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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-01-19 · Heft 3 (19.1.1906) · p. Seite 30

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 3 (19.1.1906)
Date
1906-01-19
Page
Seite 30 (sequence 6)
Language
German
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80 Anteilnahme der Milchen ssrsu an der Gemeindesrmenpkese. Von Sidonie Werner in Hamburg. mancher mag wohl ein Achselzucken Wr uns haben, daß wir heute, wckchjüWeldwiderhallt von dem Schmerzensschrei unserer unglücklichen-'Mu^r und Schwestern im Osten, hier zusammengekommen sind, um über Dinge zu beraten, die scheinbar weitab liegen vom großen Getriebe.') Aber die Schwergetroffenen selbst müssen den Forderungen der Natur, den Forderungen des Tages doch auch gehorchen, und wer je des Unglücks schwere Hand auf sich lasten fühlte, der weiß, wie bitter schwer es ihm wurde, sich dem Leben, gerade in seinen alltäglichen Forderungen wieder zuzuwenden. Auch für uns gilt es ein Losreißen von dem, was unser Herz in seinen Tiefen erschüttert, und nur die Hoffnung, daß unsere Worte hier sich zu Hause in Taten umsetzen sollen, die zu Saaten reifen mögen, aus deren Früchten nicht nur unseren Armen, sondern allen Armen Hilfe und Trost erstehen möge, gibt uns den Mut, uns unserm Thema zuzuwenden. Wir sind hier nicht zusammengekommen, um tönende Worte im Kampfe um der Frauen Rechte zu sprechen, ein Mahnruf, ein Weckruf sollen sie werden für jüdische Frauen, daß sie Helferinnen werden an dem stolzen Bau sozialen Fortschrittes; die Hälfte des Kummers fordern wirvon den Männern als ihre ihnen ebenbürtige GefähMnneü. Wer die Bibel kennt und die Geschichte unseres jüdischen Volkes, der weiß, daß wir mit dieser Forderung nur früher beseffene Rechte zurück- und nicht neuerwerben wollen. Ein Hinweis auf Mirjam, aus die Beraterin ihres großen Bruders, auf die Volkserzieherin, müßte genügen, um unsere Forderung nach tatkräftigem Anteil an der jüdischen Gemeindeführung zu unterstützen; aber unsere Forderung geht nicht einnürl so weit, wir bescheiden uns und wollen nur streben und kämpfen, daß man uns teilnehmen lasse an der jüdischen Gemeindearmenpflege. Der Trieb zur Barmherzigkeit und zum Wohltun ist so alt wie die Menschheit; in der Entfaltung des reinen Menschentums sind die Frauen den Männern stets wegweisend vorangeschritten, sind sie doch beseelt von der Eigenschaft, die der Zuchtmeister des Schmerzes ist, von der Geduld. Milde und verzeihend ist da§ weibliche Gemüt und' spontan ist die Hilfsbereitschaft der Frau, T * Und wie der weise Kömig Salomo auch die Tugenden der jüdischen Frau preist und auch der Mann ihm die Lobpreisungen an jedem Freitag abend beim Einzug der Königin Sabbat nachsingt, so wird es dem Manne doch gar schwer zuzugeben, daß seine Frau all' das herrlich Gepriesene in ihr und an ihr versucht in die Wirklichkeit zu übertragen. Unter allen Völkern preist man die jüdische Wohltätigkeit, sie ist ausschließlich eine freiwillige Liebestätigkeit, ihr gegenüber steht die öffentliche Armenpflege, die Zwangspflege, die Gemeindepflege. Die Mitarbeiterschaft an der jüdischen Gemeindearmenpflege ist bisher für uns jüdische Frauen noch ein verschlossenes Heiligtum, das nicht einmal die Priesterinnen unter uns betreten dürfen, die im Kampfe um des Lebens höchste Güter gelernt haben, wenn sie auf heiligem Boden stehen, alles, was Gewohnheit und Sitte ihnen an Oberflächlichkeit und Eitelkeit aufgedrückt haben mag, abzuwerfen. ') Dieser Vortrag wurde in der letzten Versammlung des „Jüdischen Frauenbundes" in Berlin gehalten. Die Red. Schon