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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-01-12 · Heft 2 (12.1.1906) · p. Seite 24

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 2 (12.1.1906)
Date
1906-01-12
Page
Seite 24 (sequence 12)
Language
German
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„Ja," murmelte Gurweiß kaum hörbar. „Und haben sie der ganzen Klasse gegeben?" „Ja!" Anton Antonowitschs Augen blitzten. „Ein gutes Geschäft", zischte er. „Und warum haben Sie selber die Aufgabe falsch gemacht. He! Eine feine kommerzielle Berechnung. Um die Spuren zu verwischen?" Gurweiß wurde blutrot und zerrte krampfhaft an seinen Aufschlägen. „Nun, Geschäftemacher . . . Warum!?" „Darum . . . darum ..." sagte er endlich schluchzend .. . „weil ich selber dafür einen Fünfer von Ihnen bekommen wollte! . . ." Der Arme! Dieser komische „Fünfer" war also „das Geschäft" gewesen, mit dem er gleichzeitig zwei Fliegen fangen wollte, das also hatte er ausgeheckt, um uns zu retten und gleichzeitig Anton Antonowitsch gegenüber nicht ^unwürdig zu handeln. Er hatte sich selber geopfert um gleichzeitig zwei verschiedenen Kulten zu dienen, er hatte wieder einmal die einen und die anderen befriedigen wollen. Der Fünfer war die Strafe, die er selber über sich verhängt hatte, wegen seines Treubruchs an Anton Antonowitsch, denn so war er: gut, grundehrlich und einfältig. Jeder von uns fühlte es, und unwillkürlich murmelten wir beifällig: „Ei! ja, unser Jud!" Und schließlich mußte „der Jud", der uns alle gerettet hatte und sich dafür bei Anton Antonowitsch einen „Fünfer" holte, die Schule verlassen und an ein anderes Gymnasium gehen. . . »Fortsetzung folgt.» Geharnischte Sonette. Von Demokrit K. Gerechtigkeit. Gerechtigkeit erhöht ein Volk. Spr. 14, 13. seUge Lust, in lichter Zeit zu leben, Wo überall Gesittung hold erblüht': Voran ein „Hauptstadtvater" für sie glüht, Europens „Edle" sich für sie erheben! Selbst Rußlands Mob will kühn ein Beispiel geben, Wie er für Unparteilichkeit sich müht: Nicht nur aus Juden jetzt sein Gift er sprüht, Auch Christen zittern jetzt vor ihm und beben! Ihr saht dort Teufel menschlicher Gestalt, Die jäh den Letten schunden Ohr und Hand. Wie? Christ gen Christ im „heiligen" Reußenland? Weit Hatz und Heuchelei als hehr dort galt. „Gerechtigkeit erhöht ein Volk; doch Gnade, Die s i ch nur kennt, führt es aus Unheilspfade." Gemeindeleben. Am meisten haben uns die Betrachtungen zu den einzelnen Monaten zugesagt; da sind einzelne Aufsätze darunter, die geradezu klassisch sind. Auch in der Einleitung zum Propheten Jesaias ist viel Schönes, Geistreiches und Charakteristisches; am wenigsten sind wir natürlich mit den Betrachtungen zum jüdischen Gemeindeteben einverstanden. Hier trennen sich unsere Wege von denen Hirschs, aber wir scheiden nicht ohne ein Gefühl hoher Achtung und tiefer Sympathie von dem ausgezeichneten Manne. Auf welcher geistigen Höhe stand doch dieser Vertreter der Orthodoxie! Man muß nur die Rede lesen, welche Hirsch bei der Schiller-Feier der Realschule der israelitischen Religionsgenossenschaft am 9. Februar 1859 gehalten hat, und welche die rührige Verlagshandlung jetzt in zweiter unveränderter Auflage hat erscheinen lassen, um unser Urteil zu begreifen. Hier ist eine wahrhaft freie Höhe der Anschauung und Weltbetrachtung. Wir wollen nur zwei Stellen aus dieser Schiller-Rede