Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-01-12 · Heft 2 (12.1.1906) · p. Seite 21

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 2 (12.1.1906)
Date
1906-01-12
Page
Seite 21 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228690-3228693--62312-3289444
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

21 Held dieser Geschichte — und zwar in Wahrheit ein Held, wenn man diese Bezeichnung nicht einem Menschen, der mit Aufgebot aller Kraft leidvoll nach einem hohen Ziel ringt, ungerecht verweigern will, hatte einen heroischen Vornamen. Er Hieß „Sender", in welcher gedrückten, gleichsam ausgeknochten Form der stolze Name Alexander, den die Juden in einer glorreichen Zeit ihrer Geschichte von den Hellenen übernommen, unter ihren gequälten, geknechteten Nachkommen im Osten Europas fortlebt. Minder heldenhaft klingt sein Zuname : Glatteis, den irgend ein Zufall oder die Laune eines Beamten seinem Großvater zugrteilt hatte. Sein Vater, Mendel Glatteis, war ein „Schnorrer" gewesen, ein fahrender Mann, der rastlos umherzog. Es gibt sehr viele solche Nomaden unter den Juden des Ostens." Franzos knüpft hieran ein kulturgeschichtlich interessantes Stück Entwicklungsgeschichte des jüdischen Schnorrers, der ja bei unseren Vätern vordem auch in Deutschland an jedem Sabbat mit zu Tische saß und beim „Plett"-Essen seine jüdischen Anekdoten erzählte oder ein „Stücke! Tauroh" redete. Eine ganze Anzahl solcher in gewissen Kreisen — und diese Kreise reichen oft sehr hoch hinauf — allbekannter jüdischer Schnorrerwitze hat Franzos seinem humoristischen Roman einverleibt. Der jugendliche „Pojaz" will sich um seines künstlerischen Strebens willen durchaus nicht verheiraten und auch von seiner Pflegemutter — denn er ist eine Waise — nicht verheiraten lassen. Er wird aber, nachdem er das Uhrmacherhandwerk erlernt hat, durch den Schadchen von Barnow, namens Türkischgelb, eine Figur, um die der Dichter einen drastisch kräftigen Humor verbreitet hat, förmlich mit Gewalt „auf Beschau" geschleppt zum Uhrmacher Mortche Diamant. Um sich der aufgedrungenen Ehe zu entziehen, führt Sender Pojaz im Uhrmacherladen eine Szene aus, zu der ihm sein komisches Talent und sein Künstlerblut verleiten und bei derer die übel beleumundete Familie des Uhrmachers durch allerhand spitze Reden und durch einen alten Witz von der gestohlenen Uhr so gegen sich aufbringt, daß er hinausgeworfen wird. Sender Pojaz hatte sich, als der ihm so fatale Schadchen in dieser Art am Horizont seines trüben Ghettodaseins störend für seine Zukunststräume austauchte, bereits einige der in der podolischen Gasse so streng verbotenen deutschen Bücher in der Klosterbibliothek der Dominikaner in Barnow aufgestöbert; er hatte dort unter anderen Schätzen der Weisheit Lessings „Nathan der Weise" gelesen, ein Buch, das ihn Karl Emil Franzos mit den Worten begrüßen läßt: „Gott Israels, Herr der Heerscharen, du starker und einziger Gott, ich danke dir, daß du gewährt, wonach dein Knecht gedürstet!" Um so mehr war Sender aber entrüstet, als er in der Klosterbibliothek auch einige jener schmutzigen, schlüpstigen Geschichten entdeckte, wie sie das letzte Viertel des 18. Jahrhunderts in so ungeheurer Menge geboren. „Es gibt auch schlechte Bücher", flüsterte er erstaunt vor sich hin, „um Gottes Willen — wozu gibt es solche Bücher? Wie kann es schlechte Bücher geben?" Franzos hat in der feinen Psychologie, mit der er das Schnorrerblut vom Vater her sich mit dem auflodernden, edleren Temperament des werdenden Künstlers einen läßt, in seinem Sender Pojaz eine in dem scharf sich entwickelnden Kontrast zum podolischen Ghetto sehr interessante Gestalt geschaffen, die jetzt wieder, wo es dort tageshell wird und hoffentlich bleibt, sehr aktuell wirkt; denn Gott sei Dank, die Schulzüstände in den jüdischen Gemeinden Russisch-Litauens, wie sie hier Franzos für die Jugendzeit von Mendel Glatteis, dem Vater Senders, also für den Beginn des 19. Jahrhunderts