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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-01-19 · Heft 3 (19.1.1906) · p. Seite 36

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 3 (19.1.1906)
Date
1906-01-19
Page
Seite 36 (sequence 12)
Language
German
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Es war abends. Wir saßen, ein ganzer Haufen, um einen Tisch in irgend einem Restaurant und tranken billiges Bier, während Gurweiß uns wieder einmal rn rosigen Farben seinen Lieblingsplan schilderte. Er wollte Kreisarzt werden und malte uns aus, was er dann alles leisten würde. Den Anstoß zu der ganzen Unterhaltung hatte eine Erzählung unseres Meisters Gljeb Uspensky gegeben, die wir eben zusammen gelesen hatten. Wir schlürften eine Flasche nach der andern und toastierten vielleicht in etwas überschwänglichen, überflüssigen Worten auf den Dichter und das von ihm geschilderte Volk. Zum Unglück saß am Nebentisch eine Abteilung der seuneese dor6e unserer Hauptstadt. Die jungen Leute bestellten fortwährend die teuersten Weine und toastierten ebenfalls laut. Sie ließen die Füßchen, Händchen und andere Vorzüge verschiedener Schauspielerinnen einer Operettenbühne leben. Ich weiß nicht mehr recht, störten unser Bier und unsere Toaste die jungen Herrchen oder nahmen wir Anstoß an ihrem Wein und ihren Reden, kurzum, die Atmosphäre zwischen den beiden Tischen war bald auf das Aeußerste gespannt. Einzelne elektrische Funken sprangen schon hin und her, aber das allgemeine Gleichgewicht war noch nicht endgültig gestört, bis zum geeigneten Moment natürlich. Der ließ denn auch nicht lange auf sich warten. Nach verschiedenen allgemeinen Anzüglichkeiten und nach mehr oder weniger geistreich-spitzen Bemerkungen, die ganz allgemein von beiden Lagern ausgesprochen wurden, drehte sich plötzlich einer „der Löwen" scharf zu uns und begann Gurweiß in der frechsten Weise anzustarren. „Ich habe Sie schon irgendwo gesehen," begann er mit nicht mehr ganz sicherer, etwas stotternder Stimme und lächelte höhnisch, fast verächtlich. „Das ist möglich," antwortete dieser, noch ganz in seine rosigen Pläne vertieft, „ich verstecke mich vor keinem Menschen." „Aber wo?" fing der Löwe wieder an, als suchte er wirklich in seiner Erinnerung. „Wo? . . . Ach richtig, Sie kamen nach alten Hosen fragen. Sie handeln mit abgelagerten Sachen, was?" „Nein," antwortete Gurweiß ruhig, während langsam eine tiefe Röte in seinem Gesicht aufstieg — „ich handle mit gar nichts. Sie irren sich." „Aber erlauben Sie," fuhr „der Löwe" unter dem allgemeinen Gelächter seiner Kameraden fort, „ich habe ein gutes Gedächtnis, so ein typisch semitisches Gesicht, das prägt sich mir ein. Was der Edle noch weiter gesagt und was Gurweiß wieder geantwortet hätte, ist schwer zu sagen. Seine Rede wurde ganz plötzlich unterbrochen. Einer von unS, mein nächster Nachbar, ergriff eine leere Bierflasche und warf sie dem Löwen direkt an die Nase, so daß ihm das Blut über das Gesicht und das weiße Vorhemd strömte. „So, so, Brüder, gebt's Ihnen ordentlich . . . direkt auf die Nasen." Die Flaschen flogen, ein ungeheurer Lärm und eine tüchtige Prügelei begannen. Der gutmütige Gurweiß lief sofort um Wasser für den verwundeten „Löwen", mußte seine Gutmütigkeit aber bitter büßen, „der Löwe" faßte seine Bewegung als neuen Angriff auf und packte ihn bei den Haaren. „Ein Duell, wir müssen uns schießen!" tobte die jeunesse doree, „wir werdews Euch schon zeigen, schießen!" „Mit Mesiern, mit Kanonen, wie Ihr wollt!" antworteten wir. »Ich zuerst, ich mit ihm," schrie der Verwundete rasend. „Nein, Du entgehst mir nicht," fuhr er Gurweiß wieder an. der noch immer versuchte, ihn zu beruhigen. „Wir müffen uns duellieren!" ^Fortsetzung folgt.) Las Lied vom wackrrn LAritre (Spr. 31. 10-31.) Uebersetzl von Dr. E. Baneth. Zur Erinnerung an * # ein sich ein wackeres Weib verbunden, Der hat den köstlichsten Schatz gefunden. Völlig vertraut ihr des Gatten Seele, Sicher, daß nie es am Nötigen fehle. Ihm zu Lieb" alles, nichts ihm zur Plage . Das ist die Losung all' ihrer Tage.. Eifrig erstrebet sie Wolle und Linnen, Reget die Hände mit fröhlichen Sinnen. Gleichet dem Schiffe des Kaufmannes gerne. Bringet ihr Brot aus weitester Ferne. Früh schon erhebt sie sich, lang vor dem Morgen, Um für das Haus und die Mägde zu sorgen. Kauft sich ein Feld vom Ertrag ihres Fleißes, Bauet den Wein von der Frucht ihres Schweißes. Gürtet mit Kraft ihre herrlichen Lenden, Schaffet mit nimmer ermüdenden Händen. Fühlt durch den schönen Erfolg sich erfrischt, Nimmer des Nachts ihre Lampe erlischt. Greifen zum Rocken die emsigen Hände. Dreht .sich die hurtige Spindel behende. Arme erquickt sie mit freundlicher Gabe, Spendet den Dürftigen von ihrer Habe. Sorgt, daß vom Schnee ihr Gesinde nicht leidet, In Karmesin sind sie alle gekleidet. Teppiche knüpft sie mit kundiger Hand, Byssus und Purpur sind ihr Gewand. Weit ist bekannt und geehrt ihr Gemahl, Sitzt er zu Rat in der Nettesten Zahl. Kostbares Linnen fertigt sie an, Gürtel verkauft sie dem Handelsmann. Prangend in Schönheit und Kraft allerwegen, Sieht sie der Zukunft lachend entgegen. Oeffnet mit Einsicht und Weisheit den Mund, Lehren der Liebe tut sie euch kund. Fördert mit Umsicht des Hauses Gedeihen, Mag sich dem trägen Genüsse nicht weihen. Dankbar verehren die Kinder sie drob, Singt der beglückte Gatte ihr Lob: Mannigfach taten sich Frauen hervor, Du aber ragst über alle empor. d " Eitel ist Anmut, Schönheit verblüht, Zierde der Frau ist ein frommes Gemüt. Laßt sie die Frucht ihrer Arbeit genießen — Aus ihren Taten soll Ruhm ihr entsprießen. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich siir die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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