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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-01-19 · Heft 3 (19.1.1906) · p. Seite 35

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 3 (19.1.1906)
Date
1906-01-19
Page
Seite 35 (sequence 11)
Language
German
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geschaffen, bleibt der „Pojaz" für uns das edelste literarische Vermächtnis von Karl Emil Franzos. Allen Müden und Indifferenten unter uns sollte man dieses Buch jetzt in die Hand geben zur Stärkung gegen Verzagtheit, zur Belebung der Treue zu unserem Glauben und zu den höchsten Idealen der Menschheit. Denn wie Franzos seinen Dominikanerpater das Wort homo homini lupus (der Mensch ist dem Menschen ein Wolf) in das oft richtigere domo homini deus „der Mensch soll zur Hilfe den Mitmenschen ein Gott sein" vor Sender „Pojaz" erläutern läßt, so sind die höchsten Fragen der Menschheit in Leid und Freud in dieser Dichtung aufgerührt; sie erschüttert unser Herz und führt so manchen Verzagten vielleicht zum Guten zurück. Der HuÄe. Aus dem Russischen von Grigorij Matschtet. T [fit fanden uns erst an der Universität wieder. Wir kamen einander entgegen wie alte Freunde und Kameraden, die eng verbunden sind durch gemeinsam erlebte Schulstürme und andere Ereignisse. Es ist seltsam, mit welchem Humor und welch allverzeihender Gutmütigkeit der Mensch an seine Schultage zurückdenkt. Aber auch ohne diese gemeinsame Schulzeit, David Gurweiß hätten wir doch alle geliebt. Er überragte die meisten an Verstand, geistigen Fähigkeiten und geistiger Entwicklung und blieb doch immer der gute, ehrliche Kerl, der er schon in der Schule gewesen war. Er hatte noch immer die gleiche Naivität in Dingen des Lebens, die andere mit tausend Tücken und Listen erschleichen. In seinem Anzug hatte er noch die gleiche Nachlässigkeit, noch immer führte er einen erfolglosen Kampf mit Knöpfen, Bändern und Bändchen; nur trat jetzt manchmal eine naive unschuldige Sucht sich zu putzen dazu, die uns einen unerschöpflichen Vorrat an Witzen lieferte. Unter dem Einfluß des schönen Geschlechts war der Jüngling Gurweiß jetzt mitunter geneigt, mit einer ganz unmöglichen Kravatte schönzutun, die sich zu seiner Verzweiflung stets verschob, oder sich plötzlich mit neuen Kleidern zu brüsten, die stets erbärmlich saßen und sehr rasch die Eigenschaften der Neuheit einbüßten. Das war sein Tribut an die herrliche Kokette, die Göttin der Jugend, und er wurde stets knallrot wie eine Mohnblüte, wenn wir ihn lustig neckten. „Hollah! -Bruderherz, wie Du Dich wieder herausstaffiert hast. So eine famose Krawatte. Aber warum ist denn das Bändchen rückwärts verkehrt?" Gurweiß wurde blutrot und verzog ärgerlich das Gesicht. „Nu! nu! Was ist das für eine komische Art von Euch, jede Kleinigkeit zu bemerken", brummte er und schob die widerspenstige Krawatte zurecht. „Eine merkwürdige Eigenschaft! Me Krawatte, als Wenns nicht gleichgültig wäre, wie eine Krawatte aussieht." „Na warte mal, Verehrtester. Schallt, neue Beinkleider mit hohen Säumen hat der Jüngling auch, und die Stiefel knarren. Weiß der Himmel, wie elegant der Mensch wird. Aber Bruderherz, die Knöpfe könntest Du doch schließen ..." „Eh!" ries er unwillig, die Schultern zuckend, und beeilte sich doch, seine ewigen Sünden gut zu machen. „Na, sagt einmal, was geht Euch das alles an?" „Was es uns angeht?" lachten wir lustig. „Erstens ist es nicht ganz schicklich, und zweitens machst Du uns alle Mädchen abspenstig mit dieser