und auch für Senders Jugend im ganzen richtig schildert, existieren heute dort, und noch dazu in Kowno, oder gar in Wilna und Berditschew, deren Rabbiner nebenbei auch erwähnt werden, schon längst nicht mehr. Da sich die von der Herausgeberin mit Recht als diesem Buche und der ganzen Richtung von Karl Emil Franzos feindlich bezeichneten „dunklen Mächte" in der Tat bisher nur gegen einzelne Uebertreibungen in der Schilderung dieser Schulzustände gewandt haben, müssen wir bei der Jugend Senders noch ein klein wenig verweilen! So sind Wohl die scharfkantigen Steine, auf die als regelmäßiges disziplinarisches Mittel die Kinder im Ghetto von Barnow noch so um 1848 herum (denn damals begann Sender seinen hebräischen Leseunterricht) hingeworfen wurden, so daß sie sich, was auch Sender passierte, den Arm brachen, nur eine Legende, die Karl Emil Franzos zu gutgläubiger Charakteristik von einem der von ihm so vortrefflich geschilderten Wanderer des Ostens angenommen hat. Der Dichter, der Licht und Schatten nach der Kunst der Kontraste zu verteilen hat, hat aber sehr wohl das Recht, die Farben, namentlich wenn es sich um wirklich vorhandene Mißstände handelt, auch einmal etwas stärker aufzutragen. Und das Licht zugunsten des Judentums hat Franzos in diesem mit passenden Stellen aus unseren hebräischen Gebeten geradezu übersäten Roman wahrlich nicht gespart, denn es kam ihm ehrlich aus dem liebevollen Herzen. So spärlich ist auch heute noch das Licht der Aufklärung, nicht nur bei den Juden, sondern auch bei den Andersgläubigen im galizischen Ghetto, daß Franzos den von seinen Oberen verfolgten Pater Marian, der Sender in der.Lektüre Schillers unterweist, nachdem ihm sein Schüler offen bemerkt, er wolle Jude bleiben und Schauspieler werden, doch resigniert und wehmütig über Sender Pojaz sagen läßt: „Wo immer so ein Funke entglimmt, oft mitten im tiefsten Dunkel, und zur Leuchte wird, ist auch etwas Rätselhaftes dabei — den letzten Grund kennen wir nicht. Wir glauben, daß diese Funken sehr selten sind auf dieser dunklen Erde — das mag nicht richtig sein, sie sind häufig genug, nur daß wir von den meisten nie erfahren, weil sie das Dunkel wieder verschlingt... Und wie wird es diesem da ergehen?" Franzos deutet, indem er uns in der Einleitung die Tragödie des Schnorrerlebens schildert, das ja dem Leben der fahrenden „Schmieren" - Komödianten verwandt ist, bereits an, daß auch Sender Pojaz, der sich die Schwindsucht geholt und dessen Krankheit durch aufregende Verfolgungen gesteigert wird, leider untergeht, wie sein Vater, aber doch anders, da er vorher die Höhen moderner Bildung ersteigt und das Land seiner Sehnsucht, die Kunst, vor sich liegen sieht. Sender spielt auf einer galizischen Bühne einmal in seinem Leben beit Shhlock und wird von Dawison, dem großen polnisch-deutschen Künstler, der ja auch aus den geistig fruchtbaren Niederungen des slavischen Ostens stammte, sehr belobt. Der Humor, mit dem Franzos seinen armen, kranken „Pojaz" so kräftig durchleuchtet hat, verhütet schon an und für sich, daß die schwarzen Schatten in seiner Auffassung des galizischen Ghettos zu sehr hervortreten. Stimmung aber liegt auch hier, poetische Stimmung von höchstem Reiz, z. B. über der Szene, da Sender in seinem Leben das erste deutsche Buch sieht die Gedichte von Moritz Hartmann, oder auf der Schilderung der Klosterbibliothek, in deren kalten Räumen sich das werdende Künstlergenie leider bei seinem Wissenseifer den Keim der Schwindsucht holt; Stimmung auch über der Kneipszene mit Fedko, dem ewig durstigen Klosterwächter, wo Sender ebenso seelisch keusch und nüchtern bleibt, wie später in dem Leben und Treiben der modernen Schauspielervagabunden. Gegen das zerfahrene, aber lustige Chaos, das diese „Spieler" in das eintönige Treiben der galizischen Nester hineintragen, stechen an . höherer Moral und sittlichem Halt alle uns von Franzos vvrgeführten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.