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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-01-12 · Heft 2 (12.1.1906) · p. Seite 23

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 2 (12.1.1906)
Date
1906-01-12
Page
Seite 23 (sequence 11)
Language
German
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selbst die Esel- Mir. hätten -Abstufungen vornehmen, den Mosf auf Zweier und Dreier herunterbringen und der -letzten Bank, „den Eseln", die gestohlene Ausgabe überhaupt nicht zeigen, oder sie doch zwingen sollen) ihre gewöhnlichen Fehler zu machen. Der letztere Umstand hätte ihrer Autorität keine Blöße gegeben, denn wenn sie uns an Kenntnissen nachstanden, so waren wir ihnen wieder an Kraft und Geschicklichkeit unterlegen . . . Aber wir hatten allzufrüh gefrohlockt und unsere falsche Taktik erst begriffen, als es zu spät war, und nun zitterten wir in Erwartung der Dinge, die da kommen sollten. Sie^ kamen rasch genug, nach drei Tagen. „Die Ziege" flog diesmal nicht ins Klaffenzimmer, sie trat ruhig, feierlich, fest ein und begegnete unseren erschreckten Gesichtern mit blitzesschwangerenfurchtbaren Augen. Anton Antonowitsch war blaß, schweigsam, er schien ein grausames Geheimnis zu hüten und unsere Angst stieg von Minute zu Minute. Wir atmeten kaum noch, nur unsere Augen hingen leidenschaftlich an seiner eckigen Gestalt und wir erwarteten die Lösung. Ein Gewitter, das war klar. Uns wurde schwül, ja unheimlich zu Mute und Anton Antonowitsch schien sich ein grausames Vergnügen daraus zu machen, unsere Qual noch zu verlängern. Statt wie gewöhnlich auf und ab zu laufen, setzte er sich ruhig aufs Katheder und begann langsam und deutlich die Namen der Schüler aufzurufen. — — Gurweiß erstarrte zur Salzsäule. Der Ausruf war vorüber. — Auf dem Tische lagen, sauber aufgeschichtet, die Hefte, aber Anton Antonowitsch sah sie nicht. — Die Augen waren scharf auf uns gerichtet und wir saßen mit vorgestreckten Nasen, ängstlich-schüchtern gesenkten Augen und blauroten Ohren, die unsere Verlegenheit deutlich an den Tag legten. — Totenstille. — Ueber uns fühlten wir das Beil des Richters, und demütig und schweigend, dabei doch leidenschaftlich erregt, harrten wir des ersten Schlags. „Die Esel." Das war der erste. Die ganze Klasse zuckte, wie bei der Berührung emes elektrischen Funkens und acht „Esel", acht kräftige, rotbäckige Jünglinge, erhoben sich bei diesem etwas seltsamen Ruf aus den letzten Bänken. „An die Tafel!" Mit gleichmäßigem, schweren Schritt, , voll verhaltener Würde traten die Helden, etwas blaß und verwirrt allerdings, an die) Richtstatt. „Schreibt!" Anton Antonowitsch diktierte einen Satz aus der Schulaufgabe. Der erste „Esel" schrieb die Worte fehlerlos an die Tafel. „Warum?" Die Esel schwiegen, natürlicherweise. „Warum so?" Anton Antonowitsch fragte noch drohender und betonte das „So". . Der „Esel" bewegte nur verzweifelt die Schultern. „Sie?" Der zweite runzelte düster die Stirn, als wollte er wirklich Nachdenken und — schwieg. . ' „Sie — Sie — Sie!" Aber jeder schwieg, sie bohrten ihre Nasen, sie zuckten die Schultern oder starrten Anton Antonowitsch verblüfft an. Antworten konnte keiner. Die Niederlage war klar, und wir fühlten ganz langsam den Boden unter unseren Füßen weichen. Anton Antonowitsch schwieg noch immer und blickte die Esel nur vernichtend an. Der ganze Haufen war rot wie gesottene Krebse, und die Augen wanderten hilflos hin und her. „Schreibt!" sagte Anton Antonowitsch wieder ruhig. Die Folter dehnte sich unendlich. Die „Esel" blickten sich verzweifelt an, — offenbar lag diese Frage bereits außerhalb ihrer Kompetenz^ Jeder ergriff der Reihe nach die Kreide, trat an die Tafel und brachte zwei, höchstens drei Buchstaben zusammen. „Wie kommt Ihr zu dem Einser?" Wir zitterten und „die Esel" standen atemlos; nur die Finger bewegten sich krampfhaft und klammerten sich dann an die Rockschöße. - „Hm . . . fehlerlos . . . großartig!" . . . Anton Antonowitsch dehnte die Silben und sah sich wieder die Esel an. Sie bewegten sich hilflos und in unserm Innern ging etwas vor. „Wer hat Euch die Aufgabe gegeben?" Unwillkürlich sah ich Gurweiß an; er war blaß, leichenblaß und die bläulichen Lippen bewegten sich krampfhaft ... er konnte jeden Augenblick zu schluchzen beginnen. „Wer?" „Die Esel" hoben die Köpfe und zuckten wie auf Kommando mit den Schultern, ein deutlicher Beweis, daß sie die Frage als vollkommen unverständlich zurückwiesen. „Gut! Auf Eure Plätze! Einen Tag Karzer!" Die Esel gingen mit festen Schritten auf ihre Plätze zurück. Anton Antonowitsch sah wieder schweigend die Klaffe an. „He! Ihr Mittleren!" Die „Mittelmäßigkeit" marschierte auf und das Schauspiel begann von neuem, nur war der Schluß noch tragischer. Die Mittleren gerieten in eine tödliche Verlegenheit, machten eine Menge Fehler und begannen schließlich in schmählicher Weise zu heulen, da sie an Heldenmut und Seelengröße weit hinter den „Eseln" zürückstandett. Auf die Frage, wer ihnen die Aufgabe gegeben habe, antworteten sie einige Mal hintereinander: „Niemand, wirklich niemand, Herr Lehrer, bei Gott!" sind heulten noch jämmerlicher. „In den Karzer!" Stille trat ein; Anton Antonowitsch machte eine Kunstpause. Jetzt mußte die Reihe an die „Guten" kommen, aber wir irrten uns, die „Guten" wurden in Frieden gelassen. Anton Antonowitsch rüstete sich zum letzten Schlag. „Also" — begann er langsam und machte wieder nach jedem Worte eine kleine bedeutungsvolle Pause — „also, alle haben einen Einser verdient. Großartig ... ich bin sehr zufrieden. Prachtkerle!" Die Prachtkerle senkten aus verschiedenen Gründen die Augen. „Großartig! . . . Lauter Einser und nur einem möchte ich einen Fünfer geben." Wir sahen uns unwillkürlich an. „Und dieser eine," fuhr Anton Antonowitsch langsam fort, „ist der erste in der Klasse. Ja, der erste," sagte er noch einmal deutlich, „es ist David Gurweiß ..." Der Genannte zuckte zusammen. „Warum haben Sie Ihre Aufgabe so gemacht, daß ich Ihnen einen Fünfer geben mußte, wo es doch eine Leichtigkeit für Sie ist, einen Einser zu bekommen," wandte sich Anton Antonowitsch jetzt unvermittelt an ihn. Gurweiß zupfte ratlos einen einsam baumelnden Knopf. „Warum?" Gurweiß schwieg noch immer, nur seine Augen füllten sich mit Tränen. „Und Sie haben mein Vertrauen mißbraucht und in meinem Buch nachgesehen. Gestehen Sie?"

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