Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1906)
- Date
- 1906-01-12
- Page
- Seite 18 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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zeitig gestattet, von dieser seiner Erklärung in der Oeffentlichkejt Gebrauch zu machen. Rosenthal-Köln glaubt nach Mitteilungen des in dieser Angelegenheit ungemein tätigen Sanitätsrats Dr. Apfel-Köln eine gleiche Gesinnung bei verschiedenen anderen Abgeordneten voraussetzen zu dürfen und hält überhaupt die Aufklärung, die Gewinnung von Abgeordneten für unsere gerechte Sache, für besonders wichtig. — Mit der eindringlichen Bitte, der Entwicklung der Angelegenheit die größte Aufmerksamkeit zu widmen, schließt der Vorsitzende die Verhandlungen um 5V2 Uhr. - iBritf aus London. er erste Januar des Jahres 1906 war ein bedeutungsvoller Tag für die ganze Judenheit Englands. An diesem Tage sollten zum ersten Male die Bestimmungen des Fremdengesetzes zur Anwendung gelangen, und mit ängstlicher Spannung sahen viele Juden Englands dem Tage entgegen, an dem sich auf Jahre hinaus das Schicksal vieler Tausender armer Glaubensgenossen entscheiden sollte, die auf die Auswanderung nach England ihre einzige und letzte Hoffnung setzen. Mit dem Schicksal dieser Flüchtlinge eng verknüpft ist auch das zukünftige Geschick der gesamten englischen Judenheit. Wenn die Fremdenbill die auf sie von den Antialienisten gesetzten Hoffnungen rechtfertigen und der seit 1881 dauernden jüdischen Einwanderung in England ein unüberwindliches Hindernis entgegensetzen soll, so wird auch dem englischen Judentum jede Zufuhr frischen Blutes und dem jüdischen Volke in England aller Kraftzuwachs und jede Verjüngungsfähigkeit abgeschnitten. Was dieses bedeutet, beweist das Schicksal der Juden in jenen Ländern, welche, sei es infolge gesetzlicher Bestimmungen, sei es durch behördliche Handhabung des Fremdengesetzes oder durch ihre geographische Lage von dem Gros des jüdischen Volkes eine längere Reihe von Jahren abgeschnitten blieben. Wir erinnern an das Beispiel der Jüden von Marokko, Tunis und Persien, vor allem aber an das klassische Beispiel der babylonischen Judenheit. Diese haben einst viele Jahrhunderte hindurch die Hegemonie des gesamten jüdischen Volkes innegehabt und haben das ungeheure Werk des Talmuds geschaffen. Nachdem aber sie von jeder Blutzufuhr von außen abgeschnitten waren und sich isoliert und auf die eigenen Kräfte angewiesen sahen, verkümmerten sie. Das pulsierende geistige Leben in ihnen geriet allmählich ins Stocken und sie wurden ein dürrer Ast am Lebensbaum des jüdischen Volkes. Der Tag des 1. Januar 1906 kam, und die Ereignisse, dieer brachte, haben allerofigenHoffnungen der englischenJudenheit zerstört. Schon das von der neuen liberalen Regierung erlassene Regulativ über die Handhabung des Fremdengesetzes hat alle diejenigen, die gehofft hatten, das neue englische Regime werde die Fremdenbill ad acta legen, gründlich ernüchtert. Danach wird die Ueberwachung des Fremdengesetzes einem Komitee mit dem bekannten Antialienisten Mr. W. Haldane Porter an der Spitze überwiesen, dem sämtliche 13 Lokalkomitees und alle Auswanderungskommissäre unterstehen. Die Zahl der Passagiere, die ein Schiff mitführen muß, um als Auswanderungsschiff charakterisiert zu sein, ist vom Regulativ auf 12 (statt 20 der Fremdenbill) festgesetzt worden. Alle Passagiere solcher Schiffe werden mit Ausnahme derer erster Kajüte als Emigranten angesehen und haben bei der Landung sich einer eingehenden Inquisition zu unterwerfen. Nicht ausgenommen sind selbst solche Schiffe, die nur eine einzige Klasse haben. Schiffe, die sich verpflichten, schon am Einschiffungshafen die Passagiere selber