Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1906)
- Date
- 1906-01-12
- Page
- Seite 20 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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der Himmel Himmel nicht fassen können", der Gott Jesaias', „dessen Gedanken nicht find unsere Gedanken, und dessen Wege nicht find unsere Wege, vor dem die Völker find wie ein Tropfen am Eimer, wie ein Stäubchen der Wagschale geachtet, und Länder wie verfliegender Staub." So hinausgehoben über den letzten Punkt, bei dem das naturphilosophische Denken schließlich Halt machen muß, hinausgehoben über alle menschliche. Fassungskraft, über Zeit und Raum, über Denken und Ausdehnung, lebt Gott im Geiste und im Herzen des Judentums. Dann heißt es aber auch . . . „Nicht wird ein Volk gegen das andere das Schwert erheben und nicht werden sie fürder den Krieg lernen." Diese Licht und Wärme spendende Religionssonne hat das Judentum ehedem am Horizont der Menschheit heraufgeführt. Düstere Wolken von Jrrtümern und Leidenschaften konnten sie wohl dem Anblick der Menschen eine kurze Zeit entziehen, aber ihren Glanz trüben konnten sie nicht. Auch die moderne monistisch-mechanistische Welterklärung, die jetzt viele Geister in ihrem Bann hält, vermag den Glanz dieser religiösen Weltanschauung nicht zu trüben oder gar zu ersetzen. Denn je mehr Geist sie zu ihrer Begründung aufwendet, desto erklärungsbedürstiger wird sie, weil sie gerade durch diese bewußte scharfsinnige Geistestätigkeit und intellektuelle Beherrschung ihres Stoffes sich mit sich selbst in den schärfften Widerspruch setzt. Dann hat das Judentum aus seinem höchsten Gottesgedanken noch etwas gewonnen, was vom Allerbesten ist: seine Gelehrten sind davor bewahrt geblieben, krankhaft selbstwühlerisch die Menschennatur und ihre sittlichen Anlagen in einer Weise philosophisch zu analysieren, wodurch dem Menschen das Leben moralisch verächtlich, wenn nicht gar verekelt wird. Das Judentum schöpft seine sittlichen Ideale aus der Quelle der vernünftigen Menschennatur, die ihrerseits in Gott ihren Ursprung hat.!,Man braucht nur ein Kapitel aus den alten Propheten, jeine Seite aus dem Talmud, ein Gutachten aus den Responsen der mittelalterlichen Rabbiner zu lesen, um aus dem mächtigen Aufwand von Geist nnd Gefühl in der peremptorischen Forderung des Rechts, in der Ermittlung dessen, was die Sittlichkeit in ihren allerfeinsten Verzweigungen heischt, in dem unbestechlichen Hinweis auf das, was Menschenpflicht und Menschenliebe gebieten, sich sosort zu überzeugen, in wie hohem Maße das sittliche Ideal als ein Ausfluß des Religiösen den Lebensodem, des Judentums bildet. Mit diesem^! seinem Gottes- und Sittlichkeitsideal hat das Judentum sich überlegen gefühlt im Altertum den heidnischen Völkern mit ihrem Götterkult, ihren Lastern und Verbrechen gegen die Menschennatur, im Mittelalter einen großen Teil anderer Bekenntniskreise mit feiner Entartung und Verrohung im Religionshaß, aus dem man angeblich „zur größern Ehre Gottes" ungezählte tausende Menschen ins tiefste Elend hinausgestoßen, schändlich entehrt, gepfählt und verbrannt; aber auch jetzt noch , fühlt es sich selbstbewußt gegenüber einer Generation, in der es noch Vorkommen kann, daß Millionen Juden, wie dies in Rußland und Rumänien der Fall ist, aus Religions- und Rassenhaß ihres Lebens keinen Tag sicher sind. Christen, Juden und Jslamiten haben sich seit alter Zeit um den Vorzug ihrer Religionen gestritten, in jüngster Zeit hat man von seiner Seite versucht, Babylonier als Rivalen austreten zu lassen. Die Wiffenschast hat zwar diesen letztern als eine Art falschen Smerdis entlarvt und seine Bewerbung mit