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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-01-12 · Heft 2 (12.1.1906) · p. Seite 22

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 2 (12.1.1906)
Date
1906-01-12
Page
Seite 22 (sequence 10)
Language
German
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22 Szenen aus dem Ghetto doch sehr vorteilhaft ab, obwohl der Dichter auch hier gegenüber der Dummheit und dem Fanatismus die Narrenpeitsche nicht schont. In das Milieu seines Künstlerromans führt uns Franzos mit der plastischen Kraft seiner anschaulich einfachen Sprache alsbald ein: „Es ist ein überaus dumpfes, stilles, eintöniges Leben, dasder Jude in diesen Kotstädtchen des Ostens führt; noch gleichförmiger verbringt höchstens der slawische Bauer seine Tage, und der empfindet ihren Druck weit weniger, weil sein Geist ganz ungeweckt ist. Der Jude aber hat hebräisch lesen und schreiben gelernt, die Thora und der Talmud haben ihm einen heißen Wissensdurst erweckt, aber befriedigen kann er ihn nur immer aus derselben Quelle: dem uralten Wiffen der Väter. Von der modernen Bildung hält ihn ja ebenso der Wille der Machthaber, wie der eigene fromme Wahn fern! Nachdem er von Morgen bis zum Abend sür die Notdurft des Lebens gesorgt, möchte er erfahren, was in der Welt vorgeht, ob sich der Deutsche und der Franzose vertragen; vor 80 Jahren hat er wissen wollen, ob Napoleon noch nicht aus St. Helena zurückgekehrt ist. Seine Zeitung will der Mann haben, und die gedruckte christliche nützt ihm nichts, weil er sie nicht lesen kann. So hat es denn der Himmel gnädig gefügt, daß es dort wenigstens „Schnorrer" gibt. Denn der richtige^Schnorrer ist vor allem die lebendige, zweibeinige Zeitung ... Freilich lügt der Schnorrer oft, während in der gedruckten Zeitung immer nur die Wahrheit steht: auch ist seine Auffassung der Tatsachen oft eine subjektive, ja geradezu einseitige, während in jedem Leitartikel die einzige Meinung zu finden ist, die man als vernünftiger Mensch über ein Ereignis haben kann." So vergoldet der Humor, der unter Tränen lächelt, selbst das Düstere und Schwere in diesem Buch von Franzos, von dem eine belebende und stärkende Kraft'zumal für den Juden ausgeht, der Licht und gleiche Sonne im gleichen Wettkampf auch für die unter der Geißel der Not und des Fanatismus seufzenden Brüder im Osten in Bälde erhofft. „Ridendo dicere verum", — dieses echte Prinzip, die Wahrheit zu sagen in jener heiteren Form, die oft weiter dringt als Staatsakte und auch als Parlamentsreden, hat der verstorbene Karl Emil Franzos in seinem „Pojaz" verfolgt, in diesem Roman, den wir ehren wollen als des großen Wahrheitssuchers redliches literarisches Vermächtnis an uns, feine für ihre Brüder im Osten sorgenden aufgeklärten Glaubensgenossen im Westen. Dieses Buch hat tu der Tat jetzt eine Kulturmission. Es wird aber noch darüber hinaus ein bleibender und wertvoller Schatz der deutschen Romanliteratur werden, der ja nichts Menschliches sernliegt und die alle Nationen dieser Erde zu einem Wettgespräch am deutschen Herde zu versammeln liebt. Für eine zu erwartende neue Auflage sei noch kurz der Korrektor darauf aufmerksam gemacht, daß an mehreren Stellen Bachorim steht statt Bachurim und daß der Borsteher nicht Gabe heißt, sondern Gabbe. Doch das sind unwesentliche Kleinigkeiten bei einem so hervorragenden Kunstwerk, das weit, weit über unsere Kreise hinausdringen wird. Was Karl Emil Franzos einmal in der „Neuen Freien Presse" anläßlich