Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1906)
- Date
- 1906-01-12
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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beigelegt. Gleichzeitig hat der „Hilfsverein der Deutsch«: Juden" gemeinsam mit der Grotzloge des B'nei Brith-Ordens für Deutschland, zum Zwecke der Feststellung, wie viele Waisen in unserem Vaterlande untergebracht werden können, an die größeren jüdischen Gemeinden, Logen, Vereine usw. in Deutschland in einem Schreiben von diesem Schritt Mitteilung gemacht und die Anfrage gestellt, ob daselbst und unter welchen Bedingungen russische Waisenkinder unterzubringen find. Auch diesem Schreiben ist ein Schema beigefügt. Hoffentlich wird die Hilfsbereitschaft unserer Glaubensgenossen auch in diesem Falle nicht versagen, so daß das Zentralberichtsbureau möglichst schnell zu überblicken vermag, was von Deutschland für die Versorgung der Waisenkinder geschehen kann. Dieselbe Aufgabe ist auch in England und in den Vereinigten Staaten bereits in Angriff genommen worden. 8. Berlin, 1.Januar. JmSchwesternheim desVereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Berlin wurde die Chcmukahfeier am letzten Donnerstag in weihevoller Form begangen. Der Vorstand, die. Aerzte und viele Freunde hatten sich mit über 40 Schwestern eingefunden. Nach Absingung des Chanukahliedes hielt der Vorsitzende Herr Louis Sachs eine längere Ansprache, in welcher derselbe die Schwestern zur Ausübung der Nächstenliebe, der Barmherzigkeit und Opferfreudigkeit aufforderte. Alsdann wurden an fünf Schwestern die Diplome verteilt, nachdem dieselben ihre drei Pflichtjahre absolviert hatten. Elf zu Schwestern ernannte Schülerinnen erhielten das Vereinsabzeichen, ein in Silber gefaßtes Mogen- Dovid, und schließlich übergab Frau Kommerzienrat Julie Gerson Liebermann an fünf Schwestern die von ihr gestiftete goldene Verdienstbroche für zehnjährige treue Dienste. Die Schwestern wurden reich beschenkt und blieben noch einige Zeit mit dem Vorstand und den Gästen zusammen, bis die Pflicht sie wieder an ihre Arbeit rief. Der Verein zählt heute mit den auswärts wirkenden Schwestern 66 Schwestern und 14 Schülerinnen. Anmeldung neuer Schülerinnen nimmt die Oberin Frl. Blau im Schwesternheim entgegen. s. Berlin, 7. Januar. Der von der Wissenschaftlichen Vereinigung jüdischer Schulmänner ins Leben gerufene Ferienkursus hat seinen Abschluß gefunden. Auch er hat dargetan, daß in der jüdischen Lehrerwelt ein lebhaftes Streben nach Fortbildung rege ist und daß die Einrichtung von Ferienkursen wohl verdient, überall beachtet, eingeführt und ausgebaut zu werden. Außer 20 Mitgliedern unserer Vereinigung, 8 anderen Herren aus Berlin und 12 hiesigen Kolleginnen waren zur Teilnahme an den Vorlesungen erschienen: je 1 Kollege aus dem Königreich Sachsen und den Provinzen Pommern, Sachsen, Hannover, Hessen-Nassau, Schleswig-Holstein, je 2 Kollegen aus Westpreußen und Posen, 3 aus Hamburg und 4 aus Brandenburg, im ganzen 57. An den 9 Vorlesungstagen fanden 35 Vorlesungen statt. Ihr Thema ist ja bereits bekannt gegeben, und so begnügen wir uns mit dem Ausdrucke der Hoffnung, daß sie gewiß erreicht, was sie bezweckt haben: eine nachhaltige Anregung zu eigener Arbeit auf den behandelten Gebieten zu geben. Wir wollen es uns aber nicht versagen, den Herren Dozenten, denen wir ste verdanken, hier nochmals öffentlich unsern herzlichen Dank auszusprechen. Am 28. Dezember feierte die Wissenschaftliche Vereinigung bei Anwesenheit ihres Ehrenmitgliedes, des Herrn Direktor Dr. Adler, und anderer werten Gäste ihr 10.Stiftungsfest, das dank der hingebenden Bemühungen, besonders der Kollegen Falkenberg und Flanter, alle Teilnehmer in frohester Stimmung bis in die Morgenstunde zusammenhielt. Aus Anlaß dieses Stiftungsfestes hat die Vereinigung eine Festschrift herausgegeben, die von ihrem Wollen und Wirken Zeugnis ablegt. m. Stettin, 3. Januar. Am 28. v. M. beging der hiesige „Israelitische Knabenverein" das Fest feines 25jährigen Bestehens. Vom Oberkantor Sarafohn begründet, hat sich dieser Verein aus bescheidenen Anfängen in einer Weise entwickelt, daß er heute die gesamte jüdische Jugend Stettins umfaßt, eine Bibliothek von ca. 500 Bänden sein eigen nennt und aus den Beiträgen seiner Mitglieder in die Lage gesetzt ist, begabten, aber unbemittelten jüdischen Schülern durch Bestreitung des Schulgeldes die Möglichkeit zur geistigen Fortbildung und zur Wahl eines höheren Berufes zu geben. Dazu kommt, daß, da der Verein sein Stiftungsfest alljährlich innerhalb der Chanukahtage feiert, die hiesige