Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1906)
- Date
- 1906-01-19
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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geschenkt. — In Nyireghhaza ist, 75 Jahre alt, der Oberrabbiner Karl Friedmann an Altersschwäche gestorben. Vier Jahrzehnte hat F. dort gewirkt. Das Begräbnis währte von 9 Uhr vormittags bis 4 Uhr nachmittags und verlief in imposanter Weise. 20 Rabbiner hielten Reden; an dem Trauerzuge nahmen mehrere tausend Personen teil. — Der Kaiser hat dem Kultusvorsteher und Weingroßhändler Sigmund Kauders den Titel eines kaiserlichen Rates verliehen.— Enslanv. o. London, 8. Januar. Die große, vom Board of Deputies angeregte Protest - Kundgebun g gegen die Judenmassakers in Rußland fand heute unter dem Vorsitze des Lord Rothschild statt. Der Bischof von Ripon, der Erzbischof von Westminster, Viscount Milner, Dr. F. R. Horton, Lord Kinnaird, der Lordmayor und Herr Stettaüer, ein Mitglied des jüdischen Unterstützungsfonds, nahmen als Redner teil. Die Halle war überfüllt. Lord Rothschild führte in seiner. Rede aus, es sei schwer zu sagen, ob die traurige Lage der Juden in Rußland durch den unglücklichen Krieg, durch die schlechten Handelsverhältnissedie Hungersnot, oder den langjährigen Despotismus herbeigeführt worden sei. Der Zar sei sich des Aufruhrs seines Reiches bewußt und habe daher Reformen bewilligt. Zweifellos wären aber der Mehrzahl* der Berater des Zaren die Reformen verhaßt, und diese wollen dem Zaren die Ueberzeugung beibringen, daß das russische Volk keine Reformen wünsche. Es wäre töricht, anzm nehmen, daß die Juden die Hauptanftifter der Reformbewegung seien. Rothschild sagte weiter, er glaube nicht, daß oie russische Regierung die Judenhetzen wünsche. Sie wünsche die Ruhe und die Wiederkehr des Wohlstandes nach dem verlustreichen Kriege. Er sei überzeugt davon, daß man den Zar persönlich für die Metzeleien nicht verantwortlich machen könne, aber die Greuel geschehen und ihre Verüber bleiben unbestraft. Die russischen Juden ersehnen die Freiheit und die Gleichheit ebenso wie die übrigen Untertanen. Die Versammlung verstand diese Anklage gegen die russische Regierung und begleitete die Rede mit stürmischem Beifall. Der Bischof von Ripon sprach in lebhafter Rede seine Hoffnung aus, daß in ganz Europa das Empfinden wachgerufen werden würde, daß die Juden gerecht zu behandeln seien. Er stellte den Antrag, daß die illustre Versammlung das Gefühl der tiefsten Entrüstung und des Abscheus über die organisierten Metzeleien und Ausschreitungen, welche kürzlich an den russischen Juden verübt wurden und die in der Meinung aller Engländer ohne Ansehen der Partei und des Glaubens eine Beleidigung der Zivilisation und eine Schande der Menschheit sind, zum Ausdruck bringe und den Ueberlebenden tutb den Familien der Opfer ihre tiefste Sympathie ausspreche". Nachdem Herr Karl Stettauer einen kurzen Bericht überfeine Wahrnehmungen in Rußland gegeben hatte, in welchem er u. a. mitteilte, daß in Odessa allein 1000 Kinder Ganz-oder Halbwaisen geworden seien, beantragte der Erzbischof von Westminster Dr. Bourne folgende Resolution: „Die Versammlung spricht die Hoffnung aus, daß die inneren Wirren, unter denen das russische Reich augenblicklich leidet, schnell endigen, und daß dann alle russischen Juden dieselben Rechte wie ihre christlichen Mitbürger genießen werden, da dies das einzige wirksame Mittel ist, um die autijüdischen Greuel in Zukunft zu verhindern." Beide Anträge wurden einstimmig angenommen. Sodann gelangten verschiedene Schreiben zur Verlesung, vom Erzbischof von Canterbury, vom Premierminister Mr. Balfour u. a. Sir Henry Campbell- Bannerman schrieb, er sei überzeugt davon, daß die warme Teilnahme des englischen Volkes durch die herzzerreißenden Berichte in hohem Maße hervorgerufen wurde, und Mr. Balfour schrieb: „Die Behandlung der jüdischen Bürger durch europäische Völker ist seit den mittelalterlichen Zeiten sicherlich der dunkelste Punkt in der Geschichte der Christenheit, und ich hoffe ernstlich, daß die Frucht dieser furchtbaren russischen Tragödie die sein wird, daß jeder russische Jude Sicherheit, Freiheit und Gleichberechtigung erhält." Die-Resolutionen, in denen das Entsetzen der Versammelten über den organisierten Angriff auf die Juden und das Mitgefühl für die Leidenden zum Ausdruck gebracht wird, wurden dem Premierminister und dem