des Zentenariums von Abraham Geiger gesagt hat, er werde künftigen Geschlechtern größer erscheinen als uns, gilt sicherlich auch dereinst von ihm selbst in gleichem Maße. Ser Jude. Aus dem Russischen von Grigorij Matschtet. II. nton Antonowitfch flog wie eine Kugel ins Klassenzimmer. Seine Äugen glänzten, die Brust atmete stürmisch und unregelmäßig, die Wangen glühten blaurot, Anton Antonowitsch frohlockte vom Kopf bis zu den Zehen und lief schmunzelnd und die Hände reibend auf und ab. Die „Ziege" würde gerächt werden, das lag in jeder Bewegung, das schien jedes Glied dieses eckigen, ziegenhasten Körpers auszudrücken. Er vergaß sogar den gewöhnlichen namentlichen Aufruf der Schüler . . . Die Schulaufgabe, die furchtbare Schulaufgabe wurde rasch diktiert und die Klaffe kratzte mit den Federn unter den spähenden Blicken des Professors. Oh! er sorgte dafür daß auch nicht ein Kopf sich zu einem anderen neigen, nicht ein Mund mit einem anderen flüstern konnte. Aber merkwürdigerweise kam es heute nicht zu derartigen Ereignissen. Die Schüler saßen sonderbar ruhig in ihren Bänken und die Federn kritzelten fast feierlich in den Heften. Anton Antonowitfch jedoch war so von seinem Triumpfgefühl erfüllt, daß er es nicht merkte, und er hätte diese Sittenreinheit sicherlich der Wachsamkeit seiner Augen zugeschrieben, wenn sie ihm ausgefallen wäre: Alle Strategien der Welt, alle Taktiken und alle Praxis fallen bekanntlichermaßen in dem einen Punkt zusammen, daß der vorzeitige I Triumph oft die Niederlage bringt, man übersieht die List und die Stärke ndes Gegners, Anton Antonowitfch frohlocke lieber nicht, Du würdest sonst vieles merken, was Dir jetzt entgeht. Es hätte Dir auffallen müssen, daß die Klasse Dich i schweigend und ernst enrpfing — ohne das gewöhnliche I Lärmen und Johlen — wie Helden, die von ihrer unüberj windlichen Kraft überzeugt sind. Du hättest auch merken > müffen, daß alle, buchstäblich alle im Besitze von Papier I und Feder waren, daß niemand über einen verenkten i Arm oder eine verstümmelte Hand klagte, keiner wegen Bauchschmerzen nach Hause gehen mußte. Es mußte Dir verdächtig Vorkommen, daß sogar „die Esel", Deine schlimmsten Feinde, selbstzufrieden die Federn über das Papier I kritzeln laffen und dabei tiefsinnig, wie echte Gelehrte, die I Brauen zusammenziehen. Und Du mußtest sehen, daß einzig I David Gurweiß, der Erste der Klaffe, der seine Aufgaben stets I Zeile für Zeile kannte, blaß und verstört auf seinem Platz saß | und zögernd, schüchtern fast in seinem Heft schrieb... Nein, j Anton Antonowitfch merkte gar nichts ... s Es läutete, die Hefte wurden eingesammelt und für uns 1 begannen schwere, lange Tage der Erwartung, in denen wir \ analysierten und kritisierten. Uns allen kam plötzlich das I dumpfe Gefühl, daß etwas nicht in Ordnung sei und David I Gurweiß schlich umher wie ein begossener Pudel. Nicht die Noten I ängstigten uns, wir wußten ganz genau, daß alle, buchstäblich I alle, einen Einser bekommen mußten, aber gerade in diesem I Einser lag die Gefahr, gerade das mußte uns verraten. Wir I begriffen zu spät, daß wir allzu plump über die listig I gestohlene Schulaufgabe gefrohlockt und eine Reihe von 1 Dummheiten begangen hatten, die alles aufdecken mußten, » statt durch kluge Taktik unsere Schleichwege zu vertuschen. 1 Ein allgemeiner „Einser"! Das war einfach absurd und doch » hatten wir alle fehlerlos abgeschrieben, selbst die Mittelmäßigen, |

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