lange hat der Staat die Erfahrung gemacht,, daß die Frauen seine Pioniere in der Armenpflege sind, seine treuesten, unentbehrlichsten Helferinnen. Die evangelische und die katholische Gemeinde, sie möchten ihre weiblichen Mitarbeiter nicht mehr entbehren, nur wir jüdischen Frauen müffen noch seitab stehen, und doch haben wir es tausendfach bewiesen, daß auch wir ein Herz haben für unser jüdisches Volk. Erst wenn die jüdischen Gemeinden uns heranziehen werden für die öffentliche Armenpflege, dann erst wird unsere Tätigkeit eine vollends gesegnete sein. Es lehrt die Erfahrung, daß die Heranziehung der Frauen ebenso wie zur staatlichen Armenpflege auch eine Notwendigkeit ist für die jüdische Armenpflege. Es ist aber hierbei mit der Heranziehung der Frauen dieselbe Erscheinung wie auch auf anderen Gebieten, wo es sich um eine Gleichstellung der Geschlechter handelt. Ein unbestimmtes Gefühl beschleicht die Mehrzahl der Männer, daß es sich da wieder um EmanziPationMestrebungen handelt, um ein Heraustreten der Frau aus )m Sphäre des häuslichen Lebens. Aber es handelt sich hier wirklich nicht um einen Sieg, den die Frauensache erringen will, es handelt sich darum, daß den Armen durch unsere Mithilfe an der öffentlichen Armenpflege geholfen und unter Umständen intensiver und andauernder geholfen werden kann. Eine genaue Betrachtung der Zustände und der Ursachen der Armut werden erkennen lassen, daß sie durchweg mit dem Hause und dem häuslichen Leben aufs engste zusammenhängt und daß jede Hilfe an das Haus und an das innerliche häusliche Leben anknüpfen muß, soll sie wirksam sein. Alles aber, was mit dem häuslichen Leben zusammenhängt, r liegt dem Verständnis der Frau nahe, hier ist ihr natürliches Arbeitsgebiet. Mit der Auszahlung einer Geldsumme ist auch die öffentliche Armenpflege nicht erschöpft. Gründlich wird sie erst verstanden, wenn der Gemeindearmenpfleger auch der Freund und Berater der Armen wird. Hier setzt wieder die natürliche Begabung der Frau ein, die es mit mütterlichem Instinkte versteht, sich das Vertrauen der Pfleglinge zu gewinnen. Nicht diejenigen Frauen sind die geeignetsten für die öffentliche Armenpflege, die die Theorie der Armenpflege studiert oder diesbezügliche Vorträge gehört haben, sondern vorwiegend solche, die das verwerten können, was sie das Leben, das Haus, die Familie gelehrt haben. Ich bin sicher, daß in den hartnäckigen Fällen, in den sogenannten verzweifelten, die einer mühevollen, speziellen Beachtung bedürfen, wo es gilt, zerschlagene Existenzen wieder aufzurichten, niedergetretenes Ehrgefühl hochzübringen, gebrochener Kraft einen Platz am Tische des Lebens zu erobern, um die verschämten Armen zu werben, sogar noch für die Parias der Gesellschaft, den Elendesten der Elenden, Mitleid zu haben, der Frauen kluger Sinn, der Frauen weiche Hand eher eine Stütze finden wird als der Mann, der auf das Ganze sein Auge richtet, das Lebensfähige bewertet nach dem, was es an Erfolgen aufzuweisen hat. Der Mann begreift den Standpunkt bedingungsloser Güte nicht, die das rettungslos Verlorene noch ergriffen versteht und dadurch oft noch anfrichtet, dem versinkenden in seiner Qual noch eine Erquickung durch sein r^Ms Herabneigen gewährt. Den LeberrUähigen sisird die Frau ebenso gut helfen wie der Mann, den chronisch Armen aber wird sie eher herausfinden, sie wird ihn einrangieren in die Siechen-, in die Armen-, in die Krankenhäuser, und, wenn es sein muß — auch in die Besserungs- und Strafanstalten, denn zu den Aufgaben der Armenpflege gehört es auch, die Allgemeinheit von den

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