Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1906)
- Date
- 1906-01-19
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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«-1J- ''’r’-'^ lassung. Ihnen aufrichtigen Tank auszusprechen. Die Verwaltung unserer Finanzen, die Regelung der Zufuhr gesunder Nahrungsmittel, die Ordnung unserer Verkehrsfragen und zahlreiche andere Gebiete städtischer Selbstverwaltung weisen Spuren Ihrer segensreichen Arbeit auf. Bei Ihrem erprobten Gemeinsinn dürfen wir erwarten, daß Sie auch fernerhin unser treuer Mitarbeiter bleiben, solange es Ihre Kräfte gestalten, und daß dies noch eine recht stattliche Reihe von Jahren Ihnen und uns vergönnt sein möge, ist der Wunsch, den wir unserem Jubilar heute darbringen. Die Stadtverordneten der Haupt- und Residenzstadt Berlin, gez. Dr. Langerhans." Oberbürgermeister Kirschner, dev durch amtliche Geschäfte behindert war, persönlich zu erscheinen, hatte mit vielen anderen Magistratsmitgliedern ein Glückwunschtelegramm gesandt. Stadtverordneter Justizrat Cassel überbrachte die Wünsche der Fraktion der Linken. e. Stolp i. P., 10. Januar. Am 8. d. M. feierte Herr L. G. Golde, der verdiente Leiter unserer Gemeinde, seinen 70. Geburtstag. Aus seinem religiös und jüdisch fühlenden Herzen heraus brachte er den Gemeindeangelegenheiten stets ein volles, lebendiges Interesse entgegen, das er viele Jahre hindurch als Mitglied des Vorstandes und zuletzt als Vorsitzender desselben in reichem Maße zu bewähren Gelegenheit fand. Der Bau unserer neuen Synagoge, die eine Zierde unserer Stadt bildet, ist vor allem sein Werk, das er mit Hingebung. Gewissenhaftigkeit und unendlicher Sorgfalt geleitet Und zu einem glücklichen Ende geführt hat. Dadurch, aber auch durch die Besonnenheit und Präzision, mit denen er die Verwaltungsgeschäste führt, hat er sich die Gemeinde zu aufrichtigem und dauerndem Danke verpflichtet. Dies fand auch wiederholt gebührenden Ausdruck in den Ansprachen, die im Hause des Jubilars gehalten wurden. Zunächst sprach Herr Rabbiner Dr. Joseph in seinem Namen und zugleich im Namen der anderen religiösen Beamten der Gemeinde, dann Herr Moritz Aron im Aufträge beider Gemeindekollegien, Herr Siegfried Samuel im Aufträge der Chewra Kadischa, deren Ehrenmitglied Herr Golde ist, und endlich Frau Philipsthal im Namen des Frauenvereins. Die Gemeindekollegien widmeten Herrn Golde einen Pokal, die religiösen Beamten einen Chanukahleuchter. Tiefbewegten Herzens dankte der Jubilar für alle ihm dargebrachten Ovationen. An der Frühstückstafel sprachen dann noch Herr Brat, Herr Dr. Wolffberg und Herr Justizrat Jacoby, und wurde hierbei insbesondere der Gattin des Jubilars gedacht, die mit der ganzen warmen,Teilnahme ihres guten, frommen Herzens die Tätigkeit ihres Mannes begleitet. Möge der Jubilar noch lange in Kraft und Gesundheit unserer Gemeinde erhalten bleiben! dl. Kreuzbnrg O.-S., 3. Januar. Am 26. v. M. verschied hier nach längerem, schweren Leiden der Vorsitzende des Vorstandes der hiesigen jüdischen Gemeinde, Herr Gotthold Proskauer, im Alter von 64 Jahren. Der Verstorbene, aus einer alt-eingesessenen, frommen Familie stammend, stand über drei Jahrzehnte an der Spitze der hiesigen Gemeinde; außerdem war er lange Jahre hindurch Stadtverordneter, Rendant des israelitischen Frauenvereins, Vorsitzender des kaufmännischen Vereins, Mitglied der Charitas-Loge und anderer gemeinnütziger Veranstaltungen. Allen diesen Ehrenämtern widmete er sich mit seltener Pflichttreue, rastlosem Eifer und hingebendster Treue. Ein schwerer, fast unersetzlicher Verlust für unsere Gemeinde! Die Beerdigung gestaltete sich denn auch zu einer imposanten Trauerkundgebung. Nachdem Herr Rabbiner Dr. Lewin- Kempen inl Trauerhause eine kurze Trauerandacht abgehalten hatte, erfolgte am 29. v. M. die Ueberführung in die Synagoge, die Zeugnis ablegte von der allgemeinen Verehrung und Beliebtheit des Verstorbenen. In dem nach Hunderten zählenden Trauerzuge bemerkte man unter anderen den Magistrat mit dem Bürgermeister, die Stadtverordneten, die katholische Geistlichkeit, Mitglieder der Charitas-Loge und fast alle angesehenen Bürger. Nach einem vom Kantor Neumann stimmungsvoll vorgetragenen Trauergesang hielt Rabb. Fabian-Breslau die Gedenkrede, in welcher er in ergreifenden Worten die Verdienste des Entschlafenen schilderte. Am Grabe widmete Kantor Neumann dem Entschlafenen Worte des Dankes, und der Präsident der Charitas-Loge, Herr