Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1906)
- Date
- 1906-01-26
- Page
- Seite 41 (sequence 5)
- Language
- German
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Wie bereits gemeldetsindbei den letzten englischen Wahle» 32 jüdische Kandidaten aufgestellt worden. Bon diesen, ist ein konservativer, Mr. Jose S. Levy, noch m zwölfter Stunde von seiner Kandidatur zurückgetreten. Ban den übrigbleibenden 31 Wahlkreisen haben bis. zum IS. d. M. in. 18 die Wahlen bereits stattgefunden, mit dem Ergebnisdaß 8 Juden gewählt und 10 durchgefallen sind. Bon den bisherigen vier liberalen Abgeordneten sind die Herren Rusus Jfaacs in Reading. Stuart M. Samuel in Whitechapel und der neue Unterstaatssekretär des Innern, Herbert. L. Samuel, in Dorkshire, letzterer ohne Kampf, wieder gewählt worden. Ferner wurden neu gewählt die Liberalen Horacio Meyer in Lambeth, Alfred Moritz Mond in Chester, B. S. Strauß in Mile End und E. A. Strauß in Berks. Ueberall. haben die neu gewählten Abgeordneten es verstanden, Unionisten zum Teil mit großer Majorität zu verdrängen. Mr. Alfred Moritz Mond, der Sohn des bekannten Gelehrten, ist ein begeisterter Judeder an öffentlichen Arbeiten lebhaften Anteil nimmt. Dagegen sind die liberalen- Kandidaten Haldinstein, Langdown und Mendel im Kampfe unterlegen. Bvn den bisherigen konservativen Abgeordneten kehrt nur Sir Edward Sassoon zurück, während Sir Benjamin L. Cohen, Major Jessel und Harry S. Samuel in East' Jslington, St. Panceas-Süd und in Limhouse auf der Strecke geblieben sind. Bon den jüdischen konservativen Kandidaten sind unterlegen die Herren: Belilios, A. Rosenthal, Arthur Strauß und Samuel Samuel, der Bruder des vorjährigen Lordmayors von London. Alfred' Rosenthal, der in- Glasgow als Tarifreformer der Chamberlainffchen Schule kandidiert hatte, brachte es bei 10 500 Wählern nur auf 295 Stimmen. Groß warauch die Niederlage von Samuel Samuel, der in Leeds keinen geringeren als den gegenwärtigen Minister des Innern, Herbert Gladstone, verdrängen wollte. Die Niederlage des Sir Benjamin L. Cohen, der ein ganzes Menschenalter hindurch an der Spitze zahlreicher jüdischer Institutionen gestanden hatte, wird um so lebhafter bedauert, als er schon seit 12 Jahren den Wahlkreis vertrat' und in den letzten Parlamentswahlen mit einer Majorität von 1619 Stimmen gewählt wurde. Die Liberalen gewannen aber 2386 Stimmen. Große Freude erregte dagegen die Niederlage des Sir Harry S. Samuel: Sümuel verdankt dies seinem Verhalten in Angelegenheit der Fremdenbill. Nicht nur hielt er es als Jude für seine Pflicht, für diese Bill ostentativ zu stimmener schämte sich nicht einmal, sich von den antisemitischen englischen Strebern als Renommierjude mißbrauchen zu lassen und in Gemeinschaft mit Sir Howard Vincent, Major Evans Gordon, F. Ridley und andern Fremdenfeinden in antiallienistischen Versammlungen gegen die Fremden zu hetzen. Wie in East London hat auch in der Provinz die Fremdenbill eine Rolle gespielt. So haben die 800 jüdischen Wähler von Manchester Mann für Mann gegen die Konservativen gestimmt. Sehr energisch traten sie für den jugendlichen Unterstaatssekretär der Kolonien, Mr. Windston Churchill, ein. Churchill war bekanntlich einer der feurigsten und beredsamsten Bekämpfen der Fremdenbill. Er erklärte nach der Wahl, daß es nicht leicht sein wird, die Fremdenbill wieder aufzuheben, da es in England nicht Sitte ist, daß ein Ministerium die von seinem Vorgänger geschaffenen Gesetze ohne weiteres wieder aufhebt. Allein die ganze Ausführung der Bill liege in den Händen der Verwaltung