Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-01-19 · Heft 3 (19.1.1906) · p. Seite 34

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 3 (19.1.1906)
Date
1906-01-19
Page
Seite 34 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228690-3228694--62330-3289463
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Dss letzte Werk von Kar! LmL! frsn?os. ii. arl Emil Franzos hat über seine Stellung zum Judentum auf Seite 10 der dem „Pojaz" angefügten Selbstbiographie schlicht und aufrichtig berichtet (und zwar zuerst den Lesern des „Woschod", wo der „Pojaz" in russischer Sprache vor der deutschen Ausgabe erschien). Franzos erzählt da, wie bei seinem Streben nach einer Professur der Philologie ebensowohl wie bei der'juristischen Laufbahn ihm damals, vor der „liberalen" Aera in Oesterreich, der Schritt zum Taufbecken nahegelegt wurde. Da erst habe er das ihm nach dem Gange seiner Erziehung fast unbekannte Judentum lieb gewonnen, weil sein Pflichtbewußtsein den schnöden Abfall aufs äußerste perhorreszierte. „Mein Interesse für das Judentum, das Gefühl meiner Zusammengehörigkeit mit den armen Kaftanjuden in der Ezernowitzer „Wassergasse" wurde ungleich stärker als bisher." Ueber den „Pojaz" sagt Franzos: „Ich glaube, auch in ineinen ersten Schriften meine Pflicht gegen meine Stammesgenossen erfüllt, nicht gegen, sondern für sie, nicht zu ihrem Schaden, sondern zu ihrem Heil gewirkt zu haben. In dieser Zuversicht haben mich auch meine chassidischen Schmäher und Angreifer nicht wankend gemacht . . . Ich habe es lächelnd ertragen, weil ich mir sagte: „Dies ist der beste Beweis, daß du deine Pflicht getan hast. Wärest du so töricht, so ungerecht, so feig gewesen, deine Waffen nur gegen die äußeren Feinde des Judentums zu kehren und nicht gegen die inneren Gegner einer gesunden Entwicklung, so wären diese Herren mit dir zufrieden gewesen, aber sonst niemand anders und am wenigsten dein eigenes Gewissen." Franzos fügte zum Schluffe hinzu, er habe sich bemüht, seinen „Pojaz" so zu schreiben, daß er von jedem Leser, gleichviel welchen Bekenntnisses, auch wenn er nie einen Juden des Ostens selbst gesehen hat, verstanden werden kann. Es kann unsere Aufgabe hier zürn Schluffe eines Referats über das Werk, dein FranzoS mit Recht eine so hohe Bedeutung beigelegt hat, nur noch sein, nachzuweisen, daß Franzos das Beste ans seinem eigenen Leben, sowie seine höchsten Ideen für die wahre Emanzipation seiner galizischen Glaubensgenossen zu einem besseren Verständnis des Judentums in den „Pojaz" hineingewebt hat. Der „Pojaz" ist Franzos' reifstes, dichterisch reinstes und am höchsten stehendes Werk. Und gerade die in einer hoffentlich nicht allzufernen Zukunft gänzlich von der äußeren und inneren Tyrannei zu einem menschenwürdigen Dasein erlösten Juden des Ostens werden dereinst seinen Namen mit Verehrung nennen und den Ruhm des edlen Schriftstellers und Kämpfers durch alle Länder tragen. Hier im „Pojaz" hat Franzos die Schlacken der Tendenzliteratur abgestreift; das jugendlich scharfe Pathos des Anklägers ist vor dem reinen Humor zurückgetreten und Franzos hat uns die Frage: „Warum erst in diesem Werke?" selbst sehr richtig beantwortet: „Nun, vielleicht muß man älter geworden sein, mehr erfahren und mehr gelitten haben, um das „Lächeln unter Tränen" zu erlernen. Aber auch nach anderer Richtung darf ich diesen Roman einen humoristischen nennen. Er sucht dein Leser die Fülle jenes eigentümlichen Witzes und Humors nahe zu bringen, der im Ghetto des Ostens zu finden ist, und darf darum keine der Formen vermeiden, in denen sich dieser Witz bewegt, also auch die Formen des Wortspiels nicht." Franzos vergoldet hier im „Pojaz" mit