so sehr säumt. Dieser Mangel an Einsicht und Intelligenz, sowie der persönliche Ehrgeiz und die Rechthaberei einzelner Führer dieser strammen Zionisten, haben die turbulenten Szenen auf der letzten Baseler Konferenz hervorgerufen und die ehrlichen, vernünftigen Bestrebungen einsichtsvoller Männer, die lieber die Hand nach einer englischen urbaren Parzelle aus strecken als nach einem im Monde gelegenen Reiche, zu nichte gemacht. Man ließ die Wirklichkeit liegen, um einem Phantom nachzujagen; man nahm die neue Verheißung als ob sie vom Sinai käme. Statt sich zusammenzuschließen, stob man auseinander, statt einig zu sein, zerklüftete man sich in Parteien, uneingedenk, daß die Uneinigkeit der Fluch Polens und lange die Schwäche Deutschlands war. Und doch ist ein einiges, zielklares Vorgehen dringend geboten^ denn die schwindelhafte russische Verfassung, die der nächste Hauch des Autokraten wieder wegblasen wird, bietet keine Beruhigung. Die Verfassung ist eine Erfindung, für die Pobodonoszew Absolution geben wird. Die Gleichberechtigung der Völker, der Stände, der Religionen ist eine bewußte, hinfällige Phrase, die höchstens bis zur Rückkehr der ruhmreichen Armeen aus der Mandschurei aufrecht erhalten wird; dann kommen frische Würger und bezeugen unschuldigen, wehrlosen Menschen gegenüber den Mut, den sie den Japanern gegenüber verheimlichten. Zur Feier der Verfassung wurden von der Regierung und dem freiheittrunkenen Volke tausende Juden hingeschlachtet - welche Katakomben wird noch dann die Reaktion häufen! Die Judenverfolgungen in Rußland im Jahre 1880, welche sie zur zahlreichen Emigration zwangen, waren lange nicht so blutig wie die jetzigen; einige Demolierungen und Plünderungen in Kiew, Odessa, Elisabetgrad und in einigen kleineren Orten; einige Tote, mehrere Verwundete, während jetzt das Blut in Strömen fließt, tausende kannibalisch hingewürgt werden, viele Millionen an Vermögen den züngelnden Flammen und den verruchten Händen gottloser Räuber verfallen und nicht einmal Zeit zur Flucht bleibt, um das nackte jämmerliche Leben vor den entmenschten Horden zu retten! Die Judenverfolgungen in Rußland, welche unter Nikolaus I. in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts begannen und sich durch die gewaltsame Wegnahme kleiner jüdischer Knaben zur Erziehung für den Militärdienst äußerten, waren niemals so grausam als in unserer schönen Zeit der Kultur und Humanität. Man kann sogar in frühere Jahrhunderte zurückgreifen, in die dunkle Zeit der Kreuzfahrer, in die unselige Periode des fanatischen Johanns von Capistrano in der Mitte des XV. Jahrhunderts, in bieblutigen Tage im Mai und Juni 1664, wo unter Anführung der Jesuiten und ihrer adligen Zöglinge in Lemberg ein so fürchterliches Judenschlachten stattfand — niemals und nirgends sind so viele Menschenopfer hingemordet, so viel mühselig erworbenes Gut vernichtet worden, wie i» den letzten Monaten in den russischen Hauptstädten, den Zentren der Regierung, der Bildung, des höheren Adels und des ruhmreichen Militärs! Wahre Bäche von Blut rieselten durch die von Inden bewohnten Gassen — Leichenhaufen wie auf einem Schlachtfelde. Werte von Hunderten Millionen durch Raub, Feuer, Wasser, Zerstücklung und Zersetzung vernichtet, und da wird geflügelt, wo den Unglücklichen ein Asyl zu öffnen! In der Hölle, wo es besser sein dürfte als in Rußland! Und in Rumänien? In Rumänien, dessen Poetische Königin von Freiheit, Aufklärung, Brüderlichkeit und Gerechtigkeit singt, sind wohl nicht 50 000 Juden gemordet und 100 000 zu Krüppeln und Siechen gemacht worden wie in Rußland, aber die Zahl der wirtschaftlich Hingestreckten ist kaum geringer. Der Unterschied ist, daß die Rumänen die Juden trocken fressen und die russischen Bestien noch dazu ihr Blut trinken. Aber Scheusale sind die Einen wie die Andern und die rascheste Flucht eine Notwendigkeit, die niemand bestreiten wird. Jede Zögerung, einen Weg zu öffnen, ist ein Verbrechen. Jeder Jude, dem sein so unglückliches Volk zu Herzen geht und der für dasselbe nach einem Ausweg sucht, muß mit der kräftigsten Stimme der UeberzeuguNg rufen: Hinaus mit tausend Masten aus diesen gottverfluchten, blutrünstigen Ländern der Mordbrenner, der Kannibalen und Vandalen — hinaus aus diesen Ländern der Menschenschlächterei und des Brudermordes — hinaus wohin immer, gleichviel wo das Asyl liegt, und liegt es im Schutzgebiete des englischen Staates, wo die britische Flagge weht, dann mögen um so rascher die Schleusen dorthin geöffnet und die Jammernden aus den Händen der wilden Meuchelmörder befreit werden! Diejenigen, die auf eine Ueberführung nach Palästina und nur Palästina warten wollen, mögen in Rußland und Rumänien sich gedulden und durch ihre Gebete die Ankunft des Messias beschleunigen, während doch eine große Anzahl ihrer Brüder in Sicherheit zu bringen ist. „Tagebuch narr Verlorenen/' Von A. Halb ert, Breslau. eine Kritik will ich über das „Buch der Saison" schreiben; denn wollte ich das tun, müßte ich ehrlich bekennen, daß es mir leid tut, vom künstlerischen Gesichtspunkt sogar wehe, daß dieses Buch in die Welt drang. Das ist kein Vorwurf gegen die Herausgeberin, die sich energisch wehrt, als Verfasserin zu gelten. Sie selbst betont es, daß dieses Buch ein Dokrunent der Zeit sein soll, kein künstlerisches Werk. Als Dokument der Zeit ist das Buch wenig charakteristisch. Der Kampf, der sich in den Tiefen des Lebens abspielt, ist wohl berührt, gestreift, aber Tymian ist weder ein Typus, noch ein Charakter. Wirklich rührend und ergreifend, wirklich menschlich und humaN berühren nur wenig Stellen in diesem Tagebuche. Aber, nicht doch — ich wollte ja gar keine Kritik schreiben. Nur als Humanitätsschrei wollte ich das Werk betrachten, als Schrei einer Seele, die in der Welt verloren geht, im Leben untersinkt, nicht weil das Leben so hart, sondern weil die Menschen so düster und engherzig sind. Und weil wir dabei sind, wollen wir die Engherzigkeit der Geschehnisse in diesem Buche betrachten. Da sind einige jüdische Gestalten. Das heißt, Gestalten ist wieder euphemer ausgedrückt. Eine Gestalt, der Arzt Julius, ist sympathisch geschildert. Tymian selbst liegt er am Herzen, er ist der einzige Mensch, den sie im Leben lieb gewann. „Daß sie mir meinen Julius gut behandelt in ihrem Roman", verlangt Tymian von ihrer Freundin Grete — Margarete Böhme.