und diese werde mit Hilfe des neuen Unterstaatssekretärs des Innern schon dafür sorgen, daß die Bill überaus human angewendet wird. Am 7. v. M. sttnd in Chicago auf Veranlassung des Bne Brith-Ordens eine Konferenz aller jüdischen Vereinigungen Amerrkasstatt, in welcher nebst einem flammenden Protest gegen die Judenmassakers in Rußland in betreff der Jnimigrationsfrage zwei Resolutionen angenommen wurden. Die erstes spricht sich ganz entschieden im Jntereffe der Menschlichkeit und der Kultur gegen jede weitere .Erhöhung der von den Einwanderern bei der Landung zu erhebenden Abgabe aus. Die zweite Resolution tritt dem Beschluß der Nationalkonferenz vom 8. Dezember bei, wonach die Untersuchung der Emigranten in den Einschiffungshäsen zu erfolgen hat. Endlich wurde beschlossen, ein Komitee zum Studium: der Verhältnisse in den andern Ländern des amerikanischen Kontinents einzusetzen, um so de»: jüdischen Emigranten die Auswanderung nach andern Ländern Amerikas zu. erleichtern. Wie groß die Zahl der Flüchtlinge werden. wird, beweist, daß allein am 29. v. M. mit dem „Grafen Waldersee" der Hamburg-Amerika - Linie nicht weniger als 1800 jüdische Immigranten in Newyork gelandet sind. Das merkwürdige Australien nimmt auch in bezug auf die Juden eine ganz eigenartige Stellung ein. Man kennt in Australien die antisemitische Plage kaum vom Hörensagen. Dort hat der Judenhaß weder gesellschaftlich noch politisch je Eingang gefunden, so daß auch die Judenemanzipation in Australien nie proklamiert zu werden brauchte. Der Grund für den völligen Mangel an Antisemitismus war die Tatsache, daß. die Juden an der jungen, kaum hundert Jahre alten Zivilisation des Landes von Beginn an lebhaften Anteil nähmen. In vielen Orten waren sie nahezu die ersten Ansiedler und haben so zur Entwicklung und Begründung der Staaten im hohen Grade beigetragen. So gehört ein Jude namens Jacob Montefiore zu den Begründern von Südaustralien. Derselbe, sowie sein Bruder Josef Montefiore haben auch zur ersten Entwicklung von Neu-Südwales erheblich beigetragen. Ein gewisser Nathaniel Levy zählte zu den ersten Begründern des Kohlenbergbaues in Viktoria. Das Haus David Cohen <& Co. in Sidney ist das älteste Handlungshaus in Australien. Alles dieses mußte zur Folge haben, daß die Juden in erster Reihe in Haus und Familie, in Gesellschaft und Kommune von vornherein als gleichgestellt angesehen wurden. Das andere 'kam infolge tüchtiger Arbeit von selbst. Fast: alle großen Städte Australiens hatten schon einmal einen jüdischen Lordmahor. Im Jahre 1900 hielt man es bei der Eröffnung des ersten Federal Parlament durch den Prince of Wales für notwendig, auch einen Juden zu den Feierlichkeiten zuzuziehen: In Neu-Südwales wurde der Richter Cohen, ein begeisterter Anhänger des Judentums, als Oberrichter fast einstimmig gewählt. In demselben Staate war Sir John Vogel Premierminister. Die gleiche Stellung nahm im Jahre 1899 V. B. Salomon in Südaustralien ein. In Viktoria war ein Jude namens Sir Julian Salomon Justizminister. Gegenwärtig sitzt in Westaustralien ein Jude im Ministerium, und in Viktoria bekleidet Jsaac A. Jsaacs das Amt eines Generalstaatsanwaltes. Was die Beschäftigungder Juden anbelangt, so treiben sie Handel und Industrie, zwei wichtige Erwerbszweige, welche in Australien zum großen Teil den Juden ihre Entwicklung verdanken: Die große Stellung, welche die Juden in Australien einnehmen, ist um so bemerkenswerterals die jüdische Bevölkerung daselbst geradezu: verschwindend genannt werden muß. Im Jahre 1891 zählte das-gegenwärtige Comxnanwealth of Autralia