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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-01-19 · Heft 3 (19.1.1906) · p. Seite 29

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 3 (19.1.1906)
Date
1906-01-19
Page
Seite 29 (sequence 5)
Language
German
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Bern erinnere ich mich, daß der Große Rat (der eben meist aus Bauern besteht) vor einigen Jahren alle jüdischen Bewerber um das Bürgerrecht, und nur diese, durchfallen ließ. Einen offiziellen Antisemitismus gibt es aber in der Schweiz ebensowenig wie einen Radau-Antisemitismus. ft In dieser Woche wurde die Nachricht verbreitet, Graf Witte habe kategorisch zwei Vertretern des Petersburger jüdischen Wohltätigkeitskomitees versichert, daß die Regierung künftig keine Judenmassakers in Rußland zulaffen werde. In allen Rayons, wo Juden wohnen, seien die weitgehendsten Maßnahmen getroffen. Versuche, derartige Massakers zu veranstalten, würden in höchstens 30 Minuten niedergeschlagen werden. Das klingt ja sehr hübsch — aber glauben muß man dran! Die russischen Juden werden sich hüten, derartigen Versicherungen mehr Glauben zu schenken, als sie es verdienen. Tatsächlich ist, wie uns berichtet wird, infolge der entsetzlichen Judenhetzen in Rußland der Auswandererstrom mächtig angeschwollen. Trotz dieser traurigen Erscheinung haben die Organisationen beschlossen, die zur Linderung der Not in Rußland gesammelten Geldmittel nicht zur Unterstützung der Auswanderung zu verwenden. Um mit diesen verhältnismäßig geringen Summen nur einigermaßen wirksam zu helfen, müssen sie vornehmlich zur Wiederaufrichtung der in Rußland zerstörten Existenzen verwendet werden. Nur auf diese Weise kann der Gesamtheit der Geschädigten wieder einigermaßen aufgeholfen werden. Die Auswanderung dagegen hilft höchstens einzelnen Personen; die Zurückbleibenden geraten jedoch durch den Wegzug der jungen und arbeitsfähigen Kräfte in eine noch schlimmere Lage. Da zur Auswanderung einer jeden Person eine erhebliche Summe allein als Reisegeld erforderlich ist, so könnte man selbst mit vielen Millionen nur einem winzigen Bruchteil der Geschädigten zur Auswanderung verhelfen. Dazu kommt noch als absolut entscheidend, daß die Haupteinwanderungsländer mittellose Einwanderer von der Landung in jedem Falle ausschließen. Schließlich ist in Betracht zu ziehen, daß der Arbeitsmarkt in den Einwanderungsländern so schlecht ist, daß viele Tausende der eingewanderten Juden ohne Brot blieben, so daß also nicht einmal mit der Auswanderung den Auswandernden selbst geholfen ist. Es wirken also innere und äußere Gründe zusammen, um oie Organisationen zu veranlassen, eine Unterstützung der Auswanderung abzulehnen. Irrtümlicherweise hat sich in Rußland das Gerücht verbreitet, Auswanderer würden namentlich in Berlin unterstützt. Viele, darunter Frauen und Kinder, sind in großes Elend geraten, weil sie diesem Gerüchte Glauben schenkten. Um weiteres Unglück zu verhüten, ist es nötig, im Lande selbst diesein Gerüchte entgegenzutreten. ft Die von den russischen Rechtsanwälten veranstalteten privaten Untersuchungen über die jüngsten Judenexzesse in Rußland haben ergeben, daß bei 80 Prozent aller Krawalle Polizei und Militär, namentlich aber die Kosaken, lebhaft beteiligt waren. Die Städtchen Bogopol und Olwiopol, welche beide am gleichen Tage ein Opfer der Krawalle geworden sind, sind nur durch ein kleines Flüßchen, über das eine Brücke führt, getrennt. Als das schwarze Hundert mit Bogopol fertig war und sich nach