Stein-Kempen, sprach das übliche Trauergebet. Ehre dem Andenken des Verstorbenen. s. Hamburg, 14. Januar. In politischen Blättern wird eine merkwürdige Entscheidung des Kammergerichts erwähnt. Für ein uneheliches, evangelisches Kind hatte der Waisenrat einen jüdischen Vormund bestellt. Die Mutter aber bat nach vier Monaten um Entlassung desselben beim Vormundschaftsgericht. Das Amtsgericht und Landgericht lehnten jedoch den Antrag der Mutter ab. Das Kammergericht dagegen ordnete an, „daß,- wenn besondere Gründe für Bestellung eines Vormundes mit abweichendem Bekenntnisse nicht vorlägen, dieser Vormund zu entlassen sei." Es wird nun mit Recht darauf hingewiesen, daß das bürgerliche Gesetzbuch im 8 1785 bestimmt, daß jeder Deutsche (Evangelisch-lutherische oder Juden oder andere Konfessionen werden dort nicht erwähnt) die Vormundschaft übernehmen muß, wenn nicht einer der Gründe der 88 1780—1784 vorliegt oder falls er sie nicht nach 8 1786 ablehnen kann. — Es steht in diesen 88 1780 — 1784 und 1786 kein Wort von der Konfession, weder von evangelisch-lutherischer, noch von jüdischer, und es findet sich nur im 8 1779 die Vorschrift, daß bei der Auswahl (nicht bei der Absetzung) auf das religiöse Bekenntnis des Mündels Rücksicht zu nehmen ist, — und ferner bestimmt 8 1801, daß die „Sorge für die religiöse Erziehung dem Vormund entzogen werden kann, wenn der Vormund nicht, dem Bekenntnis angehört, in deur das Mündel zu erziehen ist." Die betreffende Entscheidung findet sich im Jahrbuch der Entscheidungen des Kammergerichts Band 29, Seite 13—18. — Treysa, 2. Januar. Unser sonst so friedliches Städtchen hatte jüngst auch eine Ritualmordlüge. Ein bei einem jüdischen Kaufmann bedienstetes Mädchen war plötzlich spurlos verschwunden. Von antisemitischer Seite wurde daraufhin der Vorwurf erhoben, der Dienstherr des Mädchens habe einen Ritualmord begangen, um für das jüdische Osterfest Christenblut zu bekommen. (!) Der „Ritualmord" wurde allerdings bald aufgeklärt. Das Mädchen war guter Hoffnung und hatte sich in diesem Zustand in einem Anfall von Schwermut mehrere Tage in einem Strohhaufen versteckt gehalten. Der herbeigerufene Arzt konstatierte denn auch sofort Irrsinn. Das Mädchen wurde in die Jrrenheilanstalt zu Marburg überführt und nach acht Tagen entlassen. Die Urheber sollen gerichtlich zur Verantwortung gezogen werden. Es wird noch berichtet, daß man den Juden drohte, mit Gewalttätigkeiten gegen sie vorzugehen, ihre Habe zu vernichten und ihnen das Schicksal der russischen Juden zu bereiten. Und die Gebildeten? Keiner trat dagegen auf! Das alles klingt unglaublich; aber Treysa gehört zum Wahlkreis des Herrn Liebermann v. Sonnenberg, der am 12. Dezember im deutschen Reichstage bedingungsweise erklärt hat: „So würde gegen die Juden nach dem ungeschriebenen Gesetze verfahren werden: wer einen Juden totschlägt, beerbt ihn." — Gssen, 11. Januar. Der Verband israelitischer Lehrer des Rheinlandes und Westfalens nahm in seiner Generalversammlung eine Resolution gegen das Volksschulunterhaltungsgesetz an, das der jüdischen Volksschule die Rechtsgrundlage versage, ihren Fortbestand dem Ermessen der Schulverbände und der Bezirksregierungen überlasse und den jüdischen Kindern nicht die Fürsorge für den Religionsunterricht angedeihen lasse — wie den katholischen und evangelischen. Die Resolution fordert die Aufhebung des Paragraphen 14 des Entwurfs. Gesterretch-Ungarn. Wien, 15. Januar. Der Reichsrat wird in den Letzten Tagen dieses Monates einberusen werden. Die Wahlreform wird eine der ersten Regierungsvorlagen sein. Man kann sich denken, mit welcher Spannung auch die Juden Oesterreichs als solche dem Ausgang der Sache entgegensetzen. Inzwischen hat sich hier ein — natürlich zionistisches — Wahlrechtskomitee gebildet, das die Agitation für die Anerkennung der.Judenschaft als politische Individualität gelegentlich der Wahlreform leitet. Am 7. d. fanden in Galizien mehr als 250 jüdische Versammlungen statt mit der Tagesordnung: „Die Wahlreform und die Juden." Auch wurden zahlreiche ähnliche Versammlungen in der Bukowina abgehalten. Der Abg. Dr. Byk veröffentlichte gegenüber dieser Agitation einen offenen Brief an die jüdischen Wähler Lembergs, in dem er die Judenkurie energisch bekämpft. — Die Familie des vor einigen Jahren verstorbenen Professors Dr. David Kaufmann hat dessen große, an wertvollen alten Handschriften und seltenen Werken reiche Bibliothek der ungarischen „Akademie für Wissenschaften"