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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-01-12 · Heft 2 (12.1.1906) · p. Seite 17

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 2 (12.1.1906)
Date
1906-01-12
Page
Seite 17 (sequence 5)
Language
German
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17 - stoßen wird, vermag ich in meiner Zurückgezogenheit nicht zu beurteilen. Ich wünsche Ihnen vollen Erfolg. Bei unserer Mitarbeit von Hier aus waren wir stets daraus bedacht, uns ein freies, unabhängiges Urteil zu wahren. Von all Ihrem Lob, meine Herren, darf ich wohl das eine annehmen, daß ich es der Pariser Zentrale gegenüber nicht an unerschrockener Kritik fehlen ließ, und niemals wurde diese als Unfreundlichkeit empfunden." Indem darauf Herr Dr. Neumann seinen Nachfolger im Vorsitz mit herzlichem Willkommen begrüßte, schloß er wie folgt: „Sie haben, verehrter Herr Geheimrat Goldberger, die Parole ausgegeben: Harehlwi m’köm obolsell: Wir wollen das Zelt unserer Wirksamkeit erweitern. So rufe ich Ihnen denn zu: In Gottes Namen! Und möge es Ihnen gelingen!" Sitzung des Lheimlchen Hsbbmeroerbsndes. Köln, 29. Dezember 1905. m 27. d. M. fand in den Räumen der Rheinlandloge eine außerordentliche Generalversammlung statt, an der die Rabbiner Dr. Baron - Birkenseld, Baßsreund-Trier, Levi-Krefeld, Neumark-Duisburg, Rosenthal-Köln, Samuel-Essen und Tawrogi-Kreuznach teilnahmen. Alle übrigen Mitglieder der Konferenz hatten ihr Ausbleiben entschuldigt. Nach einigen begrüßenden Worten gedachte der zeitige Vorsitzende Rosenthal-Köln des von einem schweren Unfall heimgesuchten Kollegen Dr. Frank und brachte die Absendung einer Depesche in Vorschlag, die die Grüße der Versammlung und die herzlichsten Wünsche zur Genesung zum Ausdruck bringen möge. Der Vorschlag fand allseitigen Beifall. Zur Tagesordnung übergehend, bemerkte der Vorsitzende, daß die gegenwärtige Sitzung nach dem ursprünglichen Plane von geschäftlichem Ballast frei und nur der Wissenschaft und dem kollegialen Gedankenaustausch gewidmet sein sollte. Mit Rücksicht auf die Einbringung des Schulgesetzentwurfs muß eine Besprechung dieser uns nahe berührenden Angelegenheit erfolgen; jedoch soll dem wissenschaftlichen Teil der Vorrang bleiben. Demgemäß erhält zuerst Samuel-Essen das Wort zu seinem Vortrage: Zur religionsgeschichtlichen Stellung des Judentums. Wie auf so vielen Gebieten, mußte das Judentum auch in dieser Hinsicht bisher mit dem Platz fürlieb nehmen, den nichtjüdische Wissenschaft die Gnade hatte, ihm anzuweisen. Von drei Seiten her ist uns in der religionsgeschichtlichen Forschung eine übereinstimmend erniedrigende Bewertung zuteil geworden, ohne daß wir uns mit ernsten Waffen zur Wehr gesetzt hätten: durch die mehr rückwärts schauendeorientalischePhilologie, durch die die ganze Breite der religiösen Erscheinungsformen durchmessende Religionsgeschichte an sich, und durch die emporstrebende protestantisch-christliche Theologie. In jener ragen Namen wie Delitzsch, Winkler, Jeremias u. a. hervor; in der andern Chantepin de la Saussaye und C. P. Tiele, aber auch Bousset, Niebergall und die religionswissenschaftlichen Volksbücher, und in der Theologie Harnack und Wellhausen. Ueberall ist,das Judentum den rein nomistischen Religionen beigesellt, also dem Parsismus und Islam; überall ist es eine Durchgangsform oder Vorstufe und hat das Christentum jedenfalls über sich. Die ganze, 18 Jahrhunderte umfassende Entwicklung des späteren Judentums wird entweder ignoriert oder als eine Epoche der Stagnation und des Absterbens hingestellt. Der Redner setzte sich mit den drei Parteien scharf auseinander und faßte seine Ausführungen zuletzt in fünf Leitsätze zusammen, welche seine theologisch-wissenschaftliche Ueberzeugung klar zum Ausdruck brachten. Da Dr. Samuel die Absicht hat, seinen Vortrag in der einen oder anderen Form der größeren Oeffentlichkeit darmbieten, verzichten wir an dieser Stelle auf ein näheres Eingehen. Nach der Mittagspause hielt Oberrabbiner Dr. Baßfreund-Trier einen Vortrag über „Die sogenannte erste Mischna", den er selbst als Bruchstück aus. einer zu veröffentlichenden Abhandlung bezeichnete. Mit Rücksicht darauf seien nur die wichtigsten Resultate mitgeteilt. Ausgehend von den Forschungen N. Krochmals, Z. Frankels und D. Hoffmanns über seinen Gegenstand, gelangt Redner unter Vorlegung eines sich