israelitische Jugend von den flimmernden Shmbslen nichtjüdischer' Feste sich abweudet und hier vollen Ersatz findet. -Daher scharen die Feste des Knabenvereins fast alle Familien der Gemeinde um sich. Diesmal vollends, beim Jubiläum, konnten sämtliche Festräume des hiesigen Konzert- Hauses die Zahl der Erschienenen kaum fassen. Eingeleitet würde die Feier,, wie alljährlich, durch Anzünden der Chanukahlichter, dem ein, Orgelpräludium voranging und der Gesang der Chanukah-Hyinne folgte. Darauf ergriff der Vorfitzende des Vereins, Albert Ba er, das Wort zu einer trefflichen Rede, in welcher er die Tendenzen des Vereins und dessen, bisherige Entwicklung. näher auseinandersetzte. Auch Herr Rabbiner Dr, Vogelstein sprach, wie alljährlich, so auch diesmal dem Verein, seine Glückwünsche aus und knüpfte für dessen weitere Gestaltung zugleich einige Winke und Ratschläge daran. Nach einem Prolog, von Fräulein Burgheim gedichtet, folgte ein farbenprächtiger Reigen, in welchem die verschiedenen Jahreszeiten und Feste von jungen Damen allegorisch ,dargestellt wurden. Darauf wurden zwei Festspiele, ein ernstes „Der Weg der Treue" und ein humoristischer Einakter wirkungsvoll aufgeführt; die. Darstellung weckte begeisterte Stimmung und erntete lebhaften Beifall. Der weitere Abend brachte in Form eines Kabaretts treffliche Vorträge gesanglicher und deklamatorischer Art, sowie humoristische Darbietungen, während die Tanzlustigen den Ballsaal aufsuchten. Bis weit nach Mitternacht hielt das Fest die Teilnehmer in fröhlicher und gehobener Stimmung beisammen. — Für. den Begründer und langjährigen Kurator des Vereins, Herrn Sarasohn, hatten übrigens am 23. Dezember die Vereinsmitglieder einen großen Kommers veranstaltet, zu dem sich zahlreiche Mitglieder der Gemeinde und die Beamten eingefunden hatten, und wobei die Verdienste des Herrn Sarasohn, der zugleich an diesem Tage in das 60. Lebensjahr eintrat, in verschiedenen Toastreden gewürdigt wurden. — Auch eine Festschrift mit dem wohlgelungenen Bildnis des Herrn Sarasohn ist anläßlich der Jubiläumsfeier vom Vorstande herausgegeben worden. Möge der Verein auch fernerhin der Mittel- und Sammelpunkt der hiesigen israelitischen Jugend bleiben und zur Verwirklichung seiner schönen Ziele weiter blühen und gedeihen! Lp. Ans der Provinz Posen, im Januar. Das Handelsmann Lachs'sche Ehepaar in Kempen beging das Fest der goldenen Hochzeit. — Der Vorsteher der Synagoge und Rabbinatsverweser Nathan Wreschn er in Pudewitz beging neulich unter zahlreichen Ehrungen seinen 70. Geburtstag. — Kürzlich ist die verwitwete Frau Kommissionsrat Berta Cohn, geb. Bieberfeld, in Rawitsch im Alter von 76 Jahren gestorben. Mehrere Wohltätigkeitsanstalten in R. verdanken der Verstorbenen ihre Entstehung. Sie war Dame des Louisenordens. — Der israelitische Literaturverein in Ostrowo hat in seiner letzten Generalversammlung den bisherigen Vorstand wiedergewählt und beschlossen, den jährlichen Mitgliederbeitrag von 6 Mark auf 3 Mark herabzusetzen. Der Verein zählt jetzt 50 Mitglieder. — Die Verwaltung der Synügogengemeinde in Schildberg hat die Errichtung einer Badeanstalt im Gemeindehause daselbst beschlossen. ----- Schwersenz, 1. Januar. Mit Bezug auf Ihren ausführlichen Leitartikel in Nummer 50 Ihrer geschätzten Zeitung, dürste das Seite 591 über die jüdische Schulhäuser Gesagte 'sich lediglich aus die der Schulgemeinde ängehörigen Schulhäuser beziehen. Zu fraglicher Ansicht bestärkt mich der Umstand, daß seitens der Kreisschulinspektion — sicher doch im Aufträge derKönigl. Regierung — jüdische Gemeinden nach dem Besitztitel der Schulhäuser angefragt wurden. So war unsere Nachbargemeinde K. ldäs Schulhaus gehört der Kultusgemeinde) schon vor Jahren auf den klugen Gedanken gekommen, für eventuelle Fälle ihre Rechte noch besser vertreten zu können, und sich von der Schulgemeinde für die Schulräume und die Lehrerwohnung Miete zahlen zu lassen. Daß dies schon ein ansehnliches Gebäude ist, erhellt daraus, daß früher auch der Rabbiner und Schochet darin ihreWohnungen hatten. Soll auch neben Ostpreußen unsere Provinz nicht vom neuen Schulgesetz berührt werden, so sind gerade hier . Falle, wo jüdische Schulen wegen zu geringer Schülerzahl eingehen und mit einer christlichen vereinigt werden, nicht selten. So in letzter Zeit Tirschtiegel und Patusch. Leider gibt es auch jüdische Stadtverordnete, die sich von ihren christlichen Kollegen zu solchem Tun ins Schlepptau nehmen lassen. Eine sogenannte „Zweigschule" unter der Leitung.. eines tüchtigen Lehrers, und an solchen fehlt es unter den jüdischen nicht,