Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1906)
- Date
- 1906-01-19
- Page
- Seite 31 (sequence 7)
- Language
- German
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: ■ V; :-;'v "'v " - 31 - Schädlingen zu entlasten; doch nicht schematisieren wird die Frau, sondern wägen. Prüfen, verzeihen und wieder prüfen und wägen und auch richten; aber immer wird sie eine Frau mit mütterlichem Gefühl bleiben, die noch hofft, wo der Mann schon aufgibt! Es erscheint uns zweifellos, daß zu der Verfeinerung des sozialen Sinnes, zu der Entwicklung des sozialen Gerechtigkeitsgefühls und warmherzigen Mitleids gerade die moderne Frauenbewegung unendlich viel beigetragen hat. Wir wissen es alle, das; die jüdische Frau nicht nur einen aktiven Anteil an dieser Bewegung nimmt, sondern vielfach sogar an leitender Stellung steht. Es ist also aus diesem Grunde nur eine Tat ausgleichender Gerechtigkeit, wenn man in allen jüdischen Gemeinden den jüdischen Frauen volle Anteilnahme und Gleichberechtigung bei der praktischen Betätigung des sozialen Sinnes gewährt. Und eine der Aufgaben unseres jüdischen Frauenbundes muß es werden, diese Forderung hinauszutragen in die jüdischen Frauenvereine, damit sie in ihren Gemeinden ein Heranziehen der jüdischen Frauen an der Gemeindearmenpflege bewirken. Das Solidaritätsgefühl der jüdischen Frauen wird dadurch gestärkt werden, sie werden lernen, daß ihr bestes Fühlen, ihre beste Kraft, ihren jüdischen Glaubensgenossen gehört. Wir stehen einem bransenden und wild brandendem Meere von Not gegenüber, demütig fleht Kindernot zu uns verzweifelt ruft uns die Not verlassener Frauen und Witwen an, unversorgte jüdische Mädchen wenden sich in der bangen Angst um ihre Zukunft an uns, auch jüdische Mädchen, die abirren vom Wege der Pflicht, mahnen uns an unsere Pflicht, zu helfen allen, die Gottesantlitz tragen. Viele israelitische Frauenvereine sind durch ihre Statuten geknebelt, und wenn sie auch die soziale Not um sich branden hören, so können sie ihr nicht in der Richtung steuern, wie ihr fortgeschrittener, verfeinerter Sinn es sie lehrt, und darum wollen wir Mitarbeiterinnen der jüdischen Gemeinde werden. Und auch uns wird diese Arbeit wie jede Arbeit ein Segen werden. Sie wird uns in Beziehung bringen zu fühlenden und empfindenden Wesen, wir werden ergriffen werden von den Problemen unserer gewaltig ringenden Zeit, wir werden teilnehmen an Aengsten und Qualen; aber auch an Freuden und Hoffnungen; wir werden Gutes wirken, Schönes schaffen, Göttliches pflanzen! Wie aber können und sollen wir es anfangen, um zu der jüdischen Gemeinde zugelassen zu werden? Ich meine, wir müßten zunächst durch unentwegte praktische Tätigkeit beweisen, daß wir fähig sind auf dem Gebiete der Armenpflege Gleichwertiges mit den Männern zu leisten, daß wir, wie auf vielen anderen Gebieten, auch auf diesem sie ergänzen können, daß wir da, wo männliche .Kraft und Energie versagen, mit weiblicher Milde und zäher Ausdauer einsetzen. Außerdem sollten wir versuchen, Fühlung zu nehnien mit den geistigen und geistlichen Führern der Gemeinde, daß sie ihren Einfluß dahin geltend machen, daß die Judenheit, die die Menschheit gelehrt hat, Achtung vor dem Weibe zu haben, dieses auch bei dieser, die ganze Frauenwelt bewegenden Frage, öffentlich dokumentiert, und uns gleiche Rechte einräume, wie die evangelischen, die katholischen Gemeinden ihren Frauen freudig zugestandeu haben. Ferner müßte der Bund als