über den gesamten Traditivnsstoff bis auf Scherira Gaon erstreckenden Materials zu grundsätzlich andern Ergebnissen als die genannten Gelehrten. Ihm ist die mischna rischauno, welche unsere Mischna oft erwähnt, nicht die einzige oder älteste Redaktion vor Rabbi, sondern die der Endredaktion unmittelbar vorangehende, öfter mit der mischna emzoi's (in Jeruschalmi und Tosifta) identische, meist aber zeitlich weit abliegende von der bis an die soferische Periode reichenden Urmischna. Während man längst zugab, daß Akiba und Meir eigene Mischnaredaktionen besaßen, behauptet Redner das Gleiche von allen Tana'im. Die bis in die Tempelzeit zurückgehenden Traktate Middot, Schekalim, Joma, Nega'im und Cholot beweisen den Trieb nach Systematisierung. Auch für die anderen Materien gab es schon vor Hillel, der einen Wendepunkt bedeutete, bestimmte Leitfäden, war also auch die sogenannte abstrakte Halacha nach logischen Gesichtspunkten geordnet vorhanden. Die Entwicklung nahm von Esra mit der Auslegung des Bibelverses ihren Anfang; dann entstand die reine Halacha, und zuletzt, vielleicht durch den Widerspruch der traditionsfeindlichen Sadduzäer hervorgerufen, wieder enge Anknüpfung an den Schriftvers. Beiden Rednern drückte der Vorsitzende Rosenthal-Köln den herzlichen Dank der Versammlung für ihre hochinteressanten Ausführungen aus, und erstattete dann selbst das Referat über den Schulgesetzentwurf. Er beleuchtete zunächst unter Hinweis auf die Broschüre von Direktor Dr. Adler die wirkliche Lage der jüdischen Volksschule, sodann auf Grund statistischen Materials die Verhältnisse im Rheinland, und unterzog die einschneidenden Paragraphen der Vorlage einer herben Kritik. Wie ein Hohn klinge es, daß in einem Gesetz, welches die jüdische Schule auf den Aussterbeetat setze, zum ersten Male seit einem Jahrhundert der Uebergehung, der Rabbiner wieder offiziell eingeführt sei; natürlich steht auch er unter Ausnahmebestimmungen. Wie alle jüdischen Organisationen, so müsse auch der Rabbinerverband in Deutschland gegen diesen Entwurf seine Stimme erheben, um im Interesse von Kultus und Religionsunterricht gegen die Verkümmerung der jüdischen Volksschule anzukämpfen. Er schlage eine Resolution mit folgenden vier Thesen vor: 1. Der Rheinische Rabbinerverband erkennt im neuen Gesetzentwurf eine nicht zu verkennende Zurücksetzung der jüdischen Schulinteressen, zumal auf dem Gebiete des Religionsunterrichts, und gibt dem Wunsche Ausdruck, daß auch der Rabbinerverband in Deutschland die geeigneten Schritte zur Abwendung dieser Rechtsungleichheit unverzüglich und nachdrücklich unternehme. 2. Der Rheinische Rabbinerverband steht, was speziell die Rheinprovinz betrifft, durch den neuen Gesetzentwurf die Forterhaltung einer Reihe von kleineren jüdischen Volksschulen ernstlich bedroht und damit die Existenz der betreffenden jüdischen Gemeinden selber, die bei Fortfall des Staatszuschusses für den Lehrer überhaupt keinen Kultusbeamten mehr werden besolden können. Er verlangt deshalb, daß eine Auflösung jüdischer Schulen gegen den Willen der jüdischen Schulsozietäten resp. Vorstände der jüdischen Synagogengemeinden nicht vor sich gehen dürfe. 3. Der Rheinische Rabbinerverband verlangt ferner, daß der Rabbiner, oder wo sich kein Rabbiner befindet, ein sonstiger von der Synagogengemeinde delegierter Vertreter auch dort in die Schuldeputation eintrete, wo sich keine jüdische Volksschule befindet, dagegen jüdische Kinder die Schulen der betreffenden Ortsgemeinden besuchen. 4. DerRheinische Rabbinerverband regt an, daß auch der Rabbinerverband in Deutschland eine ausführliche, die Unterschrift sämtlicher preußischer Rabbiner tragende Eingabe betreffend des Schulunterhaltungsgesetzes an das hohe Haus der Abgeordneten richte. Nach reger Debatte, an der sich alle Kollegen beteiligten, wird die Resolution einstimmig angenommen. Aus der Erörterung ist hervorzuheben, daß Tawrogi-Kreuznach von einer wichtigen Unterredung Mitteilung machte, die er jüngst mit dem Abgeordneten Dr. Hackenberg gehabt hat. Im Verlause derselben hat dieser einflußreiche Miturheber des sogenannten Kompromisses sich bereit erklärt, jeden von jüdischer Seite kommenden Verbesserungsvorschlag zum Schulgesetz wohlwollend zu prüfen, und an der Abstellung der darin beklagten Härten mitzuwirken. Dr. Hackenberg habe gleich-

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