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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-01-12 · Heft 2 (12.1.1906) · p. Seite 19

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 2 (12.1.1906)
Date
1906-01-12
Page
Seite 19 (sequence 7)
Language
German
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-Ueberzeugung erklärt hatte, es sei ja selbstredend, daß Juden, welche ans einem Orte kommen, in dem ein Judenkrawäll stattgefunden hat, als religiöse Flüchtlinge angesehen werden sollen. Benannter Jndurskh konnte auch Hypotheken im Werte von. 800 Pfund vorweisen. Allein er hatte nur zwei Pfund bar bei sich und mußte, da er mit Frau und Kind kam, deren neun aufweisen. Schließlich nannte er einen Verwandten in Liverpool, der telegraphisch die noch fehlenden sieben Pfund für ihn sandte. Auf die Nachricht davon und di« Mitteilung, daß er nun mit seiner Familie landen dürfe, brach er in ein krampfhaftes Schluchzen ans. Ein anderer Zurückgewiesener namens Moses Hermann behauptete, zweimal aus der russischen Armee desertiert zu sein und gab einen Verwandten in Leeds an, worauf er zur Landung zugelassen wurde. Auf diese Weise wurde 15 Personen noch nachträglich daS Landen gestattet. Der Gerichtshof erklärte jedoch ausdrücklich, daß er dieses Mal Gnade für Recht ergehen läßt, das heißt, es wurde offiziell ausgesprochen, daß das Einwanderungsgericht nicht im Traume daran denke, den Versprechungen von Aker Douglas, Juden, die aus einem Orte kamen, in dem Judenkrawalle stattfanden. als religiöse resp. politische Flüchtlinge anzusehen, nachzukommen. Sehr streng werden die Schiffe mit Transmigranten überwacht, damit von den Passagieren ja niemand nach England durchschlüpfe. Auch eine andere Bestimmung des Fremdengesetzes, wonach die Behörden das Recht haben, bereits in England lebende Fremde auf Grund eines Vergehens festzunehmen und beim Gerichtshof deren Ausweisung zu beantragen, ist bereits in Anwendung gekommen. Abraham Hampkowitsch wurde in London aus der Haft dem Gericht vorgeführt. Ihm wurde nachgewiesen, daß er, ohne sichtbare Mittel zu besitzen, sich vermutlich bettelnd umhertreibe. Der Verhaftete wurde jedoch mit einer kleinen Strafe von einem Schilling wieder in Freiheit gesetzt, da seine Festnahme in der Nacht vom Sonnabend, also zu einer Zeit erfolgte, da die Fremdenbill noch nicht Gesetz war. Der Polizei wurde aber empfohlen, ein scharfes Auge auf ihn zu haben, so daß Hampkowitsch vermutlich schließlich dem Schicksal der Ausweisung nicht entgehen wird. Sehr bezeichnend hat sich über das Gesetz ein Reisender aus Amerika, der zuerst in Calais von der Schiffsverwältung, dann in Dover von den Einwanderungsbehördcu einem strengen Verhör unterzogen wurde, geäußert. Er beschwerte sich darüber, daß er bei einer Temperatur unter Null jedesmal eine halbe Stunde lang vernommen wurde, und schloß mit der charakteristischen Bemerkung: „Die sogenannte englische Freiheit ist ebenfalls nichts weiter als ein grober englischer Humbug." T. MM-' Das jüdilch-religjöle Lewutztlem. Von Dr. Ludwig Pick. er künftige Geschichtsschreiber des Judentums wird den modernen, man kann nach Lage der Dinge wohl sagen: vom Zaun gebrochenen, religiösen Prioritätsstreit nicht mit Stillschweigen übergehen können. Zwei große Kulturmächte des grauen Altertums, die biblische und die babylonische, habeu sich miteinander gemessen und ihre Kraft gegeneinander erprobt. Der tote Nebukadnezar schien wieder erstanden zu sein. Und wie er einst dem letzten jüdischen König die Augen geblendet, damit er sein Unrecht einsehe, so sollte er jetzt nach Jahrtausenden -dieselbe Prozedur an dem Judentum vornehmen, damit es sich mit eigenen Augen überzeuge, daß die