Minister des Aeußeren zugestellt. — Mr. Oswald John Simon, einer der Einberufer der großen Londoner Protestversammlung gegen die Behandlung der Juden in Rußland, hatte sich um eine Aeußerung über die Judenfrage an Mr. Chamberlain gewendet. | Dieser schrieb ihm unter dem 2. d. M. wie folgt: „Ich habe Ihren Brief vom 1. Januar erhalten. Ich würde es kaum für notwendig gehalten haben, noch einmal meinem tiefen Mitgefühl mit dem jüdischen Volke in seinen augenblicklichen Drangsalen Ausdruck zu geben und mein Entsetzen über die Verbrechen auszusprechen, die gegen das jüdische Volk im Zusammenhang mit den Unruhen in Rußland verübt wurden. Diese sind ein nicht zu tilgender Flecken auf unserer christlichen Zivilisation, und ich bin überzeugt davon, daß die Regierung die Unterstützung des Volkes dieses Landes finden wird, wenn sie in jeder nur möglichen Weise bei der russischen Regierung Vorstellungen erhebt, die vielleicht geeignet sein könnten, irgendwie eine Wiederholung derselben zu verhindern." Von Ash und fern. Dem Generaldirektor der Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft, Geheimen Baurat Dr. Rathenau, wurde der Kronenorden II..Klasse verliehen. — In Charlottenburg wurde Justizrat Rosenberg zum ersten, der. Hausmakler Kaufmann zum zweiten Vorsitzenden der Stadtverordnetenversammlung gewählt. — Anläßlich der Weltausstellung in St. Louis haben der Regierungs- und Geheime Baurat Eger den Kronenorden II. Klasse, der Bankier C. W. Simons in Düsseldorf den Roten Adlerorden IV. Klasse erhalten. — Aus den: Verbandstag der deutschen Katholiken der Ostmark in Krotofchin hat der Zentrumsabgeordnete Pfarrer Hißlinger-Freyhan die Katholiken zur Einigkeit gemahnt mit den Worten: „Wenn die Christen sich zanken, dann macht der Jude die Musik dazu!" Sehr hübsch! - Zu Ehren des Stadtrats Kommerzienrats Adolf K a n - torowicz in Posen, der am 13. d. M. das Jubiläum seiner 25 jährigen Tätigkeit in städtischen und provinziellen Ehrenämtern feierte, veranstaltete ein Ausschuß, bestehend aus dem Landeshauptmann Dr. v. Dziembowski, dem Oberbürgermeister Dr. Wilms, dem Bürgermeister Künzer und dem Stadtverordnetenvorsteher Justizrat Salzein Festmahl. — In Sachen des antisemitischen Festliedes des Breslauer Vereins der christlichen Referendare erfährt die „Breslauer Ztg." authentisch, daß der Justizminister den dortigen Oberlandesgerichtsrat Ackermann mit der disziplinarischen Voruntersuchung betraut hat. Das Verfahren richtet sich gegen den Landgerichtsrat Hoffmann als vermeintlichen Verfasser des Liedes, eventuell auch gegen den Vereinsvorstand, nicht aber gegen alle Vereinsmitglieder. Eine Entscheidung ist noch nicht ergangen.. — In Koblenz ist am 4. d. M. Justizrat Selig mann, einer der ältesten Juristen Rheinlands, gestorben. — Unter den anläßlich des Jahreswechsels Ausgezeichneten befindet sich auch der Volksschullehrer Samuel Loew H ommel in Thalmässing, Bezirksamt Hilpoltsteiu, der den Titel eines Oberlehrers erhielt. — Der Privatdozent Dr. Silberschmidt in Zürich ist zum außerordentlichen Professor und Leiter der bakteriologischen Abteilung des hygienischen Instituts der Universität ernannt worden. — Der Maler Solomon I. Solomon in London ist zum wirklichen, der Maler Professor Israels in Amsterdam zum auswärtigen Ehrenmitglieds der englischen Akademie der Künste ernannt worden. — Russische Blätter melden, der Minister des Innern habe eine Erleichterung für die jüdischen Rekruten angeordnet, deren Familien durch die Unruhen geschädigt wurden. Tatsächlich lautet der Erlaß dahin, daß „die bei den Unruhen getöteten Rekruten vom Militärdienst befreit seien!" Bekanntlich ist jede jüdische Familie in Rußland verpflichtet, eine hohe Geldstrafe für jeden militärpflichtigen Angehörigen zu zahlen, der sich nicht stellt. Das ist also die „Erleichterung" in diesem Falle! — Auf die Bitte des Chacham Baschi von Konstantin opel hat der Sultan in einem am 2. d. M. veröffentlichten Firman den türkischen Juden gestattet, zugunsten der Familien ihrer in Rußland hingemordeten Glaubensgenossen Sammlungen zu veranstalten. Am Rand des betreffenden Firman hat der Sultan eigenhändig hinzugeschrieben : „An diesem Humanitären Werke wünsche ich mich selbst zu beteiligen." — In Newyork wird demnächst eine Konferenz der großen Organisationen stattfinden, die sich mit der Lage der russischen Juden und geeigneten Maßnahmen für die Hilfe beschäftigen soll.