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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-01-26 · Heft 4 (26.1.1906) · p. Seite 38

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 4 (26.1.1906)
Date
1906-01-26
Page
Seite 38 (sequence 2)
Language
German
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'-'—— 38 ' —— ' ’’:";'J ";V ’''''^ ■ :’;v';.:r^::L; der Vizepräsident Fairbanks, der frühere Präsident Roger Cleveland, der Staatssekretär Root, der Gouverneur -Higgins, der Mayor-von Newyork, in öffentlichen Versammlungen und in Zuschriften ihre wärmste Sympathie für die russischen Zuden ausdrückten: Nicht geringeren, vielleicht sogar noch größeren Eindruck machte es auf die Juden, daß Geistliche aller christlichen Konfessionen und Sekten mit lebhafter Teilnahme für die Juden eintraten. Wenn ein christlicher Geistlicher sagen konnte, der Atheismus selbst sei der christlichen Kirche vorzuziehen, die solche Greuel, wie die in zahlreichen russischen Städten gegen die Juden verübten, zulaffe, wenn ein anderer christlicher Geistlicher den Wunsch aussprechen ' konnte, daß Gott seinen Arm ausstrecken und Rußland mit noch größeren Plagen heimsuchen möge, als er es in Aegypten getan, was konnte man erst von einem russischen Juden erwarten, der in einer Versammlung erklärte, ihm seien in Kischinew und Odessa zwölf Verwandte ermordet worden? Was konnte man von den Versammlungen erwarten, in welchen fast jeder Jude ein Opfer der russischen Judenpolitik ist, durch sie verarmt, ins Exil getrieben und gezwungen worden ist, fern von den Seinen für einen Hungerlohn zu arbeiten? Wir haben, wie man sieht, nichts beschönigt. Wir sind überzeugt, daß kein billig denkender Mann, keine Frau, es werden übers Herz bringen können, auf die endlich zur Selbstwehr greifenden Juden einen Stein zu werfen, auch nicht einmal auf diejenigen Juden, die gleich sehr vielen Bewohnern Rußlands sich an der revolutionären Bewegung beteiligt haben. Haben ja in Rußland wiederholt sogar Edelleüte — man denke an die Dekabristen — die doch wahrlich auch nicht unter dem russischen Regiment den zehntausendsten Teil von dem zu leiden hatten, was die Juden,, sich zur Verschwörung und Empörung gezwungen gesehen. So lagen und liegen die Dinge in Rußland. Aber die Juden sollen ja nicht bloß russische, sondern überhaupt Revolutionäre sein. Zwar sind sie durch ihre Religion wie durch ihre ausnahmslos friedlichen und auf den Frieden direkt, angewiesenen Berufe durchaus nicht für den Krieg prädisponiert, aber das tut wieder einmal nichts. Es hinderte dies den Gießener Professor D r. Biermer nicht im geringsten, zu dozieren, daß „in allen revolutionären Bewegungen, über deren Verlauf wir hinreichend unterrichtet sind, Agitatoren und Literaten jüdischer Abstammung die Klassenverhetzung systematisch betrieben." „Ich bin in der Lage," — so sagteer — „dies auf Grund von gesammelten Notizen beweisen zu können. Hier würde es zu weit ühren. Auch die trostlosen und abschreckenden Vorgänge im heutigen Rußland gewinnen unter diesem Gesichtspunkt ein etwas anderes Bild, als es uns die deutsche Presse gewöhnlich zeigt. Es dürste bekannt sein, daß die russische Arbeiterschaft und das russische Proletariat, unter denen sich zahlreiche Juden befinden unter semitischer Führung, nur nach einer lange vorbereiteten-Wühlarbeit revolutionärer Geheimbünde einen so unversöhnlichen Charakter angenommen haben, daß es schließlich, wie ich fest überzeugt bin, doch noch dazu kommt, daß die Grobfürstenpartei und die mit ihr verbündete Reaktion wieder die Oberhand gewinnt usw." Zum Schluß resümierte sich der Vortragende dahin, „daß das Judentum, wenigstens dasjenige, das neu in der Kulturwelt auftritt, einen bedauerlichen Mangel an historischem Sinn, eine erschreckende Respektlosigkeit vor den bestehenden staatlichen Gewalten und eine ausgesprochene