seinein Humor gerade das Dasein der Niedrigsten im Ghetto, die dort wie sein zum Künstlertum emporstrebender Sender Kurländer, genannt „Pojaz", als halbe Parias gelten, und zu solchen oft erst recht gemacht werden durch den Haß und Druck fanatischer Engherzigkeit innerhalb und außerhalb des Ghettos. Hier in diesem Roman aber lachen und weinen wir in jeden: Kapitel mit diesen Parias, und von der Mitte des Romans ab, als der befreiende Geist des Fortschritts zu triumphieren beginnt, lachen wir sogar recht fröhlich, so mit i>en Späßen des Schadchen und Marschalliks Jtzig Türkischgelbs, der unserem tragisch endenden Pojaz Sender die verunglückte „Vermittelung" bei der Tochter des Uhrmachers Mortche Diamant nicht nachträgt und mit seinem guten edlen Herzen sein Mitkämpfer wird, als ihn Bosheit und Fanatismus wegen des Lesens deutscher Bücher verfolgen, als ihn der im höchsten Grade unberechtigte Verdacht, er wolle Proselyt und ein „Teitsch" werden, das Leben zu verbittern droht. Mit großer Kunst hat Franzos auch von dem Pater Marian, der Sender auffordert, dem Rabbi zu gehorchen, jeden Hauch, daß er mit seinem Leseunterricht andere Zwecke verfolge, geflissentlich ferngehalten. Aber was nutzt das alles in der Atmosphäre von Barnow, die das bloße Lesen der deutschen Bücher mit dem „Cherem", dem Banne, bestraft? Mit einem Blutsturz, der sein Leben bedroht, guittiert Sender über diesen Bann, der dann nachträglich aus Furcht vor der Obrigkeit und durch Jtzig Türkischgelbs geschickte Diplomatie aufgehoben wird. Karl Emil Franzos hat aber in diesen Roman auch eitt großes Stück seiner eigenen Entwicklung aus der Zeit seiner burschenschaftlichen Bestrebungen hineinverwebt. So liest ein ehemaliger revolutionärer Wiener Student, bett die österreichische Reaktion als Trainsoldaten nach Barnow verbannt hat, unserem Sender „Pojaz" das schöne Gedicht Moritz Hartmanns : „Der arme Jude" vor. Ein gebückter Hebräer schleicht zu Kossuth ins Zelt und bringt dein Diktator das Letzte, was er besitzt: „Was mir geblieben an Gelb »nd Gut Und was ich gerettet: mein Leben und Blut, Ich bring'? fürs Vaterland heran. Das ich in Ungarn neu gewann!" Sender hatte seine Freude daran. „Da sieht man", sagte er stolz, „daß wir Juden auch dankbar sind, wenn man uns gut behandelt." Ein andermal lasen der ehemalige Student und der das Lesen bei ihm erlernende Sender die ergreifende Klage: „Umsonst lag Deutschland in Gebeten Vor'm Gott der Freiheit auf den Knien- Mein armes Wien, du bist zertreten, Zertreten und gebrochen ganz, Wie Saragossa und Numanz, Und wie die Heimat der Karthager." Und zu dem ergreifenden Text wußte der arme Student aus der eigenen Erinnerung blutige, erschütternde Bilder zu inalen. Wie der Freiheitskämpfer gegen die finstere Reaktion, mit denen er als Student Sympathie geäußert — auch Opfer hat Franzos für diese Sympathie gebracht — so hat der Dichter im „Pojaz" auch den frommen Vätern der Dominikaner, bei denen Franzos in seiner Kindheit den ersten Unterricht genoß, ein kleines Denkmal der Dankbarkeit gesetzt, das größte und fittlich erhabenste Denkmal aber dem geläuterten Judentrim, dessen edelsten Pioniere einer in der deutschen Dichtung der so früh Dahingegangene gewesen ist. Die milden, klugen Züge des Entschlafenen blicken in einem schönen Porträt, das die Verlagsbuchhandlung I. G. Cotta dem „Pojaz" beigefügt hat, auf uns herab, mahnend, ermutigend und tröstend für so manchen, der noch im Osten mtb Westen unter finsterer engherziger Frohne seufzt. Aus den poetischen Erinnerungen der Jugend und der reisen Kraft des Mannesalters mit höchster Gestaltungskraft und strahlendem Humor

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.