einem peinlichen Examen zu unterwerfen, haben nebst der ersten Mch die zweite Klaffe frei. Die Einwanderer müssen gesund sein und 5 Pfund für sich und je 2 Pfund für jeden ihrer Angehörigen vorweisen können. Geschieht daS nicht, so haben sie nachzuweisen, daß sie ein geeignetes Handwerk betreiben. Welches Handwerk als geeignet anzusehen ist, bleibt dem Ermeffen des untersuchenden Beamten überlaffen, welcher nach der Lage des Arbeitsmarktes zu bestimmen hat, ob im gegebenen Moment in England nach dem betreffenden Handwerk große Nachfrage herrscht. Derselbe ist auch berechtigt, den einwanderungslustigen Handwerker einer regelrechten Meisterprüfung zu unterziehen, um sich zu vergewissern, daß der Mann auch sein Handwerk gut versteht. Hat schon dieses Regulativ bewiesen, wie wenig die Liberalen gewillt sind, das von ihnen, als sie noch nichts zu sagen hatten, so heftig bekämpfte Fremdengesetz jetzt, nachdem sie ans Ruder gelangt sind, zu korrigieren, so hat der 1. Januar 1906 auch alle andern auf die neue Regierung gesetzten Hoffnungen der Juden zu nichts gemacht. Im ganzen find an diesem Tage 9 Schiffe mit 353 Fremden angekomnten. Davon hatten zwei nach Folkestone bestimmte Schiffe drei resp. zwölf Passagiere, die nach den Bestimmungen des Gesetzes ohne alle Hindernisse landen konnten. Die 338 Passagiere der übrigen Schiffe wurden einem überaus strengen Examen unterworfen. Die 32 Einwanderer, die der Dampfer „Sterling" aus Christiania brachte, ferner 60 Einwanderer aus Bremen und 13 aus Dieppe, zusammen 105 Passagiere, haben in Tyne, New-Haven und Hüll den Ansprüchen des Gesetzes völlig genügt. Schlimmer ging es schon den 108 Passagieren des „Sperber" und den 80 der „Silvia". Beide Schiffe kamen aus Bremen resp. Hamburg und hatten London als Bestimmungsziel. Die Untersuchung dieser beiden Schiffe, welche, um Zeit zu ersparen, während der IVzstündigen Fahrt von Gravesend bis zu den Docks von London erfolgen sollte, hat zum ersten Male die absolute Unausführbarkeit der Bestimmungen der Fremdenbill demonstriert. Die Beamten konnten mit der Examinierung der 188 Paffagiere bis 8 Uhr abends nicht fertig werden, und die Schiffe mußten, ohne eine dringende Ladung löschen zu können, die Nacht unter Anker auf der Themse zubringen. Bon den Passagieren wurden 20, darunter ein Chinese, wegen absoluter Mittellosigkeit zurückgewiesen, 19 von ihnen haben gegen die Zurückweisung appelliert. Sehr schlimm erging es den 45 Passagieren, welche mit dem der Great Central-Company gehörenden Dampfer „City", von Hamburg kommend, in Grimsbh landen wollten. Es war eine überaus kalte Nacht. Starrend vor Frost und zähneklappernd waren alle Personen auf dem Schiffsdeck versammelt und harrten ihres Schicksals. Der Arzt erklärte sie alle für gesund. Allein der untersuchende Beamte wies 17 Männer und 5 Frauen wegen Mittellosigkeit von der Landung zurück. Sie alle hatten wenig oder gar kein Geld, sahen elend aus und waren in Lumpen gehüllt. Die Zurückgewiesenen, Finnländer, Polen, zumeist aber Juden, protestierten laut gegen ihre Zurückweisung, jammerten und erklärten)' Ihn dein Bestehen eines neuen Gesetzes in England bei der Einschiffung nichts gehört zu haben; 15 von ihnen erklärten, politische Flüchtlinge zu sein, konnten aber, was ja selbstredend ist, dieses nicht dokumentarisch beweisen. Ein Jude namens Jndurskh konnte zwar beweisen, daß er aus Odessa komme. Allein die Berufung auf den dort stattgehabten Jndenkrawall genügte noch nicht, um ihn in den Augen des Gerichtshofs als religiösen Flüchtling zu legitimieren. Es ist dieses um so bezeichnender, als der konservative Minister des Innern, Aker Douglas, bei der Brteidigung der Fremdeubill seinerzeit mit dem Brustton der