Neigung zu kosmopolitischen Tendenzen ausweist." Da hätten wir denn einen professoralen „Beweis" für die von den Antisemiten so oft aufgestellte Behauptung, daß die Juden die geborenen Revolutionäre sind. Nur wird dieser Beweis einigermaßen beeinträchtigt durch die Tatsache, daß nach antisemitischer Behauptung die Juden an allem schuld seien. Die Juden haben, immer nach den.Antisemit«^ -allein in neuerer Zeit de» Buxenkrieg, henDrieg mit Japan, den Konflikt mi^ Venezuela, den^MsroÜostreit und die Revolution in Rußland »ngezettD. Z M. ß? V* , Aber das ist.noch lange nicht alles. Prof. Gotthard Deutsch zählt in einem im „American Jsraelite" vom .14. Dezember veröffentlichten Aufsatz mit. Angabe der Quellen ans, was man u. a. im Laufe der Zeit den Juden in die Schuhe geschoben hat. So sollten sie die Mongolen nach Europa gebracht, den Einmarsch der Hussiten in Sachsen verschuldet, die Reformation verursacht haben, verantwortlich sein für die Hegelsche Philosophie uyd für die Jnmoralität der modernen Oper. Die Liste ist auch'nicht annähernd vollständig. Die „Kreüzzeitung" hatte die Juden für den Boxerausstand in China zur Rechenschaft gezogen. Daß Kardinal Rampolla nicht zum Papst gewählt worden ist, soll auch Schuld der Juden sein, und es würde uns gar nicht wundern, wenn die Antisemiten die neuliche Verurteilung der Jndenmetzeleien durch den gegenwärtigenPapst darauf zurückführten und das Haupt der katholischen Christenheit für „verjudet" erklärten. In der letzten Dezembernummer der „Review of Reviews" werden die Juden auch verantwortlich gemacht für die Prädestinationslehre, und daß sie durch Brunnenvergiftung Pest und Cholera verbreitet haben, wußte früher jedes Kind, ebenso jetzt, daß Warenhäuser, das schlechte Theater, die Presse u. a. auf ihr Sündenregister konnnen. Man legt den Juden gar zu viel zur Last, und das ist allein schon Grund genug, daß einigermaßen vernünftige Menschen Verdacht schöpfen, ob nicht am Ende Vorurteil und Gehässigkeit öder auch Oberflächlichkeit die eigentlichen Ursachen jentzr Beschuldigungen sind. Es muß aber auch jedem nicht ganz Verblendeten auffallen, daß die Juden, die so allmächtig sein und Kriege, Revolutionen. Völkerwanderungen zuwege bringen, Religionen stiften und philosophische Systeme beeinflussen, ja auch Seuchen heraufbeschwören können, nicht imstande sein sollten, in Preußen einen einzigen — Leutnant aus ihren Kreisen hervorgehen zu laffen, und gar nicht imstande, zu verhindern, daß sie — was doch gewiß unangenehm ist — niedergemetzelt und in jeder Beziehung zu allen Zeiten stiefmütterlich behandelt worden sind und in vielen Ländern noch werden. So ist die jüdische „Allmacht" wohl auch nur eines jener unglaublichen Märchen, trotz der Professoren Schiemann und Biermer; ein Märchen, das geglaubt wird, weil man im Laufe der Jahrtausende gewöhnt worden ist und sich gewöhnt hat, von den Juden das allerdümmste. Zeug zu glauben. Es soll uns wundern, ob in. den Professoren Schiemann und Konsorten jemals die Erkenntnis aufdämmern wird, daß, wenn die Juden in Rußland und anderen Ländern nicht so behandelt würden, wie sie behandelt werdend ste nimmermehr an den revolutionären Bewegungen sich in, wie sie behaupten, so hervorragenden Maße beteiligen würden. Und neugierig auch sind wir, ob in diesen Profefforenköpfen jemals der Gedanke aufblitzen wird, daß es das Klügste wäre, die Juden, wenn sie wirklich so. „allmächtig" sind, sich zu Freunden zu machen und sie nicht durch die kleinlichsten und brutalsten Maßregeln aufs tiefste zu erbittern und hier und da selbst zur Verzweiflung zu treiben. Sollte die Erleuchtung einmal über die Herren kommen, dann gelangen sie am Ende auch dahin, so von den Juden zu denken wie englische und amerikanische Staatsmänner, und für ihre bessere Behandlung einzutreten.

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