Bibel, auf die es so stolz ist, gerade im besten religiösen Teile deS Gottesbegriffs ein Plagiat der babylonischen Ueberkultur ist. Es hat sich aber gezeigt, daß das Ganze nur ein Traum gewesen. Der angebliche babylonische Jahve war nur ein galvanisierter großer Götterleichnam, ein Leichnam, wie es seine Kollegen, die anderen Götzen, auch schon bei Lebzeiten immer gewesen, und da das Judentum mitsamt seiner Bibel in ungeschwächter Kraft in Millionen Herzen lebt und atmet, das Babylonentnm aber seit undenklichen Zeiten verschollen und sir Moder zerfallen liegt, so hat im besten Sinne des Wortes der Lebende vor dem Toten recht behalten. Aber der Schatten des babylonischen Jahve ist doch nun einmal über die Schaubühne des aufgeklärten zwanzigsten Jahrhunderts gegangen, und da die meisten Menschen, ohne gerade auf Kant zu schwören, doch darin mit ihm übereinstimmen, daß hinter jedem Schein ein Ding an sich verborgen ist, so glauben immerhin viele, daß hinter diesem babylonischen Schattenjahve ein wirklicher ist und sind so an der Ursprünglichkeit des jüdischen Gottesbegriffes und infolge davon an der Offenbarung in Israel irre geworden. Die bezeichnete Geschichtsschreibung wird diesen Streit um so mehr als eine Katastrophe bezeichnen müssen, als gegenwärtig überhaupt die Zahl derer, die sich gegen die Religion im allgemeinen skeptisch verhalten, Legion ist, solche in breiter Oeffentlichkeit sich abspielende Kontroversen aber nur geeignet sind, ohnehin unklare Religionsbegriffe noch mehr zu trüben und den Jndifferentismus zu stärken. Andererseits ist es wieder eine bemerkenswerte Eigentümlichkeit, daß unter uns Juden nur selten überzeugte Atheisten anzutreffen sind. Eine Welt ohne Gott sich zu konstruieren, ist für einen Juden gar zu schwer. Dagegen widerstreitet schon seine geschichtliche Disziplinierung zur Erkenntnis dieses höchsten Gutes der Menschheit, so wie auch seine ganze Gemütsanlage im allgemeinen, der merkwürdige, wunderbare Gang der israelitischen Geschichte und das angeborene jüdische Herz, dessen warmer Liebesquell für Gott und Menschen selbst unter den bittersten Leiden, die ihm die Menschen bereitet haben, niemals erstarrt ist. Haben doch viele Philosophen im Lauf der Zeit selbst das Jahrhunderte hindurch als atheistisch aufgefaßte System Spinozas endlich richtig dahin verstanden, daß es nicht nur nicht Gott verneint und die Welt, bejaht, sondern umgekehrt Gott bejaht und die Welt verneint, somit den Weltbegriff in den Gottesbegriff aufgehen läßt. Lehnt das Judentum natürlich diesen spinozistischen Gottesbegriff auch entschieden ab, so ist es doch bezeichnend, wie tief und fest der Gottesgedanke und der Gedanke an Gott in der Stammesseele wurzelt, daß selbst ein Spinoza, wie Schopenhauer richtig bemerkt, nie behauptet haben würde, daß die Welt selbst Gott ist, wenn er nicht vom Judentum ausgegangen wäre. Dieses tiefe Wurzeln des Gottesgedankens im Herzen des jüdischen Stammes ist jedoch nicht zu verwundern, wenn wir zwei Umstände bedenken: Zunächst ist der jüdische Gottesbegriff ein so unendlich umfassender, daß keine Philosophie sich jemals über ihn hinausschwingen kann. Dann umfaßt aber auch dieser allerweiteste Gottesbegriff die denkbar tiefste Sittlichkeit, die größtmöglichste sittliche Weltordnung. Diese findet ihren klassischen Ausdruck unter anderm in den Worten der Schrift: „Haben wir nicht alle einen Vater, hat nicht ein Gott uns alle geschaffen, warum sollen wir gegen einander treulos sein." Der Gott Israels ist als ein lebendiger Gott aufgefaßt. Es ist der Gott Moses, „den der Mensch nicht sehen kann, während er lebt", der Gott Salomos, „den die Himmel und

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