guten Gründen zurückgewiesen, aber wie würde jetzt angesichts der um der Religion willen bis in die neueste Zeit hineinreichenden furchtbaren Leiden des Judentums der Spruch jenes „weisern Mannes", den Lessings Nathan auf den Richterstuhl zur Schlichtung der Religionsstreitigkeiten verheißt, lauten müssen? Nicht anders als im Sinn und Geiste des Spruches des weisen Salomo, der unter den streitenden Frauen das Kind jener als der wirflichen Mutter zuerkennt, die, von Liebe zu ihrem Kinde entbrannt, bereit war, alle Qualen und Leiden zu erdulden, um nur das Leben ihres Kindes zu retten. Nicht anders würde es mit bezug auf das Judentum lauten müffen, dessen Geschichte zum größten Teile nichts anderes ist als der ergreifendste, mit Blut und Tränen geschriebene Kommentar zu dem in der jüdischen Religion einzig dastehenden Satze der unbedingten Hingebung an tbie ewige Liebe. „Und Du sollst lieben den Ewigen, Deinen Gott, mit ganzem Herzen, mit Deiner ganzen Seele und mit Deinem ganzen Vermögen." Das letzte Werk von Karl Lmil fransos. i. er letzte, der liebste" — kann man mit dem hebräischen Sprichwort auch von dem soeben in Buchform erschienenen letzten Werke von Karl Emil Franzos sagen, das eigentlich allerdings nicht das letztverfaßte, sondern das letztveröffentlichte des Dichters ist, der es elf Jahre vor seinem allzufrühen Tode, im Juli 1893, im Alter von 45 Jahren, aus der Höhe seiner Schaffenskraft, vollendet hat. Als ein literarisches Vermächtnis von Karl Emil Franzos hat die Witwe des Dichters, Frau Ottilie Franzos in Wien, dieses Buch: „Der Pojaz. Eine Erzählung aus dem Osten", im Cottaschen Verlage herausgegeben, mit dem bereits am 15. Juli 1893 abgeschlossenen längeren Vorwort des verstorbenen Dichters und einigen den Sachverhalt erklärenden Zeilen: „Was Franzos bewogen hat, dieses Werk — wohl sein bestes und reifstes — mit dem er sich durch Jahrzehnte beschäftigt hat, solange zurückzuhalten, soll hier nicht erörtert werden. Nur soviel sei gesagt, zweierlei hatte kein Teil an dieser Zögerung: er hielt sein Werk keiner Aenderung mehr bedürftig und hat auch tatsächlich seit dem Jahre 1893 nichts mehr hinzu- und nichts hinweggetan, und er scheute nicht den Kampf mit den dunklen Mächten, die dies Buch vielleicht wieder gegen ihn aufgewühlt hätte. Denn bis zu seinem letzten Atemzuge blieb er ein Streiter für Recht und Licht." „Der Pojaz" hat bereits in seiner kurz nach dem Tode von Franzos erfolgten Veröffentlichung im „Berliner Tageblatt" viel Anklang gefunden, aber wir können nur jedem raten, das ganze Werk in seinem Zusammenhang als Buch noch einmal zu lesen. Denn es ist in der Tat Franzos' bestes Werk und doppelt wertvoll als das literarische Vermächtnis dieses großes Dichters und stets tapferen Streiters für die Kultur im Osten, um die ja jetzt in unseren und wohl auch in zukünftigen Tagen in der rauhen Wirklichkeit noch heftigere Kämpfe geführt werden und werden müssen, als hier in unserer selbst das größte Elend durch die Kunst verschönernden Dichtung. „Der Pojaz" ist eine humorvolle und doch tragische Künstlergeschichte, die uns das langsame Werden eines jüdischen Schauspielers schildert, eines erst Werdenden, der zugleich ein Held des Lichtes mitten in der Nacht des Fanatismus ist, und dessen Leben vor uns aufgerollt wird hier so recht in plastischer Schönheit, von der armseligen, im podolischen Ghetto verlebten Jugend bis zum frühen Tode dieses sich erst kurz vor seinem Ende zum deutschen Künstler emporringenden Sohnes des Professionsschnorrers Mendel Glatteis. „Sender, der Pojaz" wurde er in Barnow stets genannt, und die tragische Geschichte seines Lebens beginnt mit den Worten: „Der