Eleganz, Don Juan!" „Redet keine solchen Dummheiten," wehrte sich Gurweiß verlegen und böse. „Was sollen diese Dummheiten! Und redet nicht so von den Frauen, das ist ihrer ganz unwürdig. Als wenn solche Aeußerlichkeiten irgendwie in Betracht für sie kämen; so flach find sie doch nicht." „Seht den Moralprediger. Und warum hast Du schöne gelbe Erbsen auf Deiner neuen Krawatte?" „Erbsen! Was für ein Blödsinn. Das sind gar keine Erbsen." „Na also Kaviar. Ganz egal. Sie fallen einenr auf eine Werst Distanz in die Augen. Das ist alles für Sarah Pawlowna. Gestehe Unglücklicher." Die letzte Bemerkung brachte Gurweiß vollends aus der Fassung. Seine niedliche kleine Landsmännin, die Feldscheerin Sarah Pawlowna, gefiel uns allen. Wir machten ihr alle ein wenig den Hof, schickten ihr Bücher und halfen ihr, sich für die Lektionen vorzubereiten, aber Gurweiß schienen ihre' schwarzen Aeuglein ganz ernsthaft verwundet zu haben. Bei jeder leichten Anspielung auf diesen eigentümlichen Umstand zuckte er empört die Schultern, wurde noch röter und schob seine Studentenmütze energisch in den Nacken; sie saß ihm immer zu stark rückwärts und siel auf die Ohren. Dann rief er: „Daß Euch der und jener hole!" und flog wie eine Kugel aus dem Zimmer. Wie ehemals in der Schule, so bildete er auch jetzt eine lebendige, zweibeinige Antithese, nur war sie jetzt vielleicht noch schwerer und trauriger, weil sie bewußter war und sich vertieft hatte, weil sich mehr Leid hinter ihr und in ihr angehäuft hatte. Er war, wie wir andern, bei der Lektüre unserer besten, unsterblichen Literaturwerke ausgewachsen; die geistigen Väter unseres Denkens und Sprechens, Gogol und Puschkin, Bielinskij und Lermontof, Dobrolijubow und Nekrassow hatten auch ihn geleitet; er war „ein Russe" wie wir und er liebte das Volk wie wir alle, vielleicht sogar noch mehr, sicherlich aber uneigennütziger als die meisten von uns. Und für dieses leidenschaftlich geliebte Volk, sein Ideal, nach dem er sich mit allen Fibern seines reinen Herzens sehnte, war er nur der „Jud", d. h. ein feindliches, verächtliches Geschöpf, im besten Falle ein Mensch, an dem alle Aeußerlichkeiten, Aussprache und Bewegungen, soweit sie seine Namenszugehörigkeit verrieten, lächerlich waren. Darin lag schon ein richtiges Drama, so ein tragisches Drama, in dem Herzblut fließt und über das wir so gern im Theater Tränen vergießen. Und wieviel kleine und große Hiebe, wieviel Stiche und Wunden liefen nicht neben diesem großen Drama her! Wieviel Demütigungen und Beleidigungen mußte er auf sich nehmen, von Leuten, die ihn nicht persönlich kannten, bloß weil fein Name keine russische Endung hatte und seine Stimme leicht einen fremden, näselnden Laut bekam, wenn er unsere Freiheitslieder mitsang, was er leidenschaftlich gern tat. Selbst unter den Studenten, die ihn nicht näher kannten, gab es Kollegen, die ihn halb spöttisch, halb ironisch behandelten und ihn, mitunter vielleicht unwissentlich, auf das Tödlichste verletzten. Gerade unter Leuten, die wenig Gemeinsames haben, entstehen solche Herzensverletzungen so leicht. Und es gehörte viel Liebe dazu, viel Vertrauen in den Menschen schlechtweg, um so rein und einheitlich dabei zu bleiben, wie David Gurweiß. Denn er duckte sich nicht und kannte die Verbitterung nicht. Ich erinnere mich deutlich an eine Szene aus unserem Studentenleben, sie war nicht ganz nüchtern, etwas komisch, aber so typisch, daß ich sie doch hier erzählen will.

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