solcher an die führenden Vereinigungen innerhalb der deutschen Judenheit, ich denke dabei an den Gemeindebund, an den Orden Bne-Brith, an den Verband der deutschen Juden, herantreten, damit sie, soweit es in ihre Machtsphäre reicht, die Vorstände der Gemeinden für unsere berechtigte Forderung erwärmen. Aus der Hamburger Gemeinde kann ich mitteilen, daß das Repräsentantenkollegium über eine diesbezügliche Vorlage beraten, sie genehmigt und zu einer zweiten Lesung einer Kommission übergeben hat; nach deren Erledigung wird die endgültige Beschlußfassung durch die Kollegien erfolgen. Wie ich von kompetentester Seite weiß, sind die Vorschläge bezüglich der Frauen so gut wie gesichert. Danach werden bei uns in Hamburg in Zukunft sowohl weibliche Familienmitglieder von Gemeindemitgliedern die Gemeindeangehörigkeit besitzen, als auch Israelitinnen selbständig, ebenso wie Israeliten, die Gemeindeangehörigkeit erwerben können. Ferner werden weibliche Gemeindeangehörige in den Schulvorstand und in die Kommission für Wohlfahrts¬ und Armenpflege gewählt werden können. Für israelitische Mädchenschulen wird das von grundsätzlicher Bedeutung sein können, weil dann Erörterungen über Fortbildungsschulen, Haushaltungsschulen, gärtnerischen Unterricht usw. in Gemeinsamkeit mit Frauen zur Beratung kommen. Die Kommission für Wohlfahrts- und Armenpflege soll dann fürderhin auch aus weiblichen Gemeindemitgliedern bestehen, sie soll alle Gebiete der Sozialethik, Sozialästhetik, der Statistik pflegen und bearbeiten. Sie soll das Bindeglied zwischen den Institutionen, Stiftungen und Vereinen in der Gemeinde werden, um Wohnungspflege, Grundlagen der Erkundigungen (Recherchen), um Reinlichkeitspflege, kurz, um alles das sich kümmern, was im Hinblick auf die Gemeinde, ihren Zusammenhang mit der Judenheit Deutschlands und der Hebung Judas in geistiger, sittlicher und sozialer Beziehung zum eigenen Wohle und dem der Menschheit ersprießlich erscheint. Mögen derartige Kommissionen bald allüberall erstehen uild wir Frauen darin als dem Manne ebenbürtige Gefährtinnen segensreich wirken! Lrirk aus Kroatien. Von Professor Dr. G. Schwarz. Agram, im Januarelten dringt ins Ausland eine Kunde über Verhältnisse der Juden in Kroatien. Von diesem Lande weiß ja der Zeitungsleser kaunr mehr, als daß es einen integrierenden Bestandteil der Stephanskrone bildet und sich von Zeit zu Zeit durch Demonstrationen bemerkbar macht, die in Wahrheit viel harmloser sind als sie von sensationslüsternen Berichterstattern dargestellt werven. Zum Verständnis der hiesigen jüdischen Verhältnisse sei zuvor bemerkt, daß Kroatien in Kultus- und Unterrichtsangelegenheiten autonom, von Ungarn unabhängig ist, demzufolge die jüdischen Verhältnisse in Kroatien nicht die gleichen find wie in Ungarn. So hat z. B. ein jüdischer Kongreß in Ungarn im Jahre 1869 stattgefunden, der, anbei gesagt, nur Unheil und Zwiespalt geschaffen, hingegen haben die kroatischen Juden erst in diesem Jahre eine diesem Kongresse ähnliche Versammlung zustande gebracht, die — ohne prophezeien zu wollen — segensreiche Folgen nach sich ziehen wird, da sie zumindest eine Einmütigkeit hervorgerufen hat. Diese Versammlung, genannt nach deutschem Muster „Genieindetag", bildet einen wichtigen Markstein, einen bedeutenden Wendepunkt im Leben des kroatischen Judentums das sich endlich zu einer Tat aufgerafft hat, und verdient deshalb eine Würdigung rmd Berichterstattung für weitere Kreise.