zitieren, um dies zu motivieren. Auf Seite 10 dieser Rede heißt es: „Auf daß immer mehr und mehr das Bewußtsein im Kreise der Menschen wach werde, daß man Mensch sein könne, ohne eben einer gewissen Kirche anzugehören, daß immer mehr und mehr im Kreise der Menschen das Bewußtsein wach werde, daß das Recht und die Menschenwürde und die sittliche Menschenbestimmung unverrückbar jeglichem verbürgt und die einzigen siegreichen Heilsmächte der Menschheit seien, und daß immer mehr und mehr die Menschen sich in Würdigung dieser Güter vereinigen sollten, die die ewigen find und dem Wechsel der Zeiten nicht unterliegen." Und dann weiter: „Daß hier dem Geiste und zwar dem sittlich veredelnden Schillerschen Geiste diese allgemeine Würdigung dargebracht wird, das, meine Freunde, das würden unsere Weisen als eine Dämmerung jenes Morgenrots begrüßt haben, wo die Menschen einst alle aufstehen werden und die Binde vollends von ihren Augen fallen wird und die Gemüter und die Geister wach werden und man endlich aus weitem Erdenrunde begreifen wird, daß die Menschen nur Menschen zu sein brauchen, um sich auch gut und glücklich auf Erden unter ihrem einigen Vater im Himmel zu finden." So schrieb ein orthodoxer Rabbiner vor fast 50 Jahren — und heute? $ Nr. 5 des „Wegweiser für die Jugendliteratur" — herausgegeben von der Großloge für Deutschland VIII O. O. B. B. t im Aufträge der von ihr eingesetzten Kommission zur Schaffung einer jüdischen Jugendliteratur, redigiert von Dr. M. Spanier in Magdeburg — enthält ein Preisausschreiben für das beste jüdische Märchenbuch. Der hierfür ausgesetzte Preis von 200 Mark ist nachträglich von der Stifterin, unserer hochherzigen Glaubensgenosfin Frau Mary Rosenbaum in Tigru - Reamtu (Rumänien), um 100 Mark erhöht worden und dürfte die hochwürdige Großloge dem Betrage noch 200 Mark zufügen. Die Arbeiten müssen mit einem Kennworte (Motto) versehen sein und unter Beifügung eines verschlossenen Briefumschlages (mit gleichem Motto), worin sich der Name der Vers, befindet, bis zum 1. Oktober 1906 an das Bureau der Großloge für Deutschland VIII U. O. B. B., zu Händen des Herrn D. Wolff, Berlin, Wilhelmstraße 118 III, eingesandt werden. Die weiteste Verbreitung dieses Preisausschreibens ist erwünscht. Literarische Mitteilungen. — Samson Raph.'ael Hirsch: Gesammelte Schriften. II. Band. Frankfurt a. M. 1905. I. Kauffmann. Zwei Jahre nach dem Erscheinen des ersten Bandes folgte dieser zweite Band.. Inzwischen ist der Herausgeber desselben, Justizrat Dr. Hirsch, leider gestorben. Aber der zweite Band war schon zum größten Teil vollendet, als er seiner ersprießlichen Wirksamkeit zu früh entrückt wurde. Auch über diesen zweiten Band können wir nur dasselbe Urteil fällen wie über den ersten. Er enthält die Betrachtungen^zum jüdischen Kalenderjahr, die seinerzeit im „Jeschurnn" sehr viel gelesen wurden, ferner eine Einleitung zum Propheten Jesaia und mehrere Aufsätze zum jüdischen SVrrchsaÄ. Weißenburg, 2. Januar 1906. Verehrte Redaktion! ^hr Korrespondent aus dem Elsaß befindet sich in einem großen Irrtum, wenn er in der letzten Nummer der „Allg. Ztg. des Judentums" Professor Stilling in Straßburg zu den Christen rechnet, denn Professor Stilling ist Jude. Hochachtungsvoll Ein Abonnent. Druck und Verlag öon Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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