Olwiopol begeben wollte, wurde ihm vom dortigen Bürgermeister, dem Gendarm und dem Richter des Ortes auf der Brücke Brot und Salz entgegengebracht. Diesem Richter ist jetzt die Untersuch»,ng über die Vorgänge in Olwiopol anvertraut worden. Man kann sich denken, wie das Ergebnis sein wird. Im Gouvernement Poltawa wurde der Krawall von einem Herrn Kriwoschen, Sohn des früheren russischen Eisenbahnministers, organisiert. In zahlreichen Ortschaften wurden die Reihen der Kausmannsläden von Kosaken bewacht, welche den raublustigen Pöbel nur gegen ein hohes Entree passieren ließen. Senator Kusminsky. der vom Zaren mit spezieller Vollmacht nach Odeffa entsandt wurde, um über die dortige,, Vorgänge vom 30. Oktober bis 1. November eine Untersuchung einzuleiten, hat eine Kommission der Universität unter Führung des Prvfeffors Tschepkin empfangen, welche ihm haarklein das Benehmen des bekannten Bluthundes Neidhardt darlegte und unter Beweis stellte, daß der Krawall von Odessa von den Behörden schon anfangs Oktober vollständig organisiert war. Professor Kosrinsky legte ihm die dokumentarischen Beweise gegen Neidhardt und Kaulbars vor und wies daraus hin, daß er nicht nur als Vertreter der Universität sondern auch aller in Odessa bestehenden Organisationen vor ihn, stehe. Man forderte die Bildung einer Untersuchungskommission, an welcher auch nicht beamtete Personen teilnehme»,, ferner die Verabschiedung aller verdächtigen Beamten, damit sie nicht den Gang der Untersuchung stören, endlich volle Oeffentlichkeit der Untersuchung. Senator Kusininskh lehnte jedoch sämtliche Forderungen ab. Der Senat werde das von einer nicht aus Beamten bestehenden Kommission gesammelte Material nicht als vollwertig anerkennen. Die Absetzung von Beamten vom vierten Grade aufwärts stehe nicht in seiner Macht. Vergebens berief sich Professor Kosrinsky darauf, daß er, der Senator Kusminsky, ja als außerordentlicher Bevollmächtigter des Zaren unbegrenzte Vollmachten hätte. Auch die Untersuchung des Senators Turag in Kiew wird zweifellos im Sande verlaufen. Zwar erklärte er, alle Zivilbeamten, mögen sie noch so hohen Ranges sein, nötigenfalls dem Gerichte übergeben zu wollen. Allein vor der Militäruniform »nachte auch er Halt, und so mußte der Faden der Untersuchung in Kiew auch „ach kurzem Verlauf abreißen. Aus allem geht hervor, daß die Hoffnung, die eigentlichen Urheber der Krawalle zu fassen, auch dieses Mal vergeblich sein wird. ft Selbst die Judenfrage in Marokko muß zu den Jntriguen herhalten, die von diplomatischer Seite gegen Deutschland jetzt ausgeheckt werden. So schreibt die „Kölnische Zeitung", unzweifelhaft auf offiziösem Wege, aus Berlin: „Der „Jmparcial" hat die Nachricht verbreitet, deutsche Juden hätten eine Eingabe an den Kaiser gerichtet, damit er seinen Einfluß zugunsten der Juden in Marokko geltend mache; diese Eingabe sei ablehnend beschieden worden. Auf Grund zuverlässiger Erkundungen können wir seststellen, daß diese ganze Nachricht falsch ist. Eine derartige Eingabe ist niemals an den Kaiser gerichtet worden, konnte also schon aus diesem Grunde nicht abschlägig beschieden werden." Der Papst erklärte in einer Unterredung, er billige die Absicht Italiens, auf der Marokko-Konferenz für die Religionsfreiheit der Juden in Marokko einzutreten. Er erinnerte dabei an seinen Protest gegen die Judenmetzeleien in Rußland und sagte, die Menschheit sei eine Bruderschaft; er achte die Juden hoch wegen ihres Festhaltens an ihrem alten Glauben!

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